Selection 2016


Was man von Big Brother über Trump lernen kann

10.11.2016

in den USA hat in den letzten wochen ja nicht nur die wahl zum präsidenten stattgefunden, es läuft gerade auch die erste reine online-ausgabe von big brother. und wenn man sich die anschaut, kann man das wie und warum und nochmal das wie vom sieg von trump vl. schlüssiger verstehen, als mit den meisten medienkritischen und politikphilosophischen oder sozialwissenschaftlichen erklärungsversuchen, die wir in den kommenden tagen und monaten sehen werden.

ich gehe ausnahmsweise mal davon aus, dass nicht jeder hier mitlesende auch us big brother schaut, deshalb ein paar worte zum format:

es zieht eine gruppe von leuten in ein haus, lebt dort von der welt abgeschieden, wird aber rund um die uhr gefilmt und im fernsehen/im internet übertragen; jede woche wird eine person hinausgewählt, der letzte verbliebene gewinnt 250k; das spiel besteht einerseits aus wettbewerben, die bestimmte rechte verleihen (andere zur elimination nominieren, schutz vor nominierung, usw.), hat andererseits aber auch eine starke soziale komponente (allianzen bilden, kochen, nett oder unterhaltsam sein, dumm oder unfähig und also keine gefahr sein, usw.).

neu in der aktuellen online version ist, dass es keine komprimierte und editierte show im fernsehen gibt, die immer auch die interessen oder narrativen wünsche der produzenten reflektiert, sondern dass alles im webstream live gezeigt wird, auch das normalerweise versteckte. und noch wichtiger: dass die zuschauer durch abstimmungen in das geschehen eingreifen können (einen spieler nominieren, eine stimme zur hinauswahl, diverse andere sicherheiten oder vergünstigungen).

zum verständnis der wahl interessant war nun die dynamik und die feedbackloops der internen und externen gruppenbildungen, die sich nicht nur gegenseitig etabliert und beobachtet, sondern auch eine weise aufgeschaukelt, isoliert und verfestigt hat, die ohne diese wechselseitige interpenetration UND spezifische konstellation nicht möglich gewesen wäre:

der katalysator war eine (leider etwas unglückliche) primäre selbstselektive trennung im haus, bei der es einerseits die normalos (weiß, collegeabschluss, heterosexuell, fit und idealerweise aus dem süden) und andererseits die underdogs (schwarz, dropouts, schwul, dick) gab. und in dieser konstellation sympathisiert natürlich jeder zuschauer für die underdogs, was dazu führte, dass ‘amerika’ in den ersten zwei wochen die unsympathischsten WASPs rausgewählt hat, obwohl sie intern durch die wettbewerbe eigentlich die ‘macht’ im haus gehabt hätten.

der effekt davon war, dass die ‘misfits’ das als zeichen einer uneingeschränkten sympathie von ‘amerika’ verstanden haben, was sie in der folge auf eine weise selbstgerecht gemacht hat, in der plötzlich sie diejenigen wurden, die aus einer position der macht (amerika liebt uns und hasst die anderen) heraus begonnen haben, unnette und ungustiöse dinge zu tun (die polster der anderen unter ihrer achsel reiben oder darauf furzen, trashtalk der auch in den expliziteren roasts funktionieren würde, usw.) – während die verbliebenen ‘plastics’ plötzlich die sympathischen underdogs wurden, weil es einfach vier mädel waren, die überraschend gut miteinander ausgekommen sind (üblicherweise zerlegen sich die frauen in big brother als allererstes selbst).

(übrigens ein anfängerfehler, weil in dem format mittlerweile bekannt sein sollte, dass sympathie immer an die position gebunden ist und auch ehemalige fan favorites in nur einer woche zum verachteten individuum werden können, wenn sie ein zweites mal eingeladen werden und sich dann als checker geben)

der andere effekt war eine fanbildung außen, die die interne dynamik inklusive der falschen selbsteinschätzung und selbstgerechtigkeit und wachsenden kognitiven dissonanzen mehr oder weniger gespiegelt und übernommen hat.

üblicherweise ist es in der populärkultur ja so, dass die ‘misfits’ die sympathischen geheimen helden sind, denen man gerne die daumen drückt und die am ende idealerweise auch gewinnen, während die privilegierten ‘plastics’ abgestraft werden, sich ihr prinz als frosch herausstellt und sie wenn sie glück haben nach einer läuterung eine versöhnung erfahren.

hier war es aber so, dass die ‘misfits’ nach allen pragmatischen kriterien des zusammenlebens bald die eigentlichen ungustl waren, was von den ursprünglichen fans aber nicht zur kenntnis genommen wurde, was allerdings nur funktionieren konnte, indem der bezug zur realität kollektiv aufgegeben wurde und man sich auf eine art emergenten hive mind bezogen hat, in dem alles eitel freud und sonnenschein war.

das notwendige konstitutive element dafür war glaub ich, dass sich eine gruppe falscherweise selbst als ‘fucked over’ wahrgenommen hat. im haus hat sich diese auslegung in der dritten woche gebildet, nachdem die stimme von ‘amerika’ das erste mal nicht mehr zu gunsten der misfits ausgefallen ist, als sie selbst das erste mal an der macht waren. ihre einzige erklärung dafür war, dass der prozess selbst ‘rigged’ sein muss. amerika liebt sie, das haben die ersten wochen gezeigt, und die anderen sind furchtbare menschen, das ist selbstevident, es kann also nicht anders sein als dass irgendwas nicht stimmt.

und diese selbstwahrnehmung als ‘fucked over’ hat sich auch nach aussen übertragen. auch die fans der misfits haben einfach als axiom angenommen, dass niemand für die plastics stimmen könnte und dass jedes voting für diese also ‘rigged’ sein muss. entweder weil die fans der anderen rassisten oder homophob sind, oder weil sie das wahlsystem gamen, oder weil die produktionsfirma korrupt ist und das ergebnis fälscht.

nachdem diese falsche selbstwahrnehmung aber einmal etabliert war, kam es zu einer art operativen schliessung und entwicklung von techniken, die wir dann auch bei trump zu spüren bekamen:

  • die entwicklung von filter- und gruppierungsprozessen, bei denen man zunehmend nur noch das zu sehen bekommt, was man sehen will und was die eigene meinung bestärkt (blocked bye). ich bin kein fan des konzepts der filterbubble, weil es auf individueller ebene einfach kein problem ist, weil jeder seinen inputstrom so variabel halten kann wie er will; aber sozial verschaltet wird tatsächlich eine eigene dynamik getriggert, wenn leute beginnen den realitätsbezug sozial aufzugeben. wobei dabei ganz interessant ist, dass es weniger ein problem der sichtbarkeit von aussagen oder fakten ist – die gruppen besuchen sich auch gegenseitig um zu trollen usw. – sondern dass es eher darum geht, die eigene bewertung davon zu bestätigen.
  • die ausbildung einer paranoiden wahrnehmung, bei der schon die kleinsten dinge als beweis für eine verschwörung herhalten können. der ursprung der paranoia entsteht dadurch, dass das wahrgenommene gefühl des eigenen stroms nicht in der wahl amerikas reflektiert wird (die ursache dafür war bei big brother aber ganz lapidar, dass sich auf verschiedenen plattformen verschiedene fangruppen gefunden haben – auf twitter sind die fans der misfits, auf reddit die fans der plastics. im eigenen strom schwimmt man in einer bequemen mehrheit, den vl. grösseren schwarm zwei ecken weiter sieht man nicht). einmal etabliert beweist aber potentiell alles die verschwörung.
  • damit verbunden das verlieren von jedem maßstab resp. das verzerren von aussagen. stundenlange schimpftiraden sind gleichwertig wie ein ‘jeez, das sind solche idioten’, schon eine handvoll an fehlern reicht aus, um sie im argumentativen tresor zu verwahren und bei bedarf immer wieder herauszuholen.
  • eine verpflichtung für alles sein zu müssen, was den eigenen kandidaten begünstigt oder den anderen kandidaten benachteiligt, und gegen alles sein zu müssen, was den eigenen kandidaten benachteiligt oder den anderen kandidaten begünstigt (ansonsten schnell: hast du heute deine medikamente vergessen? achtung, dein account wurde gehackt)
  • ganz interessant dabei ist, dass neben der genuinen dummheit auf semantischer ebene, das kollektiv durchaus eine systemische schlauheit entwickeln und zu erstaunlich effektiven verfahren kommen kann (nur als beispiel: bei den votings ist es wichtig, die stimmen auf ein gemeinsames ziel zu konzentrieren, weil man sonst auch bei gegebener mehrheit gegen eine einheitliche minderheit verlieren kann; und während sich auf der ebene der interpretation von votings eher die bizarren thesen der grössten beliebtheit erfreuten, so hat es nur eine weitere woche gebraucht, bis mechanismen zur selbstorganisation etabliert waren)
  • neben der entwicklung von schlauen spielzügen eine parallele entwicklung von mehr oder weniger legalen tricks, das spiel selbst zu unterlaufen (um beim beispiel votings zu bleiben: neben den methoden zur selbstorganisation wurden gleichzeitig techniken entwickelt, die die selbstorganisation der anderen seite verhindern oder unterlaufen sollten – manipulation der polls, versuch der infiltration der anderen mit fake-accounts, usw.). viele aktivitäten griffen dann auch schnell unter die gürtellinie, verspottende meme sind noch eher die angenehmeren symptome. das problem der legitimität stellt sich deshalb nicht, weil man eben selbst die unterdrückte gruppe ist und in reiner notwehr handelt.
  • das spiel ist selbst asymmetrisch; where they go low we go high oder ein bezug auf rationalität sind keine strategien, mit denen man gewinnen kann. blöderweise hätte man mit einem where they go low we go lower noch mehr verloren.

das nur auf die schnelle, aber ich glaube die ähnlichkeiten mit dem wahlkampf von trump sind leicht zu erkennen (der grösste unterschied ist natürlich, dass sich im falle trump ausgerechnet die weiße mehrheit als unterdrückt empfunden hat, von den bürokraten in washington, von den liberalen medien, von den bankern an der wall street, von der sprachkontrolle der politisch korrekten, vom system clinton, von allen anderen, die ihnen die waffen wegnehmen wollen, usw.).

(der kapitale fehler war glaub ich nicht, dass wir uns auf falsche politische gewissheiten verlassen haben und die medien deshalb ihrem auftrag als überzeuger der mehrheit vom anständigen nicht nachgekommen sind, wie es sascha lobo in seiner analyse vermutet. wobei es eine fatale falsche gewissheit gab, nämlich die annahme, dass trump niemals wirklich gewählt werden würde, die vorstellung war einfach absurd; das hat niemand so gesagt, als horrorszenario wurde die möglichkeit natürlich betont, aber ich glaube es haben die wenigsten wirklich gedacht. reine spekulation, aber ich kann mir gut vorstellen, dass der gesamte wahlkampf anders abgelaufen wäre, wenn trump als realistische option empfunden worden wäre. retrospektiv kommt mir eher vor, dass der wahlkampf von clinton und allen liberalen medien primär auf verwaltung eines 5% vorsprungs ausgelegt war, wahrscheinlich um sich nicht unnötig auf versprechungen oder konkrete positionen festlegen zu müssen, die sich dann in der amtszeit vl. rächen könnten. kleines indiz dafür war, dass sie nicht einmal eine alternative rede vorbereitet hatte.)

wobei die frage bleibt, was man tun hätte können oder was man in zukunft tun kann. wobei man aber zumindest sehen kann, was in dieser konstellation nicht funktioniert – nämlich das aufklären und informieren, das verstehen und gute zureden, auch nicht das emotionalisieren. am ehesten bleibt wohl eine gute politik, die die rechte von allen menschen angemessen festschreibt.


Papierkorb pt. 144

24.07.2016

(kl. nachtrag zu den minimal models pt. 3 : ein relativ wichtiger parameter, den ich dort ausgelassen habe, ist die jeweilige soziale/monetäre/symbolische signifikanz. sprich: was wichtig oder teuer ist, darf auch mal überlegung/aufwand erfordern und muss keine einclickgeste sein; und je wichtiger und teuerer es ist, desto mehr überlegung/aufwand darf erwartet werden)

((was nur zur sicherheit nicht bedeutet, dass irgendwas von mobilen apps nicht abgebildet werden kann, solange sie nicht spürbar schlechter als die beste nichtmobile alternative sind))


Minimal Models pt. 3 (Gadget Edition)

18.06.2016

(für aufmerksamere leser: das folgende modell ist im ersten teil ein remix vom minimal model pt. 1, der media edition und ich ersetze eigentlich nur die begriffe; im zweiten teil bespreche ich dann aber die teilweise auch gegebenen unterschiede)

part 1

stellen wir uns einmal eine welt vor, in der für den gemeinen menschen es nur eine art an computativer gerätschaft gibt: gehäuse, in denen eine platine steckt, die man mit dingen wie einem prozessor, arbeitsspeicher, festplatten, karten für diverse erweiterungen, tastatur, maus und einem monitor verbinden kann. man kann die internen komponenten austauschen, wie man will; man kann die externe peripherie anschließen, die man will; man kann das betriebssysteme und die software installieren, die man will; man könnte auch selbst komponenten bauen oder software entwickeln und verkaufen, wenn man es kann und einem danach ist. man kann unter dem strich damit machen, was man will. nennen wir sie PC.

alle, die bedarf an einer computativen gerätschaft haben, benutzen PCs für alles, was sie tun wollen (moorhuhn spielen, sich zahlen für die spreadsheets vom business plan ausdenken, musik produzieren, AI-algorithmen programmieren, etc.), was sollten sie auch sonst tun. es wird sich ein bestimmter raum an entwicklern von hard- und software einerseits und benutzern andererseits ausbilden, und die benutzung wird sich auf einem gewissen aktivitätsniveau mit einer gewissen, je spezifischen verteilung von ‘jobs’ der benutzung einpendeln.

stellen wir uns nun vor, dass dann eine zweite gerätschaft hinzukommt, die alle komponenten von einem solchen PC so schrumpft, dass sie inklusive berührungssensitivem bildschirm in eine tafel zotter schokolade passt. man kann zwar nicht mehr alles machen was man will, aber man kann sich noch immer apps aus einem kontrollierten store herunterladen und diese apps dann benutzen wie man will. nennen wir sie iphone.

was wird passieren?

  • leute werden eine ganze reihe an neuen ‘jobs’ entdecken, die mit dem neuen, viel kleineren und viel billigeren gerät plötzlich sinnvoll werden (einige, weil sie davor grundsätzlich unmöglich waren, andere, weil sie davor grundsätzlich möglich aber gwm. sinnlos oder unpraktikabel waren).
  • es wird eine umverteilung/migration der beteiligung geben: leute werden beginnen, iphones statt PCs für die neuen jobs zu verwenden, und für die jobs, für die iphones besser als PCs geeignet sind. (für welche dinge sich neue gerätschaften besser eignen ist übrigens schwer vorauszusehen; es gibt einige jobs, die auf dem iphone erstaunlich gut funktionieren)
  • einige leute werden sich erstmals eine computative gerätschaft zulegen, entweder weil sie erstmals für sich sinnvolle jobs entdecken oder weil sie für sie erstmals einfach oder billig genug ist.
  • einige andere werden fortan PCs und iphones verwenden, einige wenige weiterhin nur einen PC, einige nur oder nur noch iphones.
  • die anzahl der benutzer von gerätschaften wird insgesamt zunehmen.
  • die anzahl der ausgeführten ‘job-ereignisse’ wird in diesem fall wohl dramatisch zunehmen, nicht nur weil das iphone vor allem sehr ‘kleine’ jobs ermöglicht, sondern auch weil man das iphone 24/7 bei sich tragen kann und man damit also diese kleinen und kleinsten aktivitäten permanent ausführen kann.
  • der marktanteil der gerätschaften wird sich verschieben. (die gesellschaftliche bewertung davon ist jedoch eine schwierige sache, weil der marktanteil an den gesamten aktivitäten tatsächlich nichts über die nachhaltigkeit oder gesellschaftliche relevanz der nützlichkeit aussagt.)

als ergebnis entsteht irgendwann jedenfalls ein neues technologisches milieu mit zwei ebenen der ausdifferenzierung: einerseits differenzieren sich die gerätschaften ‘gegeneinander’ aus; andererseits differenzieren sich innerhalb der einzelnen gerätschaft die aktivitätspotentiale der jeweiligen jobs untereinander aus. sowohl die gerätschaften selbst als auch die qualität und quantität der ‘jobs’ innerhalb der jeweiligen gerätschaft pendeln sich auf einem gewissen neuen aktivitätsniveau ein.

these:

mit jeder weiteren gerätschaft entstehen – immer der gleichen logik folgend – jeweils immer wieder neue milieus, die sich jeweils immer wieder einerseits bezüglich der gerätschaften untereinander und andererseits in jeder gerätschaft in sich selbst bezüglich der jobs und ereignisse ausdifferenzieren.

(neue gerätschaften entstehen üblicherweise durch einführung von neuen unterscheidungen, die technologisch möglich werden; neben der unterscheidung offen, modular, klobig und stationär (PC) und geschlossen, monolithisch, handlich und immer dabei (iphone) wie in unserer welt, gibt es viele andere, wie ausdifferenzierung entlang der grösse des screens, der art der eingabemöglichkeit (keyboard+maus, touch, voice, etc.), der autonomie (autonom und selbstbetrieben/abhängig von der cloud), bzgl. des formfaktors, bzgl. des preisfaktors, bzgl. des freiheitsfaktors und vielen anderen. und jede unterscheidung verdoppelt gwm. die anzahl der möglichen gerätschaften, wobei es aber auch clusterbildungen resp. kategorien und nicht genutzte kombinationen gibt.).

was kann man nun schon aus diesem allereinfachsten modell lernen?

  • eine neue gerätschaft wird die anzahl der grundsätzlich möglichen ‘jobs’ erhöhen (etwa weil sie schneller oder kleiner oder billiger oder omnipräsent ist) und kann die anzahl der systemweit ausgeführten ‘job-ereignisse’ erhöhen oder aber auch reduzieren (etwa weil sie dinge zusammenfasst oder überflüssig macht). in beiden fällen funktioniert das leben danach idealerweise besser. die anzahl der ausgeführten job-ereignisse selbst ist jedenfalls eine völlig sinnlose metrik.1
  • man kann und sollte mehrere gerätschaften gleichzeitig verwenden, idealerweise verwendet man für jeden job das jeweils dafür geeignetste gadget.2 die alte gerätschaft muss jedenfalls nicht sterben, damit die neue sinnvoll oder wertvoll wird. (das klingt offensichtlich aber viele fühlen sich leider nur wohl, wenn sie irgendwas ausstopfen und an die wand hängen können.)
  • es ist ganz grundsätzlich nicht schlecht oder beklagenswert, wenn eine alte gerätschaft ‘marktanteile’ an eine neue verliert. es ist ganz grundsätzlich nicht gut oder bejubelnswert, wenn eine neue gerätschaft ‘marktanteile’ gewinnt und eine alte verdrängt. das ergebnis der anpassung ist ein gleichgewicht auf höherem niveau. es gibt ganz grundsätzlich nichts zu urteilen, sondern nur was zu beobachten. (don’t ask yourself if this is a good thing or a bad thing. ask yourself what’s going on)
  • der ‘marktanteil’ der verschiedenen gerätschaften ist auch nicht sinnvollerweise vergleichbar, weil sie völlig unterschiedliche funktionen mit unterschiedlicher wertigkeit entlang der achsen persönlich, sozial und system (siehe querfinanz ) erfüllen können.
  • es bringt nichts, die alten marktanteile im neuen milieu retten zu wollen oder künstlich zu pimpen. (marktanteile sind kein recht und auch kein erwartbarer effekt einer ‘anstrengung’, marktanteile reflektieren die homöostatische ausdifferenzierung aller zu einem zeitpunkt gegebenen parameter)
  • die effekte und möglichkeiten der jeweiligen gerätschaft sind also keine ‘leistung’ der gerätschaft oder der hersteller, sondern effekte, die durch die benutzung entstehen.
  • es gibt strukturell keine zeitlichkeit oder vorrecht der einen gerätschaft über die andere; ist die neue gerätschaft einmal da, koexistiert sie mit allen anderen gerätschaften gleichwertig. (der kleine vorteile von der historisch älteren gerätschaft ist, dass die leute erst wechseln/ihr verhalten adaptieren müssen und die (natürlich sunk) costs der anschaffung. das asymptotische gleichgewicht für eine bestimmte konstellation ist aber zeitlos.) zwar wird es im konkreten historischen verlauf gewisse wellen geben (überschätzung am anfang, zuerst hysterie und dann verachtung bei beobachteter abnahme, etc.), früher oder später passt sich die verteilung jedoch an, weil das kämpfen gegen die ineffizienzen zu teuer wird.
  • ganze kategorien von gerätschaften können durchaus auch obsolet werden und verschwinden. (allerdings sollten sie überleben können, solange es zumindest einen halbwegs populären ‘job’ gibt, für den sie die gerätschaften sind, die dafür am besten geeignet ist.)
  • gelegentlich können die verschiebungen und migrationen ob eines neuen gadgets auch sehr schnell gehen und/oder sehr grosse auswirkungen haben.
  • es ist wirklich wichtig, nicht den fehler zu machen, die übergangsphase von einem zustand in den neuen als etwas anderes als eine anpassung ans neue gleichgewicht zu interpretieren. (das ist natürlich der fehler, den alle machen, die sich zahlen von neuen formfaktoren anschauen und dann aleatorisch extrapolieren um dann wasauchimmer und jedenfalls den tod von irgendwas zu prognostizieren.)
  • auch wenn kategorien von gerätschaften wegen anderen kategorien üblicherweise ‘marktanteile’ verlieren, so wird doch gleichzeitig auch ihr eigenes profil geschärft. sie werden also besser, weil sie zunehmend für die jobs herangezogen werden, für die sie wirklich geeignet sind.

bis hier verlief das modell mehr oder weniger synchron zum media model. die unterschiede möchte im folgenden abschnitt skizzieren:

part 2

  • im vergleich zum media model – bei dem sich die medien primär gegeneinander ausdifferenzieren und dabei gwm. inhaltliche formkörper etablieren – gibt es hier doch eine viel stärkere abhängigkeit von technologischen entwicklungen und sozio-ökonomischen umständen, was zwei konkrete serien triggert:
    (a) eine art gemeinsame ‘technologische phylogenese’ bei der entstehungsgeschichte der gerätschaften, einfach weil bestimmte unterscheidungen von technologischen errungenschaften abhängig sind. für die unterscheidung online/offline braucht man das web; für die unterscheidung stationär/mobil braucht man das mobile web; für gewisse formfaktoren müssen bestimmte komponenten klein genug, oder schnell genug, oder billig genug sein, etc – wobei sie das dann aber für alle immer gwm. zum gleichen zeitpunkt werden.
    (b) gleichzeitig kann man auch eine viel stärker variierende individuelle ‘technologische ontogenesen’ bei der adaption der gerätschaften erwarten, einfach weil die lebensläufe konkrete und viel härtere umstände etablieren, die den zugang zu und den umgang mit gerätschaften definieren.
  • während die phylogenetische serie aus der perspektive der atemporalität betrachtet werden sollte – i.e.: ist eine gerätschaft erst mal da, muss die welt so tun, als wäre sie schon immer da gewesen, und das ist wichtig, weil die jeweiligen umverteilungen dann keine progression weg von einem und hin zu einem besseren anderen sind, sondern eine homöostatische anpassung an das gleichgewicht, das es geben würde, wenn es alle gerätschaften immer schon gegeben hätte – müssten die ontogenetischen serien empirisch pragmatisch und politisch beschrieben werden (was den rahmen dieses modells aber sprengt).3
  • statt unseren blick jedenfalls auf das systemisch irrelevante technologisch ‘werdende’ oder ‘wachsende’ zu richten und ohne uns von der berechtigten kritik an den gesellschaftlichen bedingungen zum zugang zu sehr ablenken zu lassen, sollten wir also primär die ausdifferenzierung der jobs im auge behalten, die in bestimmten technologischen milieus dann möglich werden und die konkrete benutzung dann tatsächlich empirisch/ethnographisch beschreiben.4 es reicht, vl. verständlicher formuliert, nicht aus zu messen, wie oft eine gerätschaft benutzt wird, man sollte sich vor allem auch anschauen, wofür und mit welchen persönlichen und gesellschaftlichen konsequenzen.

exkurs: jobs und mobility

schauen wir uns vl. kurz an, wofür etwa iphones geeignet sind und wofür nicht.

(a) sie sind perfekte persönliche entertainment- und consumption devices. man kann radio, musik oder podcasts hören wo und wann man will; man kann youtube-videos oder tv-serien anschauen wo und wann man will; man kann sich mit spielen soviel zeit vertreiben, wie man will, man kann kürzere artikel lesen, so viele man will, solange die augen noch können.

(b) sie sind perfekte persönliche communication devices. sie machen einen via text, chat oder skype dauererreichbar und wer muss kann sogar emails schreiben oder telefonieren.

(c.) sie sind perfekte persönliche butler für dinge, die gerade anstehen (wo bin ich gerade? wo ist das nächste? wie wird das wetter? welcher song spielt gerade im hintergrund? was kostet das bei amazon? wie viel ist 31+5? bestell ein taxi! übersetze mal schnell! sie sind eine universelle fernbedienung, sie können sogar das garagentor öffnen, usw.)

(d) sie sind perfekte persönliche documentation devices. man kann photos machen, videos drehen, tonaufnahmen machen, wer will kann auch seine aktivitäten erfassen, seine biodaten erfassen, seine geodaten erfassen, etc. und alles visualisieren und archivieren.

(es ist also ein no brainer, dass jeder mensch, der auch nur irgendwie dazu die möglichkeit hat, ein iphone haben wird. und man braucht kein via vertrag querzufinanzierendes absurd überteuertes iphone: ein ungesperrtes moto-g auf dem ein near-stock marshmallow läuft kostet $130, für $10/m bekommt man vertragsfreie 1,5GB daten pro monat, es sind die bezahlbarsten zaubermaschinen aller zeiten und man muss schon sehr stur sein, um sich dem zu verweigern. statt iphone sage ich fortan also smartphone)

gleichzeitig sind sie für andere dinge weniger gut geeignet. spielfilme schaut man sich doch lieber auf einem grösseren screen an. etwas längere emails oder blogposts sind vl. noch möglich aber nicht praktisch, fürs verfassen von langen texte sind sie wirklich unpraktikabel. auch das recherchieren von nicht ganz trivialen zusammenhängen wird schnell umständlich. man wird auf ihnen auch nicht programmieren oder komplexere produktionsprozesse definieren (in diesem sinne sind sie keine autopoetischen gerätschaften), etctrara. alles, was nicht in eine serie an einfachen, kleinen happen aufgeteilt werden kann, wird schnell schwer.5

smartphones sind also perfekte gerätschaften zum konsum von wert und für persönliche und phatische kommunikation, zur produktion von gesellschaftlichem wert für andere und von sozialem sinn sind sie aber ungeeignet.6

aber warum ich auf diesen statements of the obvious so herumreite: es hilft zwei fehler zu vermeiden, die bei der naiven extrapolation von ‘mobile’ und ‘iot’ üblicherweise gemacht werden:

(a) die von den ganzen mobile-firstlern gemachte annahme, dass sich die mobilen verteilungen anteilsmässig wie die davor bei den PCs verhalten werden. und weil bald 90% mobil abläuft, sollte man also möglichst viel auf mobil werfen, weil es ja ein 10x so interessanter markt ist. was dabei aber übersehen wird ist, dass im mobilen 95% der aktivitäten mit einer handvoll an anwendungen verbracht wird – eben denen, die die primären anwendungsfälle am besten lösen – und plötzlich streitet man sich mit zwei millionen anderen apps um die verbleibenden 5% krümel, was schon eine deutlich unattraktivere proposition ist (in der es natürlich noch immer interessante meganischen gibt, die sich aber auch wieder mit einem sehr fetten head und sich einem schnell ausdünnenden langen schwanz verteilen; tools wie googles firebase helfen vl. noch eine zeit lang, dort zumindest relative vorteile zu haben, sind mittelfristig aber nur ein race to the bottom, weil sie ja von allen anderen auch eingesetzt werden). man sollte sich also gut überlegen, ob das eigene soziale objekt oder der eigene anwendungsfall für mobile geeignet ist oder nicht und wie man ihn ggf. ‘mobilisiert’.

(niemand heuert zb. ein handy an, um damit einzukaufen, was ja die unhinterfragte prämisse im feld ecommerce zu sein scheint. apps müssen einen signifikanten und konkreten nutzen offerieren, der sich aus den spezifischen möglichkeiten des smartphones ergibt – sprich lokalität, identität, einfachheit im bezahlen, habitualisierte gesten (eg. tinder), zeitfaktor wie auktionen oder stündliche aktionen, ggf. sozialität, von mir aus auch coupons, etc., ansonsten ist der screen einfach zu klein und man setzt sich halt am abend an sein macbook. eine ausnahme ist der vl. gerade deshalb von allen so gepushte bereich chat(bots), weil hier die grösse des screens relativ unwichtig ist. einfach das motto mobile first auszurufen bringt jedenfalls nichts, wenn man keinen zumindest wirklich guten job dafür hat, und die eigene app mit gewalt zu pushen bringt überhaupt nichts, weil sie auch genauso schnell wieder gelöscht ist oder vor sich hin gammelt, wenn sie keinen nachhaltigen und einzigartigen wert für den benutzer offeriert. app-installs zu kaufen ist ähnlich sinnvoll wie twitter-followers zu kaufen. die 100k schauen gut aus, bringen aber exakt nix. wer die zalando-studies von excom verfolgt, der kann derzeit quasi in echtzeit mitverfolgen, wie zumindest systematisch versucht wird, für sich selbst/den gesamten bereich mode einen mobilen shopping-sinn zu finden)

(b) die von der tech-crowd gerne gemachte annahme, dass sich diese gegenüber dem PC exponentielle nützlichkeit des smartphones dann auch in den kommenden kategorien an gerätschaften (watch, biochips, smart-xy, usw.) immer wieder fortsetzen wird und die singularität also naht. auch hier gibt es sicher noch grössere und kleinere ritzen und potentiale, aber man sieht glaub ich schon bei der apple watch sehr schön, wie wenig echten mehrwert sie generiert, selbst wenn sie in ein paar jahren auch ohne iphone funktioniert (wobei ich übrigens trotzdem glaube, dass sie ihr geld allemal wert ist, wenn man im apple kosmos bleiben möchte und nicht mit einer pebble oder so experimentieren möchte, die derzeit an interessanteren stellen herumschrauben). auch voice – also alles von siri bis echo – hat seine grenzen (und leidet vor allem auch der dämlichen und auch von niemandem hinterfragten grundannahme, dass leute wirklich mit ihren gerätschaften sprechen wollen, was die entwicklung der szenarien behindert, wofür voice wirklich am besten geeignet ist, die es natürlich auch gibt; aber auch bei voice wird das gerade beobachtbare explosive wachstum fälschlicherweise als unaufhaltsames neues paradigma und nicht als homöostatische anpassung interpretiert). und der gesamte komplex iot generiert jährlich gerade tausende neue gadgets, aber keiner weiss so wirklich warum; alle laufen, weil alle anderen auch laufen, aber die paradigmatischen anwendungsfälle sind noch immer das garagentor, kustomisierbare beleuchtung, der selbst die milch nachbestellende kühlschrank und ansonsten fast immer gimmicks, die zwar fans vom yps natürlich das herz höher schlagen lassen, aber das leben nicht wirklich verbessern. öfter als nicht verkomplizieren sie unnötigerweise dinge, die man mit einem handgriff auch einfach selbst tun könnte. aber davon abgesehen: es gibt nur wenige ‘perfekte’ gerätschaften, die eine art idealer universeller canvas für alles mögliche sind (und apple hat interessanterweise 3 davon: das iphone SE, das kleine ipad pro und das 13’ macbook pro, irgendwas machen sie also richtig) und wir werden wohl in nächster zeit resp. bis zur nächsten radikalen technologischen unterscheidung keine weitere mehr sehen. bis dahin zerfasern sich die kommenden verteilungen zunehmend an den rändern und müssen sich also eher eine ebene darüber an emergente thematische plattformen andocken, die den gemeinsamen leim und infrastruktur liefern (und die sich derzeit gerade um den besten platz in der ersten reihe streiten, themen sind etwa car, home, payment, health, usw.)

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1 besonders blöd ist natürlich die annahme, dass mehr benutzung besser und/oder wünschenswert ist; ich habe überhaupt nichts gegen die sinnlose benutzung von technologie als freizeitbeschäftigung oder zur überbrückung von zeit, aber die benutzung von technologie erzeugt nur wert, wenn sie das leben eines benutzers verbessert und/oder mehr zeit für andere dinge erzeugt, und sie generiert nur sozialen sinn, wenn sie anschlusskommunikation ermöglicht; wert entsteht jedenfalls nicht, indem man möglichst viel leben mit technologie verbringt.

2 hier spielt natürlich der preisfaktor eine rolle, dh. man muss entweder in gerätschaften investieren, kann alternativ aber immer auch aus dem eigenen bündel vorhandener gerätschaften selektieren.

3 nur zum beispiel: das ipad ist nicht der bessere PC, das ipad ist die gerätschaft für leute, die keinen weiteren ansprüche an jobs haben als die, die das ipad kann (was übrigens völlig ok ist); das smartphone ist nicht schon bei 80% und also schon fast der endpunkt der evolution, das smartphone ist die gerätschaft für die 99% unserer aktivitäten, für die es gut genug ist, usw.

4 jobs können üblicherweise von mehreren gadgets jeweils mehr oder weniger gut erledigt werden. gerätschaften können andererseits auch mit peripherie kombiniert werden, was ihnen dann ganz andere potentiale eröffnet. einfache gadgets lassen sich etwa mit einem bluetooth-keyboard für aufgaben öffnen, für die sie alleine nicht geeignet wären.

5 wobei limitationen manchmal natürlich auch gut sein können, weil sie den fokus quasi erzwingen. wer mit dem iphone youtuber ist, der muss sich konzentrieren, wer mit dem iphone ein blogger ist, der muss sich kurz fassen, usw.

6 nur zur sicherheit: sowohl smartphones als auch tablets sind alles andere als reine consumption machines, vor allem für phatische kommunikation und kleine datentypen wie chat und messages, aber auch für alles was mit narration zu tun hat. ich mokiere mich nicht darüber, dass aus 1000 ausgeführten aktivitäten 990 privat und gesellschaftlich nutzlos sind; ich mokiere mich nur darüber, dass es keinen unterschied in der bewertung gibt.


Quiz Pt. 106 Solution

08.05.2016

Ich bin euch ja noch meine Antwort auf Quiz Pt. 106 schuldig:

das sich abzeichnende Muster ist ganz einfach, dass sich jede dumme Verweigerung gegenüber dem Web früher oder später auf unerwartete Weise rächt, und dass diese Weise umso grotesker wird, je dümmer man sich angestellt hat – üblicherweise, weil man gegen den völlig falschen Feind angelaufen ist, statt zu versuchen das Web positiv mitzugestalten, solange man noch in der allerbesten Position dafür ist.

Ich habe das in der Talfahrt schon mal für den Komplex Medien angedeutet:

(karma am rande: der journalismus bekommt mit buzzfeed, heftig und co nun endlich die rechnung dafür präsentiert, dass sie die nullerjahre mit dem belächeln und verspotten von zuerst blogs und dann twitter verbracht haben, die mit ihrer zukunft wenig bis nichts zu tun haben bzw. hatten. die irritation und konsternation darüber, dass es da plötzlich was anderes gibt, wo jeder seine meinung publizieren konnte und kann, hat sie blind für alle ihre existenz tatsächlich betreffenden entwicklungen gemacht. mit der aktuellen hysterie – man denke an das schnipsel- und leistungsschutzrecht, den ‘kampf’ gegen google, das am besten zerschlagen werden soll, usw. – wiederholen sie gwm. diesen ersten fehler, nur dieses mal ganz brav nach marx und hegel nicht als tragödie, sondern als farce.)

(nts: mich öfter selbst zitieren)

Und wenn es einen anderen Komplex geben sollte, der sich dem Web tatsächlich noch konsequenter als die deutschen Medien verweigert hat, dann ist das die deutsche Politik. Die Sammlung der netzpolitischen Interventionen der letzten 10 Jahre stünde dem Schildbürgerbuch an unfreiwilliger Komik kaum nach (man denke an stoppschilder, vorratsdatenspeicherung, recht auf vergessen, de-mail, störerhaftung, rechtsfreien raum, leistungsschutzrecht oder als persönliche fehden etwa, wie s. gabriel mehr angst vor google hat als vor allem, was durch e. snowden aufgedeckt wurde, wie sich i. aigner gezwungen sah, ihre mitgliedschaft bei facebook zu kündigen, falls nicht auf die kritikpunkte der studie der stiftung warentest eingegagen wird, usw.), wenn nur die Kosten nicht eine enorme gesellschaftliche Verhinderung und Bremsung wäre.

Um die Metapher von oben aufzugreifen: die falsche von den bürgerlichen Parteien ausgemachte Gefahr war die Piratenpartei, also der unorganisierte Haufen an Spinnern, die sich für Vernetzung, eine progressivere Netzpolitik, etcblabla einsetzen, und die man nach dem kurzfristigen Strohfeuer schon als erlegt erachtete, mit dem Thema digitale Bürgerrechte sind halt keine Wahlen zu gewinnen. Nur sind die Piraten und alle anderen Netzaktivisten völlig irrelevant. Das Problem sind nicht die, die sich das als Thema Internet auf die Fahne schreiben, sondern die, die die Dynamik des Internets und die Verstärkungseffekte von etwa Facebook ‘schamlos’ benutzen und einen plötzlich rechts mit 180 überholen können. Der blaue Balken ist also das wiederkehrende Verdrängte, das Symptom des jahrelangen Misstrauens und Mauerns gegenüber dem Web, das hinter jeder Ecke Gefahren sieht, ‘Feuer’ schreit und jeden, der es nicht besser weiss, völlig verunsichert – man denke nur an Cookies, die ja mindestens so giftig imaginiert werden wie Fliegenpilze.


Quiz Pt. 102 Solution

15.02.2016

was ist die falsche Grundannahme, die hinter jedem Sinnieren über einen algorithmischen Twitter-Feed steckt?

Ich bin euch ja noch meine Antwort auf Quiz Pt. 102 schuldig:

die falsche Annahme ist ganz einfach, dass Tweets besser oder schlechter sein können

(und daraus abgeleitet dann, dass man twitter besser machen könnte, wenn man nur die guten und allerbesten erkennt und dann hervorhebt und in der timeline besonders betont, wenn man die schlechten herausfiltert und versteckt, etc.)

Tweets haben aber keine inhärente Superheit, sondern sind einzeln betrachtet eher dull. Ihren Wert bekommen sie erst als ‘Differenz’ zu allen anderen Tweets im Gesamtsystem Twitter, das ihnen einen bestimmten Satz an Möglichkeiten zum Strömen – in Timelines, in öffentlichen und privaten Listen, in Profilen, in Suchen, etc. – offeriert, die von der geneigten Gefolgschaft ‘aktualisiert’ werden kann bzw. muss.

(natürlich gibt es tweets, die isoliert betrachtet, wenn man so will, besser/informativer als andere sind, es gibt gelungene wortspielchen, der exit von frank93 schmerzt noch immer, es gibt brilliante einsatzannotationen zum weltgeschehen, es gibt sarkastische kommentare zum fernsehen, gute links, etctrara, aber das ist völlig irrelephant, wirklich gut werden sie erst resp. nur, wenn sie im strom aller anderen gwm. aus eigener kraft erscheinen. das fischen im strom gehört also nicht nur dazu, der akt des fischens (inklusive aller meditativen und intensiven reaktionen) selbst ist wichtiger als die gefangenen fische. auch völlig unterschätzt wird hier übrigens unser kognitives potential beim prozessieren und priorisieren vom eigenen strom, zumal es ja einige visuelle clues wie den avatar oder anzahl an favs und retweets gibt)

((das bedeutet natürlich nicht, dass es kein legitimes anliegen ist, bessere clients, filter, aggregatoren, mischpulte oder rekombinatoren zu entwickeln resp. zu benutzen – die gibt es jetzt schon und da gibts auch noch viel luft nach oben -, nur sollte das eben die aufgabe von unabhängigen entwicklern/startups/plattformen sein, nicht die von twitter selbst, weil twitter natürlich immer nur eine interpretation vom bedeutsamen tweet realisieren kann, während es natürlich immer eine vielzahl an möglichen heuristiken gibt; jede ‘offizielle’ priorisierung von twitter erzeugt gwm. risse im symbolische gewebe, die sich nicht mehr stopfen lassen und deren kosten (etwa die latente angst den vl. wichtigsten tweet aller zeiten zu verpassen) viel grösser sind als der mögliche nutzen))

nur am rande: twitter hat das problem, dass ihnen von allen seiten erklärt wird, wie facebook zum enormen userwachstum kam, weil sie ‘bold’ und oft auch unpopuläre ‘moves’ machten, und dass twitter nur deshalb userzahlentechnisch stagniert, weil ihnen eben der mut zu diesen grossen änderungen fehlt, dabei bräuchte es ja nur längere tweets, algorithmische timelines, bessere dm’s, lustigere filter für die kids, etcblabla, dann kommt schon die milliarde. was da immer übersehen wird ist, dass facebook in einer sehr eingeschränkten version gestartet ist, die man dann sehr leicht ‘erweitern’ konnte (von studenten zu allen, von private zu public, etc.) ohne das eigene wesen zu zersetzen, während twitter nach seiner ersten grossen iteration schon 2007 mehr oder weniger am idealen endpunkt angekommen ist und jede weitere intervention dann fast notwendigerweise eine verschlechterung darstellt. dass die algorithmische timeline bei facebook funktioniert hat, bedeutet eben gerade nicht, dass sie auch bei twitter funktionieren würde; bei facebook hat sie nur deshalb funktioniert, weil facebook nach dem prinzip bringschuld operiert; twitter hingegen basiert auf dem prinzip holschuld. das dilemma von twitter besteht nun natürlich darin, dass sie nicht zum offensichtlichen schluss kommen können, dass twitter halt doch nicht wie facebook für alle ist, sondern nur für die wenigen hundert millionen, die selbst darin den sinn und wert erkennen können; sie müssen halt auf teufel komm raus wachsen, weil die bewertungen davon ausgehen, dass jeder weltbürger in 5 jahren mit 5 twitteraccounts herumläuft.