Nützliche Unterscheidungen pt. 43 (The Problematic Edition)
Eine weitere zumindest pragmatisch nützliche Unterscheidung ist die Frage ob etwas ein Problem ist oder ein Umstand.
(frei nach clay shirky, der einmal ich glaube issak rubin den ausspruch if you have the same problem for a long time, maybe it’s not a problem, maybe it’s a fact
zugeschrieben hat)
Die Unterscheidung Problem/Umstand ist als Unterscheidung funktional deshalb interessant, weil sie gwm. nur auf der Ebene der Bewertung wirksam ist, die Beschreibung des jeweiligen Phänomens ist üblicherweise die gleiche und der Unterschied ist der Sache gwm. inhärent. Oder anders gesagt: man erkennt erst an der Bewertung (oder Betonung), ob der Unterschied gesehen wird oder nicht.
Gleichzeitig ist es oft so, dass die falsche Bewertung eines Umstands als Problem die in der Folge angedachten ‘Lösungen’ dann selbst erst an anderer Stelle Probleme erzeugen, weil man Umstände eben nicht lösen kann, sondern man mit ihnen leben/herumleben muss.
(es liegt glaub ich die vermutung nicht fern, dass mehr oder weniger die gesamte europäische und besonders natürlich die deutsche mediale hysterie und der dadurch getriggerte politische (re-)aktionismus bezüglich dem web/technologie nichts anderes ist als lösungen für fälschlicherweise als problem verstandene umstände, die dann auf der falschen ebene behandelt werden sollen; so betrachtet erklären sich phänomene wie oettinger, das leistungsschutzrecht, das recht auf vergessen, das netzwerkdurchsuchungsgesetz usw. fast von selbst)
(abt: draw the distinction!)
FYI 081
fyi: ironie ist im sozialen unmöglich.
Nützliche Unterscheidungen pt. 42 (The Constrained Edition)
Eine weitere nützliche und eigentlich gut bekannte, aber üblicherweise falsch utilisierte Unterscheidung ist das Constraint.
(ich verwende constraint, weil es im deutschen keine entsprechung ohne für diese unterscheidung kontraproduktive konnotationen gibt; zwang, einschränkung, restriktion, limitation, etc. haben alle den hauch eines makels oder mangels, während constraint zumindest nach meinem empfinden weitestgehend neutral klingt)
Ein Constraint ist allerdings keine normale nützliche Unterscheidung, sondern eine Unterscheidung mit nur einer (Innen-)Seite, die sich nur dann erzeugt, wenn man dem Constraint unterliegt.
(tut man es nicht ist man nicht auf einer anderen seite der unterscheidung, sondern einfach im ununterschiedenen raum)
Ich glaube so formuliert wird auch schon der Wert des Constraints offensichtlich: es wird aus dem Nichts ein Raum erzeugt. Und in diesem Raum wird natürlich nichts möglich, was im allgemeinen Raum grundsätzlich nicht auch möglich wäre, er ist ein strikte Untermenge der Möglichkeiten, aber durch die Beschränkung auf das Constraint entsteht öfter als nicht auch eine Verdichtung, die zu interessanteren Ergebnissen führt als sie sonst entstanden wären. Mehr ist nicht immer besser.
(das ist ein fast schon peinliches statement of the obvious, aber das übersehen des konstitutiven werts von constraints zieht sich durch grösste teile vom gebabbel über technologie und dem web, die grundannahme ist fast immer, dass jede form von beschränkung schlecht ist, dass jedes aufbrechen von grenzen gut ist, dass einzig das wuchern und wachsen und die freie entfaltung wünschenswert ist; fast alle medialen idealformen – das buch, die papierzeitung, die LP, das blog, twitter, haikus, usw. – entstehen innerhalb eines bündels extrem restriktiver constraints und keine aufweichung macht den output besser; das gleiche gilt für fast alle paradigmatischen apps und tools und überhaupt)
(abt: draw the distinction!)
FYI 080
fyi: sinn lässt sich nicht digitalisieren.
Pfadfinder
“seek a path, not a miracle”
-godin in this is marketing
(look for tools, not for rules)
Nützliche Unterscheidungen pt. 41 (The Rupture Edition)
Eine weitere im Grunde offensichtliche, aber derzeit in den meisten das Web u/o Technologie u/o vor allem den gesamten Komplex AI/AR/VR betreffenden Debatten und Produkten öfter als nicht übersehene Unterscheidung ist die zwischen Disruption und Interruption.
(als faustregel kann man sich wohl merken, dass nichts was derzeit von den pundits und ihrem journalistischen hofstaat als disruptiv konzipiert wird, sich im futurum exaktum auch als disruptiv herausgestellt haben wird – und wenn, dann anders als gedacht)
((ihr grundproblem ist wie so oft, dass sie das feld gewinnen und nicht die echten probleme lösen wollen, was sie und ihre tools dann selbst (als timesucker, als bioadapter, etc.) zum problem macht))
(abt: draw the distinction!)
Minimal Models pt. 4 (Next Generation Edition)
stellen wir uns einmal eine welt vor, in der es alle 10 jahre eine neue generation menschen und im web einen neuen dienst für soziale angelegenheiten gibt.
was wird passieren?
- in der ersten iteration werden sich alle (also nicht nur die aktuelle generation, sondern auch alle generationen aus den vorzeiten, als es noch überhaupt keinen dienst für soziale angelegenheiten gab), die einen persönlichen bedarf für sich erkennen können, auf diesem allerersten dienst für soziale angelegenheiten anmelden. und sie werden ihn 10 jahre lang benutzen und in der benutzung auch kulturformen der benutzung entwickeln und sich miteinander vernetzen.
- in der zweiten iteration werden sich dann alle auch kurz beim ersten dienst anmelden – allerdings nur, um dort vom neuen zweiten dienst zu erfahren, auf dem sie sich dann niederlassen. nur die wenigsten der zweiten generation werden primär auf dem ersten dienst bleiben, gleichzeitig werden nur die wenigsten der ersten generation primär zum zweiten dienst wechseln.
(mit diensten ist es immer ein bisschen so wie mit pisten. frisch sind sie nicht nur am schönsten, es gibt auch noch keine ausgefahrene bahnen, buckel oder beschilderungen, die die richtung vorgeben, und alle wege lassen sich neu erfinden. vor die wahl gestellt fällt der zweiten generation die entscheidung nicht schwer, zumal die gesamte für sie relevante peer group mit dabei ist, die ‘erwachsenen’ nicht dabei sind und für sie die größe des marktes noch völlig irrelevant ist (die wird das ja erst, wenn man etwas verkaufen will). gleichzeitig würde die erste generation bei einem wechsel nicht nur das gesamte bisher aggregierte ‘soziale kapital’ abschreiben müssen, die meisten müßten sich auch völlig isoliert neu erfinden, weil mit zunehmendem alter die binding zu gangs oder banden immer weniger gegeben ist und alle, die man kennt, ohnehin auf der alten plattform sind)
- in allen weiteren iterationen wird sich das muster dann wiederholen, nur dürfte sich irgendwann eine plattform etablieren, zu der alle ‘alternden’ generationen früher oder später oszillieren, einfach weil darauf dann alle anderen sind und man selbst anspruchsloser wurde.
was kann man nun schon aus diesem allereinfachsten modell lernen?
- die entwicklung von neuen kulturformen ist nur der neuen generation möglich. genauer wäre ‘wahrscheinlich’, aber die entwicklung von kultur braucht eine gewisse dichte und naive unschuld, die man sich nicht einfach zurückwünschen kann.
- plattformen altern. wenn sie glück haben, haben sie ein paar gute jahre an der sonne, aber dann werden sie zu dampfern, die nur noch dem lauf des flusses entlangtuckern können.
- die meisten plattformen werden auch vergehen. überleben werden nur solche, die entweder zur zentralen anlaufstelle für einen bestimmten datentyp werden (facebook für den sozialen graphen, twitter für den globalen öffentlichen handle, youtube für videos, flickr und delicious hätten es für fotos resp. bookmarks bleiben können, haben es aber versemmelt, usw.) oder denen es gelingt, mit ihrer kultur ein wenn man so will ‘autopoietisches’ feld zu definieren.
Stock Hawk
kleiner nebenabfall von einem udacity projekt, aber das fand ich irgw. nicht unwitzig:







Leftovers 2016 (If Only Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim verwerfen dieser idiotischen annahme, dass sich alles verbessern würde, wenn nur das eine oder andere eintrifft.
(die genuine falsche grundannahme alle verbesserungstechniken ist, dass es leuten besser ginge, wenn sie gewisse dinge nicht mehr machen würden, oder wenn sie gewisse dinge machen würden, oder wenn es gewisse umstände gäbe oder nicht gäbe. sämtliche techniken zum zeitsparen tun etwa immer so, als würde mann damit wertvolle zeit gewinnen, die man für lustvolle u/o produktive aktivitäten verwenden würde. fast alle würden aber nur mehr fernsehen usw.)
Leftovers 2016 (Comparative Advantage Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim entwickeln von tools oder plattformen, die unsere jeweiligen relativen kenntnisse/u.o. wettbewerbsvorteile berücksichtigt oder utilisiert.
(wenn man so will ist das ja eine der low hanging fruits, die das internet ermöglicht, weil was herrlich und relaxing und supereinfach für einen selbst nicht unbedingt herrlich für jeden anderen ist, weil was einem selbst einfach fällt oder einem einfach zufällt nicht unbedingt allen anderen zufällt, weil was man selbst gern macht nicht unbedingt jeder andere gerne macht usw.)
Leftovers 2016 (Coupling Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim verstehen der art der bindungen und abhängigkeiten die entstehen, wenn man dienste verwendet.
(begleitet wird der umstand einer jeglichen bindung fast immer mit der leicht hysterischen diagnose eines sich vollständig ausliefernden – google besitzt alle suchen, gmail besitzt alle emails, twitter besitzt alle sätze, usw. was ein blödsinn ist, weil nicht nur alle üblicherweise genannten dienste die möglichkeit zum export der eigenen daten offeriert, i.e. google lässte die suchanfragen exportieren, gmail lässt die emails als mbox exportieren, twitter lässt das archiv exportieren, usw., sondern weil es jedem frei steht, die exponate vor der veröffentlichung im programm der wahl zu erstellen und im format der wahl zu sichern. plattformen sind immer nur huckepacks zur generation von sichtbarkeit die man ohne sie nicht hätte)
Leftovers 2016 (Shifting Timelines Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim effektiven reaktualisieren von timelines auf den aktuellen stand der möglichkeiten.
(man tendiert dazu dinge, die man vor 10 jahren mal evaluiert hat, mit der damaligen bewertung abzuschreiben und emotional zu bunkern und übersieht dadurch aber alles, was sich danach getan hat)
Tweet des Tages 848809224054480896


Leftovers 2016 (Fitting Shue Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim differenzierteren mappen von plattformen/apps/tools auf die idiosynkratischen/jeweils spezifischen bedürfnisse und möglichkeiten von den menschen.
(der diskurs ist lustigerweise molekular, wo er generisch sein sollte, und die effekte molar, wo sie spezifisch sein sollten)
Pets Fools

Der erste Metatrend 2017 ist ganz eindeutig der Bezug auf Hunde, Katzen und alle anderen tierischen Freunde mit Federn oder Fell in den Aprilscherzen.
Natürlich waren Tiere auch in den Jahren davor immer schon ein beliebtes Element vieler lustiger Produktideen, aber heuer haben sie den 1. April weitgehend dominiert, nur eine kleine Auswahl aus dem MoMB :
- Petco DooDoo Drone
- CowsOnly
- Puzzles for Pets
- Amazon Petlexa
- Google Play for Pets
- Analog Watch Co Companion Collection
- Petcube Bum
- Virgin Australia Canine Crew
- BMW dDrive
- Totes M’Goats DIY Soap Kit
- Cheapflights Catflights
- Trulia Pet Listings
- Puppy Mudder
(die april fools sind ja ein von vielen unterschätzter indikator für den technologischen zeitgeist, weil sie gwm. entweder die ansonsten unausgesprochenen phantasien (wurden von google übernommen als pm) oder in variationen das aktuelle trendthema (vor 2 jahren der selfie stick) reflektieren. in diesem sinne ist auch interessant was fehlt, und da war heuer die irrelevanz vom komplex AI/VR/AR das augenscheinlichste. es gab vl. eine handvoll, aber im vergleich zu den jahren davor nimmt das eher ab, obwohl es von google, microsoft und facebook gepusht wird wie nix anderes)
Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 36: Der Stan
Der Stan (m/f) ist ein immer öfter zu sehender Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er eine simplizistische und hypertrophe Begeisterung für eine Person oder seltener eine Sache entwickelt und dann auch mit jeder Faser seines Herzens gegen alle auch noch so berechtigten Widerstände vertritt.
(der name stammt natürlich von eminem, der in seinem song ursprünglich die traurige geschichte von einem stalker fan erzählte, aber als bezeichner hat es sich in den letzten 15 jahren ein bisschen weg vom stalker und hin zu einem obsessiven fan gewandelt, wobei ganz lustig ist, dass das stalking auf einer anderen seite wieder zurückgekehrt ist, weil die stans mitunter jene stalken, die das objekt ihrer begierde kritisieren)
Und während der Stan einzeln betrachtet ob seiner Erwartbarkeit eher ein uninteressanter Zeitgenosse ist – er ist halt einfach immer für alles, was für sein Idol ist oder seinem Idol hilft und gegen alles, was seinem Idol widerspricht oder gegen sein Idol ist oder auch nur den Hauch einer Kritik verbreitet und insofern also der Zeitgenosse mit der geringstmöglichen Unwahrscheinlichkeit überhaupt ist – so ist diese Erwartbarkeit auch gleichzeitig die Bedingung der Möglichkeit der Entwicklung eines Kollektivs an Stans, die im Schwarm auf sozialer Ebene dann interessantere Effekte triggern können.
(das streichen jeglicher komplexität aus der wahrnehmung u/o bewertung und die reduktion auf ein einziges binäres verhältnis für oder gegen das idol minimiert die sozialen und kommunikativen ‘transaktionskosten’ der gruppenbildung gwm. auf null. jeder stan erkennt jeden anderen stan auf den ersten blick; ganz lustig dabei ist, dass das stan-sein keine geschichte kennt und also permanent aktualisiert werden muss, ansonsten wird auch über alte freunde und co-stans zähnefletschend hergefallen)
(für systemische ausdifferenzierungen ist der stan interessant, weil schon kleine gruppen an stans eine enorme wirksamkeit haben, oder zumindest den eindruck einer enormen wirksamkeit erzeugen können. kaum ein artikel oder thread in einem auch nur im ansatz populären medium (sei es nun zeitungen, blogs, plattformen oder communities) kann einen ‘kritischen’ artikel zum idol publizieren, ohne dass zumindest ein stan eine ‘korrektur’ formuliert. das ist jetzt eher eine hypothese, aber mir kommt es fast so vor, als ob die stans ab einer gewissen anzahl eine sich selbst organisierende schwarmbildung entwickeln, die herumschwirrt und einerseits sicherstellt, dass jeder relevante inhalt zumindest markiert wird (d.h. es wird nicht von jedem auf alles reagiert, wenn schon eine markierung vorhanden ist zieht man auch weiter), dass aber auf ich sag mal umkämpfte inhalte auch mit der gebotenen kollektiven verve reagiert wird (d.h. wenn es zu diskussionen kommt, werden mehr und mehr stans angezogen))
(abt. supermarket studies)
Leftovers 2016 (Meaning of the Mass Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim verstehen, was das alles bedeutet, vor allem was die mengen und die massen betrifft.
(uns fehlt vor allem noch immer der log-filter, der die phänomene auf ein intelligibles maß skaliert, ansonsten kommt uns natürlich alles wie ein hereinbrechendes hochwasser oder tsunami vor. und das wäre in vielen fällen noch nicht einmal verzerrt, weil viele dinge ohnehin nur das ergebnis von netzwerkeffekten sind, denen ansonsten aber keine besondere bedeutung oder bedeutsamkeit zukommt)
Leftovers 2016 (Sustainapple Edition)
auch nicht weitergekommen sind wir 2016 jedenfalls beim aufbau einer gewissen systemischen dichte für ‘nachhaltige’ webdienste, also dienste, die zwar eine soziale komponente haben, sich aber trotzdem autonom finanzieren und regenerieren können und die eine hohe resistenz gegenüber außeneinflüssen haben.
(pinboard ist dafür sicher das beste beispiel, eine gewisse kleinheit und finanziertlosigkeit scheint mir insgesamt fast die grundbedingung dafür zu sein)
signing up 10

heute vor zehn jahren: 11746761
just setting up my twttr 11

Huch, vor elf Jahren wurde der erste Tweet abgesetzt.
(siehe just setting up my twttr 10, just setting up my twttr 9, just setting up my twttr 8, t7, just setting up my twttr 6, just setting up my twttr 5, just setting up my twttr 4, just setting up my twttr, 2 jahre twitter und immr)