Papierkorb pt. 99
(es ist absurd, dass wir noch keine wissenschaft von gesellschaftlichen pathologien haben; vl. kommt mit dem internet was)
Dérive

^ mit Timeline hat Google endlich ein Tool für den situationistischen Flaneur lanciert, das die psychogeographischen Experimente dokumentiert und auf einer Map visualisiert.
siehe Your Timeline: Revisiting the world that you’ve explored
A Million Minutes of Fun

^ wochenlanger spass für die ganze familie: die AP und british movietone haben auf youtube eine million minuten historisches filmmaterial veröffentlicht, siehe AP releases a million minutes of filmed history to YouTube
Milchmädchenrechnung der Bösartigkeit
kl. nachtrag zu pfeifkonzert : bei der allgemeinen verrohung der kommentare kommen halt einige dinge zusammen:
es wird heute ganz grundsätzlich viel mehr, also viel viel mehr publiziert, als zu zeiten von zeitungen und postkarten;
alles ist potentiell vernetzt, d.h. dinge, die davor in der lokalen zelle verblieben wären, können plötzlich von allen anderen gefunden werden;
wegen dieser vernetzbarkeit können sich leicht cluster bilden – und schon ein cluster mit wenigen leuten kann einiges an lärm veranstalten.
kommunikation hat den hang zur verdopplung, sprich: ist sie in eine richtung einmal losgegangen, legen vor allem die gleichmeinenden noch eins dazu;
kommunikation hat auch den hang zur steigerung, sprich: die nächste aussage will immer noch eins drauflegen;
diese steigerung hat völlig unbestraft und konsequenzlos stattgefunden; und ist der modus ‘es ist ohnehin wurschtegal was ich schreibe’ erst mal bekannt, nimmt auch die hemmschwelle mehr und mehr ab.
Pfeifkonzert
(eigentlich soll man trolle nicht füttern, aber weil es doch gwm. das paradigmatische beispiel für das zu beschreibende phänomen ist doch eine minianmerkung zum witz über die griechen von nuhr auf twitter:
es ist in letzter zeit immer öfter zu beobachten, dass jede vorgebrachte kritik an irgendwas mit etwaigen pöbeleien kombiniert und in einem schwung weggeschüttet wird. noch besser wenn es einen sogenannten gackserl-sturm gibt, damit disqualifiziert sich das gesamte restliche internet und man selbst ist das einzige opfer.
zur erinnerung: nuhr hat kurz nach dem referendum in griechenland getwittert

auch sehr wohlwollend bewertet, ist dieser witz gleich mehrfach problematisch. er kommt aus einer position der selbstgerechtigkeit und ordnungsgläubigkeit, was recht ist, muß recht bleiben, da gibt es keine nachsicht. er kommt aus einer position der stärke und macht sich über die schwachen lustig. er appelliert an das grundgefühl vom neid, was natürlich jede form von solidarität verhindert (‘ja genau, mir schenkt ja auch niemand was’). er ignoriert die gesamte geschichte der situation (und alle damit verbundenen machtpolitischen, wirtschaftlichen, diplomatischen, medialen, sozialen komplexitäten) und lokalisiert die ‘schuld’ bei den griechen, denen nur der ‘wille’ zum zurückzahlen fehlt. es ist ein witz für eine von den deutschen medien erzeugte mehrheit, der die konstruierten ressentiments verstärkt und nicht hinterfragt oder dekonstruiert. wer darüber nachdenkt findet sicher mehr, unterm strich ist es jedenfalls ein gelungenes stück populismus.
statt sich nun aber ein bisschen zu schämen, verteidigt nuhr seinen sogenannten witz in der faz dann auch inhaltlich (mit der deutschen/regierungspolitischen sandkastenargumentation, die alle vorgetragenen argumente schlicht ignoriert) und erklärt dann aber das netz und das, was es mit den menschen anstellt, zum problem. und man traut dann seinen augenen nicht, mit welchen geschützen er bei der beschreibung was er im anschluss ertragen mußte auffährt: natürlich den gackserl-sturm, der andersmeinende durch gemeinsamen bewurf mit gackserln nicht weniger als mundtot machen will; er wurde beleidigt, beschimpft, bedroht; er wurde als zensor bezeichnet, abstrus, weil er ja nicht der könig des internets ist (sic); es gab weitere beschimpfungen, beleidigungen, todeswünsche, drohungen; er wurde als nazi und in anderem zusammenhang als ausländerfeind bezeichnet, beides irrsinnige vorwürfe, die sachlichkeit vermeiden und den anderen überwältigen und ‘im digitalen vernichtungskampf’ besiegen wollen; sie wollten ihn primitiv etikettieren, um ihn, den andersdenkenden, moralisch zu diskreditieren, und das sei ‘die übliche form der auseinandersetzung’ im web; die primitivität und aggressivität der verfolgung führe zu lynchjustiz und pogromen, zum glück wird heute – anders als im mittelalter – nur noch virtuell getötet resp. digital vernichtet; der gackserl-sturm sei ganz offensichtlich die hexenverbrennung 2.0; und das werde im internet ja immer schneller; um meinungsfreiheit gehe es schon lange nicht mehr, argumente werden nur ‘in den seltensten fällen’ ausgetauscht, es gehe um meinungshoheit und die vernichtung abweichender meinungen, indem überwältigt, etikettiert, beleidigt wird; was fehlt sei die haftbarkeit des einzelnen, nur die bringt rechtsstaatlichkeit und menschenwürde; die pöbelnde masse, die wir gerade erleben, bringt uns zurück zum faschismus, vl. auch ins mittelalter; die herausforderung unserer zeit ist also die aufklärung auch ins web zu bringen.
hier ist das ding: die gesamte kommunikation, die aus dem quadranten der ‘hater’ kommt und mit dem internet teilweise erst sichtbar, teilweise erst erzeugt, teilweise sich selbst hochschaukelnd verstärkt wird, die einen manchmal wirklich fassungslos macht, ist nicht das beste, was das internet hervorgebracht hat, und ist ganz grundsätzlich niemandem zu wünschen.
sein artikel in der faz lässt jedenfalls schon die tiefsten abgründe der menschlichen seele vermuten, entsprechend vorsichtig und spät habe ich mich jetzt doch einmal an den thread zum tweet auf twitter herangewagt, aber hier wird’s interessant: die reaktionen sind in keinster weise so, dass sie eine solche tirade auch nur ansatzweise rechtfertigen würden. ich bin nicht auf facebook und dort schaut es u.u. etwas anders aus, aber im (durchaus langen) thread auf twitter gibt es vl. eine handvoll reaktionen, die man als ‘übergriffig’ bezeichnen könnte; die mehrheit der antworten besteht aus tweets, die dem witz ganz allgemein dummheit und/oder populismus und/oder mangelnden witz diagnostizieren; auch die zustimmung, die genausoists und die weitersos sind vertreten; und dann gab es auch noch eine durchaus signifikante anzahl an reaktionen, die ihm, würde er sich die mühe machen den hinweisen zu folgen, auch versuchen zu erklären, warum sein witz als dumm und populistisch und unlustig wahrgenommen wird. am ehesten entspricht das also einem pfeifkonzert, und das ist er nicht gewohnt und das verletzt vermutlich seine eitelkeit, weil er seine witze üblicherweise vor einem selbstselektierten publikum absetzt, das über jeden witz lacht. aber jede form der auseinandersetzung kann er sich und den faz-lesern sparen, wenn er ‘gackserl-sturm’ schreit und das internet zum ort der verdammnis erklärt.
(nochmal: auf facebook gab es wohl unangenehmere kommentare und die will ich nicht legitimieren; aber ich vermute stark, dass es auch dort konstruktiv/kritische stimmen gibt, die er ignoriert, weil er lieber in seiner schachtel bleibt und selbst die vorbeilaufenden mit seinem gackserl bewirft))
FYI 026
fyi: die welt ist eine art ego-shooter, für den unsere controller aber noch irrsinnig schlecht programmiert/gestaltet/kalibriert sind.
Papierkorb pt. 98
(liebe deinen papierkorb wie dich selbst)
Quiz Pt. 100 (The Last Hope Edition)
zur 100. Ausgabe vielleicht ein selbstbezügliches Quiz:
bei welchem (vor kurzem leider geschlossenen) Mashup/Webminidienst hatte @hackr den tatsächlich populärsten/aktivsten Beitrag im gesamten Dienst?
(es ist nicht leicht, deshalb gibt es für die antwort 5 punkte; kl. hint: der macher kommt hier doch gelegentlich vor, in den letzten monaten vl. etwas weniger)
Papierkorb pt. 97
(liebe dein permalink wie dich selbst)
FYI 025
fyi: Zeug ist Sinn.
Dmail

^ untested aber unerwartet: Delicious hat Dmail lanciert – ein Plugin für Gmail, mit dem man verschlüsselte, zurückziehbare Emails verschicken kann.
Lazy Book Ep. 29
Die Ästhetik der ultimativen Permissivität von Peter Weiss.
618786157799849984 Revisited
@kusanowsky openmedi reines bauchgefühl: das 'genie' wandelt sich von 'produktiv' zu 'perzeptiv' (zettelkasten idiosynkratisch dazwischen)
— Markus Spath (hackr) July 8, 2015kl. nachtrag zu 618786157799849984 :
vorgeschichte war dieser tweet mit einem video über luhmann und seinem zettelkasten, in dessen thread dann kusanowsky an seinen kurzvortrag über die koinzidenz von luhmann und dem internet erinnert hat, in dem er nicht weniger als einen epochalen übergang der funktion/position des gelehrten unter den bedingungen des internets skizziert. (schaut es auch ggf. an, es ist kaum zu komprimieren, aber verkürzt ist seine beobachtung, dass es die traditionelle aufgabe des gelehrten war, erkenntnis zu produzieren, die er dann der öffentlichkeit durch lehre zur verfügung stellt, wobei ihm einerseits herausragende kognitive kompetenz/genialität unterstellt wurde, deren würde er andererseits durch abschirmung vor den trollen und allem gemeinen bewahren mußte; luhmann hat dann aber sowohl dem begriff des genies als erzeuger von wissen, als auch mit dem begriff der lehre als ‘übertragung’ von wissen von einem (intelligenten) kopf in die köpfe aller anderen gebrochen, da kommunikation eben gerade nur deshalb funktionieren kann, weil die menschen nicht füreinander ereichbar sind, und der begriff des genies sinnlos ist, weil die gesellschaft nicht aus menschen, sondern aus kommunikationen besteht. das zeitliche zusammenfallen von luhmann und der entstehung vom internet könnte uns, so vermutet klaus, nun hinweise darauf geben, was wir mit dem internet nun auch im komplex ‘wissen’ anstellen könnten, wobei wir blöderweise das problem haben, dass nicht mal luhmann-schüler mit dem zettelkasten noch etwas anfangen können und wir vom internet nun überhaupt keine vorstellung haben). der tweet ist gwm. eine abrundende ergänzung: ich glaube klaus war tatsächlich auf der richtigen spur, luhmann und sein zettelkasten ist gwm. der drehpunkt für die reformatierung vom system ‘diskurs’. mit dem internet ist nämlich zwar die konzeption vom genie, das erkenntnis produziert, gestorben (just google it, big data, etc.), aber gleichzeitig als perzeptor und selektor, der im endlosstrom der daten die muster und zusammenhänge erkennt und als storyteller in eine share- und likebare narration verpackt, wiederauferstanden. luhmann hat mit der selbstdistanzierung vom ‘genie’ sicherlich ein bisschen kokettiert, aber er hat die aufgabe vom ‘genie’ konkret verschoben und zwar hin zum ‘anwender eines (nontrivialen, unwahrscheinlichen) algorithmus’. der witz bei der gesamten systemtheorie ist ja, dass sie sich tatsächlich von selbst schreibt, wenn man sie einmal verstanden hat – und für luhmann war der zettelkasten gwm. nur der inputstrom, auf den er sich freiwillig selbst beschränkt hat (was bei ihm natürlich nicht weniger als die behandlung aller hauptsysteme der gesellschaft war). das genie kann man aber trotzdem nicht ganz streichen, weil es nun der algorithmus ist, auf den man kommen oder den man erst mal verstehen muß. als mechanismus ist das nicht ganz neu, deleuze hat zb. seine philosophie in den verschiedensten feldern ‘gefunden’. aber mit dem internet bekommt dieses methodische ‘sich von selbst schreiben’ natürlich seine bestimmung, weil potentiell alles und zwar in echtzeit zum inputstrom werden kann (wobei natürlich nicht alles für jeden algorithmus sinnvoll ist, genaugenommen fast nichts für keinen, wobei dieses nichts auch wieder gigantisch groß ist, es gibt halt einfach sehr viel). man danke nur an zizek, der kann seine theorie zu so ziemlich jedem politischen oder gesellschaftlichen thema in zwei, drei tagen zu einem aufsatz implementieren, oder an bolz oder auch kusanowski, wenn man nach einem luhmann-schüler sucht.
FYI 024
fyi: Im 21. Jahrhundert basieren nur qualitativ niedrige Plattformen, Systeme und Strukturen auf Wachstum.
(paraphrasing siggi becker, siehe lost)
Neo-Soul
gleich noch ein kl. hörtipp: Diagonal über Neo-Soul und Afro-Futurismus (nur noch bis morgen online; und nur am rande klingt thomas mießgang seit mittlerweile 25, 30 jahren tatsächlich exakt gleich, sein beitrag hätte as is auch 1989 in der 15h musicbox erscheinen können)
Lazy Book Ep. 28
Die App und das Nichts von Jean-Paul Sartre.
Lazy Startup Ep. 43
Plattform oder Tool, das die eigene Indignation über den Zustand der Welt als Schubkraft für konkrete Aktivitäten zur Verbesserung kollektiver Zustände verwendet.
(die ‘aufgaben’ müßten überschaubar genug sein, um im ersten schwung erledigt werden zu können, gleichzeitig aber auch anspruchsvoll und ‘sinnvoll’ genug, um die energien psychohygienisch tatsächlich zu transformieren; das prinzip entspricht natürlich der von gtd bekannten idee, dass man wenn man schon prokrastiniert, dann statt dem geplanten zumindest was anderes sinnvolles erledigt, also aufräumt oder kocht)
FYI 023
fyi: das web funktioniert nur, wo es ein gewisses maß an selbstselektion gibt.
The Shed Project

sehr nett: The Shed Project (instagram, via) – eine Art Katalogisierung vom großväterlichen Werzeugschuppen.
Gorgeous Pluto

^ der dokumentarischen voha: Gorgeous Pluto