Wenn man die Bedeutung vom Web wirklich verstehen will, muss man eigentlich nur einen Gedanken im Hinterkopf behalten:

Das Web ist ein System, das es anderen Systemen ermöglicht, füreinander Umwelt zu sein.

Mehr ist es nicht und das ist natürlich auch eine banale Beobachtung, aber in dieser Form hat es das noch nie gegeben. Natürlich war die ganze Welt auch vor dem Web nichts anderes als die Ausdifferenzierung von Systemen, die teilweise füreinander Umwelten waren. Aber die grundsätzliche Möglichkeit füreinander Umwelt zu sein war vor dem Web begrenzt. Mit dem Web ändert sich das, viel mehr Systeme können sich anderen Systemen viel leichter als Umwelt zur Verfügung stellen. Der Effekt ist eine zunehmende Komplexität der Ausdifferenzierung der Subsysteme und eine potenzierte Komplexität des Gesamtsystems.

Wenn man sich beim Beurteilen von Phänomenen kurz überlegt, was plötzlich mit wem kann, dann erklären sich oft sowohl die Auswirkungen als auch die Widerstände fast von selbst.

Eine einfache Unterscheidung, die man zur Beobachtung treffen kann, ist die Unterscheidung in menschliche und maschinelle Systeme und wie die sich durch das Web gegenseitig als Umwelt zur Verfügung stellen können und dann was Neues triggern. Trifft man diese Unterscheidung, dann gibt es drei Beziehungstypen (und ich beziehe mich dabei auf die Intention; natürlich ist auch die über das Web vermittelte Mensch zu Mensch Beziehung eben über das Web und also ein Bündel von Maschinen, über maschinelle Interfaces vermittelt. Das stört zunächst aber nicht. In genaueren Beschreibungen müsste man sich natürlich anschauen, inwieweit diese Vermittlung selbst wiederum Einfluss auf die Beziehung nimmt; und man könnte bzw. müsste natürlich auch die Systemtypen viel feiner differenzieren): Menschen für Menschen; Menschen für Maschinen und umgekehrt; und Maschinen für Maschinen.

(1) Menschen für Menschen

Dass potentiell jeder Mensch plötzlich Umwelt für jeden anderen Menschen sein kann, ist vielleicht die grösste Revolution. Waren davor die möglichen Beziehungformen beschränkt und durch verschiedene gesellschaftliche Formationen und Konstellationen vermittelt, reicht jetzt im Grunde ein Blog oder ein Twitter-Account, um etwa jeden interessierten Anderen an der eigenen Gedankenwelt teilhaben zu lassen.

Ich spare mir eine längere Ausführung und eine Auflistung der Formen (neben Text gibt’s Fotos und Videos und Musik, neben expliziten Signalen wie likes oder shares oder faves gibt’s implizite Signale, etctrara) – das was man unter social web zusammenfassen könnte ist hinreichend beschrieben und bekannt -, aber eine Anmerkung:

Facebook ist in diesem Sinne zwar verständlicherweise die meistbenutzte Plattform, weil es die Kommunikation unter Freunden vereinfacht und verbessert und wir natürlich mit unseren Freunden am meisten zu schnacken haben, aber Facebook ist genau wegen dieser Limitation auf die Freunde gleichzeitig auch die am wenigsten disruptive Plattform, weil es keine neuen Beziehungen fördert, die davor nicht möglich waren. Facebook ist eine inkrementelle Verbesserung der Kommunikation zwischen bestehenden Beziehungen, die zwar im Web stattfindet, die sich selbst aber nicht als Umwelt zur Verfügung stellt und also keine Anschlüsse ermöglicht – beobachtbar ist nur die stumpfe Tatsache der Quantität der Aktivitäten in der Blase Facebook via Referrer.

(2) Menschen für Maschinen

Aber Menschen koppeln sich nicht nur an andere Menschen, sie koppeln sich auch an Maschinen und die Maschinen koppeln sich an uns. (Maschinen verwende ich hier ganz lose und unpräzise – siehe oben – als Superset von Programmen, Diensten, Plattformen, Sensoren, Daten und Datenbanken, usw., die ans Internet angeschlossen sind.)

In dem Moment, in dem wir irgendwas publizieren, einen Dienst benutzen oder auch nur unschuldig herumsurfen oder irgendwas shoppen, in dem Moment also, indem wir uns implizit oder explizit als mögliche Umwelt zur Verfügung stellen, kommt eine Schar an Bots und indizieren es in Suchmaschinen, loggen die Daten zur weiteren Auswertung, registrieren Signale für irgendwelche Rankings, usw., und prozessieren das entsprechend ihrer Möglichkeiten. Gleichzeitig können wir die Möglichkeiten benutzen und weiterprozessieren, die uns Maschinen zur Verfügung stellen, und bei den zehntausenden Diensten hätten wir viel zu tun.

(3) Maschinen für Maschinen

Und natürlich koppeln sich auch Maschinen an Maschinen. Das paradigmatische Phänomen sind natürlich die Mashups – ein Computer schnappt sich verschiedene Daten von verschiedenen anderen Computern und Datenbanken und macht daraus was Neues.

Das Zauberwort dafür heisst API. APIs sind gwm. die Möglichkeit von Maschinen füreinander Umwelt zu sein.

Diese drei grundsätzlichen Beziehungstypen können dabei natürlich miteinander verschaltet und verkettet werden, der Output einer Beziehung kann immer als Input einer anderen Beziehung herangezogen werden, und dabei kann es auch zu Rückkoppelungen, Netzwerkeffekten, Beschleunigungen, etc. kommen.

Rivva z.B. macht die Outputs von Menschen (Blogs) zu seiner Umwelt, schnappt sich also Feeds und generiert nach einem Regelwerk einige Seiten, die sich Menschen wiederum zu ihrer Umwelt machen können, um sich zu informieren oder sonstiges. Rivva vermittelt also Beziehungen zwischen Menschen.

(An irgendeinem Ende der Wurst steckt natürlich immer ein Mensch, aber es ist sinnvoll, die Maschinensysteme getrennt zu behandeln, zumal Beziehungen mit menschlicher Beteiligung begrenzt sind und nicht skalieren und an den säugetierischen Körper gekoppelt bleiben, während Beziehungen unter Maschinen wunderbarst skalieren.)

Dabei wichtig ist: Es ist grundsätzlich offen wer was wie damit macht; mit einigen Dingen werden wir rechnen, mit anderen nicht. Und das bringt natürlich Menschen und Institutionen zum Auszucken, das muss geregelt werden.

Privacy kann etwa als der Versuch eines Systems, das was von ihm selbst von anderen Systemen wahrgenommen werden kann zu begrenzen und zu kontrollieren, beschrieben werden; Datenschutz als der Versuch der Regelmentierung, was andere Systeme mit Daten, die sie von einem System schon haben, machen dürfen (z.b. nicht verkaufen oder inkl. Namensnennung veröffentlichen); Copyright als der Versuch der Regelmentierung, welches andere System geschützte Inhalte (re)publizieren darf; etc.

Gleichzeitig bedeutet die Tatsache, dass es grundsätzlich möglich ist, füreinander Umwelt zu sein, nicht, dass sich Systeme auch tatsächlich als Umwelt verschalten und verketten. Jedes System bleibt letztendlich an die eigenen Unterscheidungen und die internen Ausdifferenzierungsmechanismen gebunden, jedes System muss mit der Komplexität und explodierenden Quantität der möglichen Umwelten auf eigene Weise klarkommen. Die Beschleunigung und Komplexität ist an die Grenzen der Wahrnehmbarkeit und den Grenzen der jewiligen Systemkomplexität gebunden.

Systemen steht es im Übrigen auch völlig frei, sich nicht an das Web zu koppeln oder sich dem Web nicht zur Verfügung zu stellen. Allerdings müssen sie damit rechnen, dass sich ihre eigene Umwelt ändert, weil die als Umwelt wahrgenommenen Systeme sich mit dem Web verbinden könnten und ggf. im Laufe der Zeit deshalb verändern könnten und wahrscheinlich auch verändern werden oder ohnehin schon verändert haben. (zeitungen z.b. täten nicht schlecht daran, das gedanklich durchzuspielen, bevor sie mit irgendeinem paywall blödsinn aufwarten – die umwelt hat sich nämlich schon verändert. waren zeitungen in der alten formation das ideale medium dafür, die öffentlichkeit zu informieren, und deshalb gesellschaftlich wertvoll und anerkannt, so degradieren sie sich selbst mit einer paywall zum newsletter, der nicht mehr die öffentlichkeit sondern nur noch eine bezahlende clientel informiert).

Ganz grundsätzlich muss sich jedenfalls jedes System zwei Fragen stellen:

(1) wie stelle ich mich anderen Systemen zur Verfügung? und
(2) welche anderen Systeme nehme ich selbst auf welche Art als Umwelt war?

Warum ich das eher unmotiviert lang und breit erwähne? Weil die aktuelle Aufregung, die WikiLeaks verursacht hat, damit nicht wirklich beschrieben werden kann, was wohl die Irritation rund um WikiLeaks erklärt:

WikiLeaks macht was Interessantes: Es macht System-Interna öffentlich und stellt sie als Umwelt zur Verfügung. WikiLeaks durchbricht die grundsätzliche Grenze, dass sich Systeme nur über eine – mehr oder weniger kontrolliert definierte – Oberfläche oder Haut und auf – mehr oder weniger – kontrollierte Weise zur Verfügung stellen.

Die Überschreitung von WikiLeaks besteht nicht im Aufdecken von Informationen. Einerseits gibt es ja wenig, was man Politikern nicht zutrauen und worüber man sich noch wundern würde, und kritischer Enthüllungsjournalismus, also die kritische Beobachtung von politischen, institutionellen, staatlichen, wirtschaftlichen, etc. Systemen, hat andererseits auch vor WikiLeaks auf geleakte Dokumente (und also Interna) zurückgegriffen, auf die Aussagen von Informanten vertraut.

Die Überschreitung besteht im Veröffentlichen eines unvermittelten Blicks auf die systeminternen Beschreibungen und Mechanismen, die Innereien, auf das obszöne Genießen einer Institution selbst.

Die Inhalte haben insgesamt wenig irritiert, aber die Obszönität des Blicks umso mehr, und dagegen greifen die üblichen Reaktionsmechanismen nicht (die im allgemeinen ja in einem sich-selbst-auf-die-eigene-schulter-klopfen bestehen; was sind wir für ein tolles land, bei uns könne leute protestieren und die presse kann im nachhinein auch über die lügengebilde und desinformationen berichten), in Ermangelung besserer Alternativen hilft nur sofortiges Abschalten und Hinschauverbot (Domain sperren, Amazon hostet nicht mehr, Spenden können nicht mehr via PayPal eingezahlt werden, die Library of Congress blockt, Studenten werden schon vor der Verwendung des Wortes WikiLeaks gewarnt, wenn sie einen staatlichen Job wollen, etc.)

Gleichzeitig ist die Frage ob das gut ist (Transparenz, Demokratie, yay!) oder schlecht (emisch: gesellschaftliche Ausdifferenzierungen brauchen abstrahierte Subsysteme, die Komplexitäten vorprozessieren und auch mal die dreckigen Jobs erledigen; etisch: erzwungene Offenlegung führt zu irrationalen Abwehrreaktionen und psychotischen Restrukturierungen) weniger einfach zu beantworten, als das im ersten Impuls vl. scheint. Bzw. stellt sich die Frage gut/böse so gar nicht, aber welche Frage stellt sich?