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die romantische komödie


re:publica 2021 - Sascha Lobo Rede zur Lage der Nation

sascha lobo
(link to video)

in alter tradition ein kurzer eindruck zur jährlichen lage der nation von sascha lobo bei der re:publica, zumal lobo ja doch immer ein schönes symptom vom jeweiligen zustand vom web in deutschland ist. gleich vorweg: heuer fällt mir nicht besonders viel dazu ein, aber ich möchte im anhang eine kleine ergänzung vornehmen. zur erinnerung eine kleine topologie seiner bisherigen reden:

nachdem sascha seinen standpunkt der problembeschreibung zwischen der rp13 und der rp16 jeweils immer auf die nächste ebene verschoben hat (rp13: zum sozialmedialen macht! rp14: zum gesellschaftlichen organisiert euch! strukturiert euch! rp16: zum wirtschaftlichen trotzdem! gründet!) und auf der rp17 dann eine besinnliche einkehr in den sozialmedialen diskurs selbst machte (diskutiert!) und auf der rp18 das internet dann überhaupt aus der gleichung genommen hat und nicht weniger als die rettung der liberalen demokratie und ihrer werte fordert (rettet sie!) und auf der rp19 gwm. auf der antithetische seite des endpunktes der dialektischen spirale angekommen ist (realitätsschock qua digitalisierung) und nachdem die rp20 ja ausgefallen ist, beginnt er in diesem jahr das möbius-band gwm. wieder von vorne: ‘digitalisiert euch!’

und seine rede ist gut wie immer und rührt mit dem finger in der wunde, aber ich kann seine schlussfolgerung nicht unterschreiben, bevor man einen anderen umstand nicht adressiert hat, der mit corona sichtbar wurde, meine bonuslektion (6):

schlimmer als um die digitale infrastruktur ist es um das ganz grundsätzliche verständnis von zusammenhängen unter den bedingungen der digitalität bestellt. viele viele ‘agenten’ (als überbegriff für einzelpersonen, gruppen, organisationen, institutionen und alles andere, das irgendwie digitale artefakte irgendwie prozessiert oder prozessieren könnte) wissen oft auf ganz elementarer ebene nicht, wie einfach irgendwas schon ginge, was alles ein schon gelöstes problem ist, wenn man nicht selbst der ist, der die problematik selbst perpetuiert, etc. und vor allem: es gibt eig. nirgendwo einen mechanismus, den agenten dann effektiv darauf hinzuweisen.

(das problem ist natürlich, dass man nicht sieht, was man nicht sieht, und dass man sich selbst nicht aus dem dilemma hinausbootstrappen kann, wenn alle um einen herum in die gleiche falsche richtung rennen, und de hat sich in den letzten 15 jahren einfach in ein riesiges loch gesetzt. das ist seltsam, weil deutschland bzgl. eines grundsätzlichen technikverständnisses der bevölkerung absolute weltklasse ist. auch bei computern als PCs und informatik als ingenieursdisziplin war deutschland lange mit dabei. aber seit dem web ist irgendwas falsch gelaufen und die verschiedenen herden rennen trotz unterschiedlicher interessen in die gleiche sackgasse. die beginnt eig. schon mit dem wort digitalisierung, das gibt’s in der form glaub ich auf der ganzen welt sonst nirgends, zumindest nicht in dieser selbstgemachten metaphysischen selbstverwirrung)

((nur zur sicherheit: ich bilde mir hier nicht ein, zu wissen was zu tun wäre, und auch die blödesten verhaltensweisen haben immer ihre guten gründe und pfadabhängigkeiten. aber man kann zb. trotzdem schon sehen, wenn jemand etwas offensichtliches nicht sieht oder eine mauer einrennen will, während daneben eine tür weit offen steht, oder dass er irgendwas einfach falsch versteht oder nur eine unfruchtbare vorstellung davon hat, oder dass ein glaube auch völliger quatsch oder aberglaube ist, oder dass auch nur ein klitzekleines stückchen fehlt etc.))

so blod es klingt: mit einem besseren verständnis der möglichkeiten, techniken und zusammenhänge wäre die prekäre infrastruktur noch nicht mal das problem, die meisten dinge liessen sich auch mit gegebenen mitteln schon gut lösen. aber ohne einem verständnis und ohne sinn hilft auch jeder aufbruch nix, weil es noch überhaupt kein vorstellungsvermögen für ein besseres wohin gibt. das ist tatsächlich das am schwersten auszubildende sensorium und eine pandemie ist der schlechtmöglichste zeitpunkt für digitalisierung.

meta 23.05.2021 #