Papierkorb pt. 72
(ganz witzig ist eigentlich, dass gerade die materialität vom papier über die hintertür eine art absolution vom ‘lesenmüssen’ einführt, während die digitalität des links eine art andauernde kafkaeske unerfüllbarkeit konstituiert)
Lazy Book Ep. 25
Die nicht notwendigerweise feinen Unterschiede von Pierre Bourdieu.
Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 21: Der Gamer
Der Gamer (m/w) ist ein relativ weit verbreiteter Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er Dinge/Plattformen/Systeme/die Welt als Spiele konzipiert, die es zu gewinnen gilt.
Dem reinen Gamer geht es also nicht primär um die Erzeugung oder Abschöpfung von Wert oder Sinn (wobei er mit seinem tun durchaus wert und/oder sinn erzeugen und/oder abschöpfen kann), es geht ihm um das Maximieren von Punkten entlang einer Skala an Scores auf einem Leaderboard.
Öfter als den reinen Gamer gibt es aber den Abschöpfer, also den Gamer, der das Spiel mit dem ausschließlichen Ziel des Abschöpfens von Wert in ein anderes System verfolgt (wobei er damit trotzdem durchaus wert und/oder sinn erzeugen kann). Das kann durchaus oft funktionieren, weil viele als ‘Spiele’ konzipierbare Verhältnisse eine ‘Gewinnfunktion’ haben, die von gewinnenwollenden Spielern relativ leicht angezapft werden kann, weil die meisten ‘Mitspieler’ gar nicht bewusst spielen; das bedeutet oft aber auch, dass das ganze Spiel zu einem Nullsummenspiel oszilliert, weil alle einfach zu gewinnenden Spiele früher oder später auch viele andere Abschöpfer anzieht, mit denen man sich dann herumstreiten muss (man denke an den ganzen komplex google- oder ebay basierten ecommerce).
(den gamer bei analysen im hinterkopf zu behalten kann durchaus nützlich sein, weil wir in den letzten jahren ja immer wieder konstellationen hatten, bei denen irgendwelche incumbents plötzlich mit gamern zu tun bekamen, die ihnen die wurst vom brot stahlen und sich nun anschicken, auch noch ihr brot anzuknabbern)
((der grundsätzliche fehler ist dann fast immer, sich selbst in einen spieler im ‘vorgegebenen’ spiel verwandeln zu wollen, statt zumindest für sich selbst ein eigenes spiel zu definieren))
(abt. supermarket studies)
Tweet des Tages 586080917187362817

Poodle Bookmarks

^ omg, bei pinboard kann man auch mit poodles taggen.
FYI 002
fyi: aussagen müssen nicht notwendigerweise allgemeingültig sein, sondern können sich auch auf bestimmte felder unter bestimmten rahmenbedingungen zu bestimmten zeiten oder gegebenheiten beziehen.
Poodle Retweets

^ eher devoha: twitter hat ‘neue’ retweets. wenn man auf retweet klickt, kann man wie bisher retweeten, oder man kann den retweet annotieren.
(leicht verwirrend/ganz interessant/nicht uninteressant/etwas inkonsistent ist der umstand, dass diese retweets keine eigentlichen retweets sind, sondern ‘nur’ autonome/eigenständige tweets, die mit der URL des ‘geretweeteten’ tweets vorpopuliert sind, wobei twitter den verlinkten tweet als solchen erkennt und als spezialfall inline ‘expandiert’. das bedeutet aber, dass die referenz auf das original verloren geht und der retweet eher eine resimulation ist; man sieht es beim original weder unter den retweets noch unter den replies; ich frage mich, ob sie das wollten (was durchaus sein kann, wobei mich dann interessieren wäre warum), oder ob sie das übersehen haben (was durchaus sein kann, wobei mich auch dann interessieren würde, wie ein solches übersehen bei einem so zentralen ding möglich ist)
FYI 001
fyi: am internet gibt’s nichts zu verstehen, es ist selbstevident. jeglicher diskurs darüber ist nichts als verwirrung.
MicroFools
Der erste Nanotrend 2015 war eindeutig der Minimalismus, den Microsoft am ersten April demonstrieren durfte. Statt aufwendigen Minisites haben sich die meisten Produktteams auf genau einen Tweet konzentriert:
Download #OfficeforCats today! 3 brand-new products for your furry friends: PowerPounce, OneNap and Meow. pic.twitter.com/WLL5jz0Efr
— Office (@Office) April 1, 2015
Sending large files? Get it there fast and on time with http://t.co/F4JgOecZUN’s ground service! #AprilFools pic.twitter.com/jrU1Ox9DkR
— Outlook.com (@Outlook) April 1, 2015
Introducing a new way to save files: Shake to Save. #AprilFools pic.twitter.com/5NvHDknetA
— OneDrive (@onedrive) April 1, 2015
Introducing Gluten-Free Skype. It’s a new way…Eh forget it. #AprilFools #NotDoingItThisYear pic.twitter.com/OMr0eQ2Ux1
— Skype (@Skype) April 1, 2015Ich selfie also stick ich

Der erste Megatrend 2015 ist ganz eindeutig der Selfie Stick, zumindest als Horizont für die humoristische Imagination von Startups.
Soweit ich sehe ist nur der Komplex cat content und cute overload noch beliebter, aber etwa jeder zehnte Aprilscherz hat sich auf Selfies und meistens mit Stick bezogen:
- HR-V SLF
- Moto Selfie Stick
- Twitter Twelfie Stick
- Google Chromeselfie
- Miz Mooz Selfie Shoes
- Petco Selfie Stick
Amazon Goats

^ nachdem Google die Google Goats anscheinend gedeadpooled hat, ist es erfreulich, dass zumindest Amazon Ziegenherden vermietet: Hire a Goat Grazer
(via)
Only the Rich Can Save Us
One of the moral failings of the techno-rich, in the city with the richest of the rich, is that they’ve operated as though the city and the world around them has no relationship to them. They take no interest in the diversity of the city, the schools, the parks, no interest in the arts or culture, no interest local politics (except when it comes to tax breaks).
^ Echovar über den zunehmend sichtbar werdenden Einfluss, den ‘neureiches’ Technogeld auf städtische Strukturen ausübt.
Papierkorb pt. 71
(immer, wenn ich ein buch lese, denke ich mir: was die damals schon gewusst haben)
Lazy Book Ep. 24
Understanding Selfie Stick: The Extension of Man von Marshall McLuhan.
Papierkorb pt. 70
(bei twitter ist es für mich wie bei fotos: im grunde finde ich wirklich jeden tweet irgendwie gut)
Jack Torrance

^ kl. projekt (someday/maybe): die notizen handschriftlich mit ‘all work and no play makes hackr a dull boy’ befüllen.
Nützliche Unterscheidungen pt. 30 (The Baseline Edition)
Eine weitere pragmatisch oft nützliche Unterscheidung oder besser unterscheidende Grenze ist die Baseline, die das Niveau markiert, das mit der ‘besten dummen’ Heuristik oder Algorithmus erreicht werden kann.
(ich lasse das einmal so stehen, weil die implikationen der baseline je nach feld oder thema doch mitunter völlig verschieden sein können, aber es ist doch gelegentlich lustig, sich die baseline zu überlegen und die konkreten ‘ereignisse’ nicht absolut, sondern in relation zu dieser baseline zu bewerten)
((und zumindest eine vermutung: alles, was an oder in der nähe der baseline operiert, wird früher oder später gnadenlos kommodifiziert))
(abt: draw the distinction!)
Papierkorb pt. 69
(sterling zu hören ist auch deshalb postmeta-lustig, weil er einige sprachklangliche riffs kultiviert hat, die er immer wieder (mit mitunter gänzlich anderen inhalten) rekombiniert)
(als weekend projekt etwa reboot 2009 vs. sxsw 2015)
Papierkorb pt. 68
(im grunde wird es wieder einmal zeit, sich an das bekannte beispiel von zizek zu erinnern, in dem er die implizite verlogenheit der antiautoritären erziehung thematisiert:
der ‘autoritäre’ vater sagt einfach, dass das kind die grossmutter am wochenende besuchen gehen soll, und das kind tut das murrend, kann sich dabei aber auch denken, was es will; der ‘postmoderne’ vater sagt, dass er sich von ganzem herzen wünschen würde, dass das kind die grossmutter am wochenende besucht, aber er will das kind auch nicht in seiner persönlichen entfaltung einschränken, es muss also natürlich nicht, sondern soll es nur tun, wenn es selbst wirklich will, auch wenn die grossmutter natürlich sonst alleine und traurig wäre usw. was wie eine freie wahl für das kind klingt ist in wirklichkeit natürlich nur eine noch viel stärkere verpflichtung, weil das kind nicht nur die grossmutter besuchen, sondern es auch noch wollen muss usw.
die geschichte erinnert nämlich stark an das, was wir derzeit im verhältnis zwischen menschen und massenmedien beobachten könnten, nur sind die elemente ein bisschen anders angeordnet. das verhältnis war da ja lange so, dass die medien dem autoritären vater entsprochen haben, die ihren kindern ihr programm einfach vorgesetzt haben, und die kinder konnten problemlos damit leben, weil ohnehin niemand wirklich daran geglaubt hat.
die ‘postmodernen’ medien hingegen sind dazu übergegangen, primär nur noch sich selbst zu thematisieren. ja, natürlich wollen wir über ereignisse angemessen berichten, aber wir müssen auch dazusagen, dass wir wirklichkeit natürlich ohnehin nie objektiv abbilden können, sondern dass wir selbst in unserem tun erst wirklichkeit erzeugen und dabei nicht nur mit menschlichen und prozessualen schwierigkeiten zu tun haben, sondern auch mit historisch kontingenten produktionsprozessen kämpfen müssen und in radikal übergeordnete makroökonomische abhängigkeiten (globaler wettbewerb, beschleunigung, soziales zeugs, volatilität der finanzmärkte) eingebunden sind, usw.
lustigerweise ist der effekt davon nicht ein neurotisches kind, sondern eine art selbstneurotisierung der medien durch erzeugung einer art autoritären vaters in form eines medienkritischen überichs, das die medien mittlerweile fast in echtzeit und üblicherweise deutlich professioneller über jede ungenauigkeit, jede dummheit, jede übertreibung und jeden anderen inhaltlichen oder methodologischen fehler informiert und öffentlich dokumentiert)
Eine Unter
weil gerade links und rechts paywalls aus dem boden schießen:
was zeitungen, glaub ich, noch nicht verstanden haben aber verstehen sollten, ist, dass sich ihr wert für den benutzer als ‘bündel’ nicht nur verändert, sondern sogar umgekehrt hat. was als papier nützlich war, wurde im web ein störfaktor.
ihr wert im ‘analogen’ war, dass sie im monatlichen abo für $40 einen großteil des informationsbedürfnisses des lesers befriedigen konnten. leser mussten sich gwm. aus dem vorhandenen angebot aller zeitungen für eine zeitung entscheiden, und die ausdifferenzierung der zeitungen basierte darauf, für möglichst große oder zumindest gut definierte gruppen von lesern das attraktivste bündel zu schnüren.
das lesen einer und nur einer zeitung war deshalb sinnvoll, weil der wert einer 2. zeitung bei verdopplung der kosten nur wenig zusätzlichen nutzen brachte. gleichzeitig wurde dadurch die eigenleistung der gewählten zeitung überbewertet, weil ihr eben auch das angerechnet wurde, was die baseline ohnehin aller zeitungen ist (dpa-meldungen, fernsehprogramm, usw.).
ihr wert im ‘digitalen’ geht aber plötzlich gegen null, weil es keine distributionsbedingte notwendigkeit mehr gibt, sich auf eine zeitung zu beschränken. jeder artikel steht plötzlich neben allen anderen artikeln aller anderen nationalen und internationalen, grossen, kleinen und kleinsten publisher. im entbündelten stadium gibt es immer etwas besseres direkt daneben.
das lesen einer einzigen zeitung ist also nicht nur nicht mehr sinnvoll, es verursacht für den leser sogar ganz reale kosten, nämlich die verpassten gelegenheiten in gewissen ressorts oder zu bestimmten themen oder für bestimmte funktionen was viel besseres zu lesen oder zu benutzen. noch schlimmer wenn man dafür auch noch geld bezahlt, weil menschen dazu tendieren, ihr investment wieder hereinzubekommen und die zeitung dann auch dann lesen, wenn sie sogar wissen, dass es da was anderes viel g’scheiteres dazu gäbe.
aus dieser sicht täten zeitungen sehr gut daran, wenn sie ihre selbstwahrnehmung von der von den lesern verehrten prinzessin auf ‘eine unter’ umstellen würden, die prinzessin sind sie tatsächlich nur noch für sich selbst.
die gute nachricht ist, dass sie diese ‘eine unter’ für viel, viel mehr leute sein können, und dass sie es auf viele verschiedene weisen sein könnten, was gänzlich neue möglichkeiten eröffnen kann, wenn man sich nicht auf die ehemalige rolle als prinzessin kapriziert.
(minianmerkung zum pricing von paywalls: aus oben genannten gründen sind modelle für ‘full digital access’ für 25$ oder mehr völlig kontraproduktiv, selbst wenn sich einige finden, die es bezahlen. das werden primär ehemalige abonnenten der papierversion sein, die sich freiwillig selbst beschränken wollen oder die möglichkeiten noch nicht kennen oder können. der preis wird ansonsten aber allen anderen, auch den echten sympathisanten, schwer zu verkaufen sein, weil sich die frage aufdrängt, warum gerade für dieses und nicht für das oder für das dort oder für das dort drüben und überhaupt, die ja auch gute arbeit leisten. und für alle bezahlen geht halt auch nicht, das allokierte budget wird für bits kaum viel grösser sein als für papier. auf den selbstempfundenen wert und den hineingesteckte aufwand sollte man da nicht beharren, weil der grenznutzen aus lesersicht wie oben beschrieben eben fast null ist. techdirt’s cwf+rtb ist auch für zeitungen noch immer das einzige schlüssig klingende modell, wobei diese bei ihrem rtb vor allem auch auf eine ‘erzählung’ setzen müssen, wenn sie nur auf der ebene der inhalte bleiben wollen und ihre prozesse und produkte lieber nicht aufbohren)