Selection 2014


Social Contracts Pt. 94

03.12.2014

ich bin euch ja noch (meine) antwort auf quiz 94 schuldig, die da wäre, dass beide argumentationslinien den umstand übersehen, dass die cc-lizenz neben der literalen bedeutung auch noch eine dimension der (unausgesprochenen aber als bekannt vorausgesetzten) sozialen erwartungshaltung hat.

die konkreten sozialen erwartungshaltungen sind von fall zu fall verschieden und müssen also jeweils konkret bestimmt und berücksichtigt werden, aber cc-lizenzen sind üblicherweise eine einladung zur ‘benutzung’ aber nicht zur ‘ausnutzung’.

(soziale erwartungshaltungen drücken sich insgesamt oft durch ein doppeltes ‘so tun als ob’ aus. zb.: wenn ein neffe mit seinem onkel essen geht, dann tut er wenn die rechnung kommt so, als ob er nach seiner geldbörse greifen würde, und der onkel winkt ab, weil es natürlich auf ihn geht. beides gehört aber notwendigerweise zum ‘ereignis’ dazu. grosse teile des humors von ‘curb your enthusiasm’ basieren darauf, die literalen bedeutungen zugunsten dieser sozialen erwartungshaltungen zu substituieren, was die situation auf dem papier schlüssig aber ingesamt eben katastrophal macht.)

im fall flickr ist diese motivation der cc-linzenz vermutlich, dass man das allgemeine strömen von fotos zulassen will (also etwa das persönlich ausgewählte einbinden von fotos auf einem blogpost, als illustration in der wikipedia oder einer präsentation, gerne auch das integrieren in einem prospekt oder einer kommerziellen publikation, uvm.) und dabei durchaus auch kleinere egoismen in kauf nimmt, um die allgemeine und angemessene strombildung nicht insgesamt zu verhindern. genau dieser aspekt scheint mir überhaupt die zentrale funktion von cc zu sein: es geht um das zulassen von strömen auch unter möglichkeit der parasitären bunutzung, weil die verhinderung jeder möglichen ausnutzung selbst die verunmöglichung der strombildung selbst bedingen würde.

und das funktioniert üblicherweise reibungslos, weil die missbräuchlichen anwendungsfälle selbst öfter als nicht schlimmstenfalls eben nur lästige fliegen sind, mit denen man halt leben muss. wenn ein einzelner eines meiner fotos auf ein t-shirt drucken und verkaufen will, good luck und whatshallyado. genau das ändert sich aber, wenn die plattform selbst die grenzen übertritt. dann handelt es sich nämlich nicht mehr um die fliege, die man halt in kauf nimmt, sondern um die verletzung der sozialen erwartungshaltung auf struktureller ebene. der missbrauch wird nicht länger als vernachlässigbare rahmenbedingung in kauf genommen, der missbrauch wird gwm. strukturell ins system eingebaut.

die dummheit von yahoo besteht also nicht in der ‘ausbeutung’ der lizenzen, die die user ihren fotos verpasst haben, die rechtlich natürlich zulässig und auch nicht schlimmer als jede mögliche intervention von dritten ist, die sich in diesem sinne auf der plattform bedienen würden; die dummheit besteht darin, nicht zu verstehen, dass die erlaubnis des gebrauchs die erwartungshaltung der vermeidung eines missbrauchs beinhaltet, den man in ‘pathologischen’ fällen ignoriert, um das system am laufen zu halten, der aber nicht selbst in das system hineingebaut werden darf.


Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 17: Der Rechtmacher

25.11.2014

Der Rechtmacher (m/w) ist ein abstrakter aber in den verschiedenen Instantiierungen extrem weit verbreiteter Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er es den anderen Leuten Recht machen will.

Das ist sicher nicht die bösartigste Einstellung, die man haben kann, allerdings führt sie öfter als nicht zu unserem beliebten gut gemeint ist schlecht gemacht oder durchdacht.

Der mit Abstand größte Rechtmacher-Doofus ist natürlich Google – bei denen kann man fast die Hypothese aufstellen, dass das Rechtmachen ihre große Schwäche ist, sprich sie immer dann genial oder zumindest gut sind, wo sie versuchen irgendwas so gut wie möglich zu machen und mit diesen Serien dann etwa bei einem neutralen Funktionalismus (etwa gmail vor 6, 7 jahren) oder einer autoritären Algorithmokratie (etwa google suche vor 6, 7 jahren) landen, und immer dann bestenfalls unbeholfen oder debil sind, wo sie versuchen das dann noch besser zu machen, indem sie es personalisieren, antizipieren und eben dem User rechter zu machen (so ziemlich jeder versuch email oder die suchergebnisse in dieser richtung zu verbessern ist bis dato in einem fiasko oder einer stillen revision geendet, siehe dazu googleheimer). Wobei Gmail und Suche ja noch tendenziell resilient sind und die Interventionen von Google noch relativ locker wegstecken konnten, problematischer ist natürlich, dass die ganze Vision von Google in diese Richtung schielt.

die genuin falsche grundannahme ist, dass es dieses im moment ‘richtige’ gibt und man es nur auf basis der daten ausrechnen muß, daten hat google ja im idealfall wohl genug, es kennt den ort, es kennt die zeit, es kennt die gesamte vorgeschichte, alle bisherigen suchen, käufe, mahlzeiten, treffen, alle kontakte, die gesamte kommunikation, usw., da kann das dann wohl nicht so schwer sein. aber genau das ist der fehler. dieses ‘richtige’ gibt es nicht vorab, sondern nur retrospektiv. bei allem was den funken eines persönlichen werts hat, spielt das begehren eine viel grössere rolle als die summe aller neutraler sachverhalte. man kann glaub ich fast sagen, dass alles, was uns eine suchmaschine vorschlagen kann, per definitionem ‘wertlos’ wird und das begehren verscheucht. das begehren kommt immer nur von der seite, von der wir es nicht erwarten oder sehen können. google will also wohin, wohin es – zumindest für moderat komplexe lebewesen – nicht kann.

The Google Supposed To Know (nts: mich öfter selbst zitieren)

In eine ähnliche Sackgasse laufen aber auch alle anderen Rechtmacher, die die Zukunft der Ausdifferenzierung von sozialen Objekten (Zeitungen als personalisierte Nachrichtenströme, Fernsehen als personalisierte Ströme von Sendungen und Serien, etc.) in personalisierten Empfehlungssystemen sehen. Sie übersehen den entscheidenden Punkt, nämlich dass Wert nur aus Differenz entsteht. Wenn alles gut ist, ist nichts gut. Intensitäten kann man nur in Relation zu einem ‘Mangel’ erzeugen. Hunger ist der beste Koch. Und sie übersehen, dass Identitäten nur im aktiven Auslassen von dem, was man nicht ist, entsteht; das registrierende Auslassen ist eine wichtige Geste.

Empfehlungssysteme sind grossartig zur Inspiration, als Reize, als Serendipity, usw. – aber sie sind kein guter kategorischer Imperativ für gesellschaftliche mediale Produkte.

(wer sich noch daran erinnern kann: die über die filterbubble jammerten, jammerten exakt über den falschen punkt. das problem einer algorithmischen bubble ist nicht, dass man die alternativen stimmen nicht mehr zu sehen bekommt und deshalb auch keine alternativen blickwinkel kennen lernt, das problem der algorithmischen bubble ist, dass man die alternativen stimmen nicht mehr zu sehen bekommt und deshalb nicht mehr so tun kann, als gäbe es die ohnehin bestehende bubble nicht)

(abt. supermarket studies)


Minimal Models pt. 1 (The Media Edition)

16.11.2014

stellen wir uns einmal eine welt vor, in der es zur elektronischen publikation/kommunikation nur ein medium gibt: jeder der will kann schreiben was und wie er will. nennen wir es blogs.

alle, die etwas publizieren wollen, benutzen blogs für ihr gesamtes ausdrucksbedürfnis, was sollten sie auch sonst tun. es wird sich ein bestimmter infoökonomischer raum an bloggern und lesern ausbilden und sich auf einem gewissen aktivitätsniveau mit einer gewissen verteilung von ‘jobs’ einpendeln.

stellen wir uns vor, dass dann ein zweites medium hinzukommt, das zwei unterscheidungen einführt: einerseits wird die länge der texte auf 140 zeichen begrenzt, andererseits werden die teilnehmer sozialisiert/vernetzt. nennen wir es twitter.

was wird passieren?

  • leute werden neue kommunikative ‘jobs’ entdecken, die mit dem neuen, kleinen medium plötzlich sinnvoll werden (nicht, weil sie davor grundsätzlich unmöglich waren, aber weil sie davor ‘infoökonomisch’ gwm. zu teuer waren).
  • es wird eine umverteilung/migration der beteiligten geben: leute werden beginnen, twitter statt blogs für die neuen dinge zu verwenden, und für die dinge, für die twitter besser geeignet ist.
  • einige leute werden erstmals an der kommunikation teilnehmen, weil sie erstmals für sich sinnvolle jobs entdecken oder weil es für sie erstmals einfach genug ist oder schnell genug geht.
  • einige andere werden fortan blogs und twitter verwenden, einige weiterhin nur blogs, einige nur oder nur noch twitter.
  • die anzahl der teilnehmer wird insgesamt zunehmen.
  • die anzahl der kommunikationsereignisse wird in diesem fall wohl dramatisch zunehmen, einfach weil es von einfacherem und kleinerem üblicherweise mehr gibt (allerdings könnte das auch anders sein; hätten wir unsere welt mit twitter begonnen, würde sie wohl ebenso dramatisch abnehmen).
  • der marktanteil wird sich verschieben. (die bewertung davon ist jedoch eine schwierige sache, weil der marktanteil an den gesamten kommunikationsereignissen tatsächlich nichts über die nachhaltigkeit oder gesellschaftliche relevanz von medien aussagt.)

als ergebnis entsteht irgendwann jedenfalls ein neues infoökonomisches milieu mit zwei ebenen der ausdifferenzierung: einerseits differenzieren sich die medien ‘gegeneinander’ aus; andererseits differenzieren sich innerhalb der einzelnen medien die kommunikationsereignisse der jeweiligen jobs aus. sowohl die medien selbst als auch die qualität und quantität der kommunikationsereignisse innerhalb der jeweiligen medien pendeln sich auf einem gewissen neuen aktivitätsniveau ein.

these:

mit jedem weiteren medium entstehen – immer der gleichen logik folgend – jeweils immer wieder neue milieus, die sich jeweils immer wieder einerseits bezüglich der medien untereinander und andererseits in jedem medium in sich selbst bezüglich der jobs und ereignisse ausdifferenzieren.

(neue medien entstehen üblicherweise durch einführung von neuen unterscheidungen; neben der unterscheidung lang und asozial (blogs)/kurz und sozial (twitter) wie in unserer welt, gibt es viele andere wie öffentlich/privat, stationär/mobil, billig/teuer, E/U, autonom und selbstbetrieben/abhängig und in der cloud, permanent/peripher, frei flottierend/vernetzt, vom gemeinen volk/von spezialisten, und viele mehr. jede unterscheidung verdoppelt gwm. die anzahl der möglichen medien, wobei es aber auch clusterbildungen und nicht genutzte kombinationen gibt).

was kann man nun schon aus diesem allereinfachsten modell lernen?

  • ein neues medium kann die anzahl der systemweiten ‘kommunikationsereignisse’ erhöhen (etwa weil es schneller oder kleiner oder billiger oder omnipräsent ist) oder aber auch reduzieren (etwa weil es dinge zusammenfasst oder überflüssig macht). in beiden fällen funktioniert die gesamtkommunikation danach idealerweise besser. die anzahl der kommunikationsereignisse selbst ist also eine völlig sinnlose metrik.
  • man kann und sollte mehrere medien gleichzeitig verwenden, idealerweise jeweils für den damit angemessenen job. das alte oder andere medium muss nicht sterben, damit das neue sinnvoll oder wertvoll wird. (das klingt offensichtlich aber viele fühlen sich leider nur wohl, wenn sie irgendwas ausstopfen und an die wand hängen können.)
  • es ist ganz grundsätzlich nicht schlecht oder beklagenswert, wenn ein altes medium ‘marktanteile’ an ein neues medium verliert. das ergebnis der anpassung ist ein kommunikatives gleichgewicht auf höherem niveau. es gibt ganz grundsätzlich nichts zu urteilen, sondern nur was zu beobachten. (don’t ask yourself if this is a good thing or a bad thing. ask yourself what’s going on)
  • der ‘marktanteil’ der verschiedenen medien ist auch nicht sinnvollerweise vergleichbar, weil sie völlig unterschiedliche funktionen mit unterschiedlicher wertigkeit entlang der achsen persönlich, sozial und system (siehe) erfüllen können. (ein beliebiger blogeintrag erzeugt eine woche später mehr diskursive anschlussfähigkeit als alle 50 milliarden whatsapp messages eines tages zusammen.)
  • es bringt nichts, die alten marktanteile im neuen milieu retten zu wollen oder künstlich zu pimpen. (das zu verstehen ist wirklich wichtig, wenn man ein betreiber vom alten medium ist, vor allem, wenn man die produktion – etwa von zeitungen – irgendwie ‘finanzieren’ muss. den eigenen realistischen anteil falsch einzuschätzen kann mitunter auch ein fataler fehler sein, weil der threshold zur erhaltung von aufgeblähten apparaten ja nicht kontinuierlich ist, sondern erst ab einem kritischen punkt einen dann aber plötzlichen sog nach unten erzeugt, der oft aber vermeidbar wäre. wir sehen das leider derzeit bei fast allen altmedien wie print aber auch etwa bei twitter inc.) viel wichtiger als der relative marktanteil sind die absoluten ereignisse.
  • die effekte und möglichkeiten des jeweiligen mediums sind keine ‘leistung’ des mediums oder der macher, sondern effekte, die durch die benutzung entstehen.
  • es gibt strukturell keine zeitlichkeit oder vorrecht des einen mediums über das andere; ist das neue medium einmal da, koexistiert es mit allen anderen medien gleichwertig. (der kleine vorteile vom historisch älteren medium ist, dass die leute erst wechseln/ihr verhalten adaptieren müssen. das endgültige gleichgewicht für eine bestimmte konstellation ist aber zeitlos.) zwar wird es im konkreten historischen verlauf gewisse wellen geben (überschätzung am anfang, hysterie bei beobachteter abnahme, etc.), früher oder später passt sich die kommunikation jedoch an, weil das kämpfen gegen die ineffizienzen zu teuer wird.
  • interessanterweise ist die möglichkeit der entstehung mancher medien selbst ‘historisch’. bestimmte medien sind nur sinnvoll, wenn sie sich etwa asymmetrisch gegen andere medien positionieren können. (sind sie aber erst einmal da, können sie gwm. nicht mehr ungeschehen gemacht werden.)
  • medien können durchaus auch obsolet werden und verschwinden. (allerdings sollten sie überleben können, solange es zumindest einen halbwegs populären ‘job’ gibt, für den sie das medium sind, das dafür am besten geeignet ist.)
  • gelegentlich können die verschiebungen und migrationen ob eines neuen mediums auch sehr schnell gehen und/oder sehr grosse auswirkungen haben.
  • es ist wirklich wichtig, nicht den fehler zu machen, die übergangsphase von einem zustand in den neuen als etwas anderes als eine anpassung ans neue gleichgewicht zu interpretieren. (das ist natürlich der fehler, den alle machen, die sich zahlen von twitter, facebook und whatsapp anschauen und dann aleatorisch extrapolieren um dann wasauchimmer und jedenfalls den tod von irgendwas zu prognostizieren.)
  • auch wenn medien wegen anderen medien üblicherweise ‘marktanteile’ verlieren, so wird doch gleichzeitig auch ihr eigenes profil geschärft. sie werden also besser, weil sie zunehmend für die jobs herangezogen werden, für die sie wirklich geeignet sind.

nur zur sicherheit: das modell ist natürlich nicht realistisch; es basiert auf der sicher nicht erwartbaren annahme, dass alle teilnehmer über alle medien vollständig informiert sind und sich egoistisch rational verhalten; es nimmt auch einen frei fliessenden informationsmarkt an, während die reale situation in vielen fällen ein spieltheoretisches problem egoistischer anbieter ist. auch als medientheorie ist es supernaiv. aber für die entwicklung eines gefühls für die grösse des eigenen ballparks ist es tatsächlich nützlich, zumal sich die menschen in summe üblicherweise erstaunlich rational verhalten, oft viel rationaler, als es zb die macher der einzelnen angebote selbst können. (twitter zb macht entgegen vieler unkenrufe ja noch immer vieles richtig, ihre ganzen probleme haben sie sich eigentlich durch eine deutliche selbstüberschätzung eingehandelt und je länger sie das nicht verstehen, desto fragiler wird der ganze datentyp tweet, weil sie ihn mehr und mehr micromanagen und immer mehr einschränken, aber das ist eine andere geschichte.)

(die gleiche logik kann man grundsätzlich natürlich auch in anderen feldern wie handel oder gadgets vermuten, zumindest als asymptotischer horizont. oft hilft wirklich schon, wenn man sich die lage für die zwei achsen offline/online und statisch/mobil durchdenkt.)


Ethische Rocker III - Die Rückkehr der Kontrollgesellschaft

10.11.2014

4 jahre nach ethische rocker und ethische rocker II gwm. der dritte teil meiner trilogie über die theorie des kontrollverlusts von mspro – zur abrundung in form eines (informellen, nicht kritischen) eindrucks von das neue spiel.

wie soll ich sagen und ich will nicht despektierlich klingen, aber ich war wirklich positiv überrascht. nicht dass ich was anderes erwartet hätte, aber es ist inhaltlich insgesamt sehr rund und durchaus am puls, er hat eine gute und sehr lesbare sprache gefunden und driftet dabei weder in diesen oft unsäglichen babytalk für dummies ab, noch überladet er es bedeutungsschwanger mit irgendeinem jargon. und er definiert einen sinnvollen und konkreten politischen vektor, ohne dabei aber ins assoziative wunschdenken oder ins frei flottierende fordern oder in die netzpolitische selbstgefälligkeit zu verfallen (wie es sich beim thema doch anbieten würde). eher im gegenteil, er bleibt eher pragmatisch und stapelt mit seinen thesen fast schon tief. nicht nur deshalb von mir eine kauf- resp. leseempfehlung.

(seine kernbegriffe (kontrollverlust, query) verwendet er vl. etwas zu grosszügig. nicht dass sie unfruchtbar wären, aber er presst so ziemlich jeden gedanken mit ihnen aus, egal ob er jetzt besonders gut passt oder nicht. und query oder kontrollverlust sind halt so generisch und selbstevident, dass sie natürlich immer irgendwie passen. aber ich könnte sie auch auf jede beliebige folge columbo anwenden und hätte die gleiche schlüssigkeit (ist der täter nicht das paradigmatische (arrogante, selbstverliebte) subjekt des kontrollverlusts, das alles geplant und in der höchsten präzision ausgeführt hat, nur um dann über columbo zu stolpern, der die spuren sammelt und sie mit queries mehr und mehr vernetzt bis der täter selbst die unmöglichkeit seiner offiziellen narration eingestehen muss usw.) aber darauf will ich nicht herumreiten; wer kein freund von social objects ist, muss zb hier einiges ertragen, die mappe ich ja auf alles was nicht bei drei auf den bäumen ist)

mein kleines problem mit dem buch ist aber, dass sein hauptbegriff ‘kontrollverlust’ selbst auf der falschen seite der unterscheidung/des bruchs angesiedelt ist und gwm. den blick aus der vergangenheit kapselt. was wir mit dem internet erleben ist in seinem wesen ja nicht ein verlust der kontrolle, sondern eine intensivierung und eine steigerung der komplexität des gesamtsystems, die halt mitunter eine verringerte kontrollierbarkeit der art und weise hat, wie andere systeme von uns und allem anderen ‘gebrauch machen’ oder eben anschluss suchen (siehe etwa am ende der wurst). der jeweilige grad der kontrollierbarkeit ist kein wesensmerkmal, sondern ein effekt des neuen aggregatzustands. über den kontrollverlust sinniert man nur auf dem schrumpfenden eisberg, im wasser selbst ist er nicht besonders sinnvoll. (er spürt das glaube ich auch selbst. wenn man so will ist das ganze buch der versuch diesen begrifflichen fehler/den umstand sich auf die eisscholle gesetzt zu haben zu korrigieren.)

aber wie gesagt: lesetipp.


Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 15: Die Stummfilm-Diva

19.10.2014

Die Stummfilm-Diva (m/w) ist ein gelegentlich gesehener Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er vor 30, 40 Jahren mal ein Star war, er sein Selbstbild seit damals aber nicht mehr angepasst hat und nun nur noch in einer Scheinwelt lebt, in der er immer noch der Star ist, während die Welt weitergezogen ist und etwa Farbe und Ton bekommen hat.

Der Punkt, um den es mir dabei geht, ist das Divergieren von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, wobei die Selbstwahrnehmung oft durchaus verständlicherweise gleich bleibt, sich die Fremdwahrnehmung aber mitunter dramatisch verändert hat, weil sich die eigene Funktion für die Anderen dramatisch verändert hat, das jedoch nicht zur Kenntnis genommen wird. Und es geht dabei nicht um eine natürliche Evolution oder um unvermeidbare Kollateralschäden von einem ‘Fortschritt’, sondern um das Ignorieren von – oft natürlich technokulturell bedingten – Veränderungen und Verschiebungen der eigenen Position, was mittelfristig halt zu einer zunehmenden ‘Verrücktheit’ des eigenen Blickwinkels führt.

Wie das oft ausgeht wissen wir aus Sunset Blvd.

(die paradigmatischen stummfilm-diven sind derzeit natürlich die zeitungen und zeitschriften. immer, wenn man vom nächsten bezahlmodell hört, das sich irgendeine publikation ausgedacht hat, muss man sich ja kurz am kopf kratzen und sich fragen, wie sie sich auch nur ansatzweise denken können, dass das eine gute idee ist, oder wie sie sich auch nur irgendwie vorstellen können, dass das eigentlich funktionieren müsste. aber wenn man sie als stummfilm-diva konzipiert, wird das auf einmal schlüssig:

vor dem internet war des selbstbild der verlage noch halbwegs mit dem fremdbild für ihre leser im einklang. nach dem internet haben die verlage von sich selbst noch immer das gleiche selbstbild, aber das fremdbild für die leser hat sich fundamental verändert, ebenso wie alle jobs, die sie für ihre leser noch erfüllen. dieser umstand wird von der verlagen aber mit doch bemerkenswerter sturheit übersehen und/oder verdrängt.

wenn man so will: vor dem internet waren zeitungen für die zeitungsmacher und für die leser ein menü mit suppe, wienerschnitzel, salat und einem seidel bier. was anderes gab es im anderen gasthaus des dorfes auch nicht, und es war günstig und hat wirklich gut geschmeckt – es war also für alle ein guter deal. nach dem internet sind zeitungen für die zeitungsmacher selbst noch immer das gasthaus mit diesem köstlichen menü, für das leute aus der ganzen welt angereist kommen – aber für die leser haben sich die einzelnen gerichte der speisekarte schon vor jahren aufgelöst und mit allen anderen gerichten aller anderen gasthäuser zu einem einzigen, überall und immer verfügbaren, megalomanischen all-you-can-eat buffet mit köstlichkeiten aus der ganzen welt rekombiniert. der leser sieht die gasthäuser der zeitungen überhaupt nicht mehr; wenn der gurkensalat wirklich gut war, dann schlägt man vl. mit besonderer freude zu, wenn man im buffet darüber stolpert, und wenn das wienerschnitzel wirklich besonders zart und knusprig war, dann merkt man sich vl. sogar den ort, aber wenn nicht auch kein problem. wie gesagt: selbstbild der verlage und fremdbild für die leser stimmen nicht mehr überein, weil sich für die leser die funktion, der wert und die relativen vorteile der zeitungen komplett verändert haben.

es ist nicht gänzlich unverständlich, dass die verlage den umstand, dass sich die umwelt verändert hat und sie für alle anderen plötzlich eine andere funktion erfüllen, einfach verdrängen. ihre internen prozesse zur erstellung von texten haben sich ja vglw. wenig verändert, der aufwand zur erstellung von ‘aufwändig recherchierten’ artikeln wurde nicht viel kleiner, die grossartigkeit des geschmacks oder der urteilskraft des redakteurs nicht schwächer, es gibt noch immer viel vom gleichen zu tun. der gedanke, dass sie für die leser nicht mehr der informationsnabel der welt sind, kommt ihnen ganz einfach gar nicht, und deshalb haben sie ihren eigenen anspruch überhaupt nie reflektiert oder überdacht und also auch nicht angepasst.

das problem ist halt, dass in der realität das selbstbild mit dem fremdbild konfrontiert wird, und dass ein zu stark divergierendes selbstbild zu aktivitäten führt, die einfach nicht mehr angenommen werden oder anschlussfähig sind. sich im all-you-can-eat buffet hinzustellen und für den gurkensalat eine zusätzliche wöchentliche pauschale zu verlangen und die wienerschnitzel à la carte zu verkaufen wird selten funktionieren, auch wenn das vl. ungerecht ist, weil sie sich beim kochen wirlich sehr bemüht haben und sie wirklich gut schmecken. es nützt halt nichts.

solange sie aber nicht den blickwinkel wechseln und ihre funktion einmal von aussen wahrnehmen, werden sie zu keinen massnahmen kommen, die tatsächlich funktionieren könnten. sie brauchen also einen realitätscheck, sie müssten wirklich einmal in einen spiegel schauen und das ist natürlich nicht leicht und wird mit jedem jahr schwerer)

((nur ein hint: auch vor dem internet haben die leser nie für den eigentlichen ‘journalismus’ bezahlt und das wussten die zeitungen auch selbst, es war aber gwm. notwendig so zu tun als ob es so wäre; dafür nach dem internet geld zu verlangen ist also völlig aussichtslos. aber sie waren doch aus anderen gründen ein wirklich attraktives produkt und haben eine ganze reihe an anderen jobs erfüllt; ihre überlegungen für die gegenwart und zukunft sollten also eher in die richtung gehen, welche davon noch immer funktionieren könnten und welche neuen sie vl. erfüllen könnten. ein guter startpunkt ist dabei übrigens immer cwf+rtb. das problem dabei ist, dass das eine gewisse ehrlichkeit, bescheidenheit und realismus erfordert, keine eigenschaften mit denen sie sich als stummfilm-diva bisher ausgezeichnet haben. aber wieder: es nützt halt nichts))

(abt. supermarket studies)


Der Besserwisser pt. 2 (Apple Watch)

06.10.2014

kl. nachtrag zum besserwisser pt. 1 revisited : ich wollte eigentlich zur apple watch nichts mehr sagen, bevor ich sie nicht zumindest einmal an der hand gehabt habe und zumindest die rudimentärsten offenen fragen (wie lang hält der akku wirklich, was geht für entwickler mit diesem watchkit, bis zu welchem grad kann man sie ohne iphone in unmittelbarer nähe verwenden, wieviel kosten die editions, inwieweit lassen sich die innereien updaten, etc.) ansatzweise beantwortet sind, und ich wollte die besserwisserserie eigentlich auch besser früher als später unter den teppich kehren, aber mit zwei kleinen änderungen des bezüglich ellos im speziellen aber sozialer webapps im allgemeinen vorgeschlagenen modells lassen sich auch die meisten einschätzungen zur watch etwas relativieren, wenn ich also schon dabei bin hier also auch noch usw…

zur erinnerung: die unterscheidung in maschine auf der einen seite und historisch soziale kontingenz auf der anderen seite im zusammenspiel mit dem begriff des asymmetrischen wettbewerbs hilft uns zwar nicht beim vorhersagen der auswirkungen von sozialen webapps, aber so trivial sie ist lassen sich damit die meisten getätigten prognosen ‘dekonstruieren’.

änderung 1: auf der anderen seite der ‘maschine’ apple watch steht nicht länger eine gesellschaftliche kontingenz, kein ergebnis eines historischen und sozialen ausdifferenzierungsprozesses usw., sondern ein jeweils einzelnes subjekt mit jeweils konkreten bedürfnissen und begierden. es gibt also nicht eine maschine für alle, sondern die (im rahmen der editions und variierbarkeit mehr oder weniger) gleichartige maschine für jeden einzelnen.

änderung 2: asymmetric competition bleibt zwar auch hier ein nützliches konzept, hier noch nützlicher aber ist: job to be done

und auch das verwende ich frei nach asymco der es frei nach christensen verwendet und das ist die ganz einfache frage: für welchen job heuere ich ein ding an? es geht dabei nicht darum, dass das jeweilige individuum die frage dann auch adäquat beantworten kann (oft wissen wir es selbst nicht, oft ist es was gänzlich anderes als vermutet), sondern um die annahme, dass wir das immer für einen konkreten job in unserem leben tun. diese jobs können übrigens durchaus andere sein, als es die macher der maschine gedacht oder geplant haben.

der fehler, den fast alle machen, die ihre einschätzungen zur apple watch publizieren, ist für die watch den EINEN RICHTIGEN job to be done zu suchen, diesen dann üblicherweise als zu erledigenden job FÜR ALLE selbst festzulegen und dann ihre gesamte kritik auf diese ihre eigene festlegung zu beziehen. aber hier kommt der unterschied zwischen der anderen seite der maschine zum tragen: anders als bei sozialen webapps, wo es (innerhalb vieler freiräume) doch auch stark darauf ankommt, ein spezifisches soziales objekt gemeinsam auszuhandeln, die dichte also mit dem grad der gemeinsamkeit zunimmt, liegt der wert von gadgets im potential für einen einzelnen einen oder auch mehrere jobs zu erledigen, der wert des gadgets also mit der vielzahl an möglichkeiten zunimmt.

im fall soziale webapps ist die geschichte kontingent, im fall gadgets der nutzen. die watch muss also keinen von irgendeiner instanz festgelegten universellen überjob realisieren, sie muss nur für jedes konkrete individuum NUR EINEN EINZIGEN aller möglichen jobs realisieren, um dem leben mehr freude oder sinn zu geben. und mit kosten von 50c pro tag liegt die hürde dafür, die watch auch ökonomisch attraktiv zu machen, wirklich nicht besonders hoch.

wenden wir diese abgewandelte unterscheidung und das neue konzept nur exemplarisch an einem der grössten cluster eines vorfestgelegten überjobs an (wer lust hat kann das leicht auf andere cluster wie ‘mode’, auch hier ‘offenheit’, etc. übertragen):

die naiven evolutionisten

die naiven evolutionisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie die watch als technoevolutionäre weiterentwicklung vom iphone sehen und die uhr als neue zentrale (kleinere, permanentere, bessere) kommandozentrale für das vernetzte selbst konzipieren, die das handy ablösen wird. und weil die watch das in der vorgestellten version nicht in der geforderten autonomie und vollständig tut und das iphone noch nicht komplett ersetzt, wird sie gleich bis auf weiteres als im grunde völlig sinnlos verworfen.

ich sympathisiere grundsätzlich mit jedem ansatz, der sich explorativ oder als gedankenspiel mit möglicherweise kommenden technologien auseinandersetzt, und es steht natürlich jedem völlig frei was auch immer als k.o.-kriterium für sich selbst zu definieren – aber wie man nicht sehen kann, dass die watch nicht alles bisherige vollständig ersetzen muss und wie sie auch im zusammenspiel mit dem ohnehin gegebenem setup hunderte andere und mitunter auch gänzlich neue jobs tun kann, geht wirklich über meine vorstellungskraft.

(nur am rande: ich glaube überhaupt, dass erst durch den dialektischen gang durch die watch einige qualitäten und eigenschaften von stinknormalen smartphones sichtbar werden, die wir derzeit gar nicht als solche registrieren oder schätzen; ein screen in der grösse zwischen 4 und 5 inch dürfte doch der sweet spot zwischen nützlichkeit zur darstellung von information und den kosten für portabilität sein; alles was kleiner ist hat (auch wenn es optimierte apps oder alternative interfaces wie voice gäbe) zunehmende kosten bei der informativen universalität, alles was grösser ist kann nicht länger gedankenlos eingesteckt werden. und wir können damit telefonieren; auch wenn wir das üblicherweise nicht mehr tun, viele wollen zumindest die theoretische möglichkeit dazu und nicht jeder will dick tracy sein. aber davon abgesehen hat ein phone etwa auch den vorteil nicht am körper befestigt zu sein, sondern als ding autonom zu sein, und das ist vl. wichtiger als wir es derzeit vermuten. aber das ist ein anderes thema.)


Der Besserwisser pt. 1 Revisited

04.10.2014

hmm, das mit dem besserwisser hat ja nicht gerade zu viel falsifikation von aussen geführt (nts: der titel war wohl doch ein bisschen suboptimal gewählt), hier zumindest als nachtrag zwei beispiele von mir selbst…

vorab eine vielleicht nützliche unterscheidung für die ‘bewertung’ von webapps (und im konkreten fall ello) und zwar die unterscheidung in die ‘maschine’ und das was die menschen damit machen also die ‘historisch soziale kontingenz der benutzung’.

unter maschine verstehe ich dabei die der anwendung zugrundeliegende analoge und digitale materialität, also den gesamten stack an hardware und software und den konkreten code der anwendung selbst. während das an sich jeweils unendlich komplex sein mag, diese komplexität braucht den benutzer nicht zu interessieren; was ihn betrifft stellt sich die maschine auf eine ganz konkrete art zur verfügung und den möglichkeitsraum könnte er ganz konkret beobachten. es gibt kein geheimnis, man muss es sich nur anschauen.

und unter der historisch sozialen kontingenz der benutzung verstehe ich die gesamtheit der konkret stattgefundenen und stattfindenden aktivitäten der benutzer, die von der maschine gebrauch machen und dinge tun inklusive der gesamtheit aller dabei angefallenen daten und spuren – das darauf stattgefundene und stattfindende leben, wenn man so will. auch diese prozesse können unendlich komplex sein, aber auch diese komplexitäten brauchen den benutzer nicht zu interessieren; was ihn betrifft stellen sich alle anderen auf eine jeweils ganz konkrete art und dadurch erzeugten möglichkeiten zur anschlusskommunikation zur verfügung und auch das könnte er wieder ganz konkret beobachten.

im zusammenspiel zwischen maschine und der historisch sozialen kontingenz ist es wichtig im hinterkopf zu behalten, dass jede historisch soziale kontingenz zwar eine maschine benötigt, die maschine selbst aber nie ein hinreichender grund für das auf ihr stattfindende ist. ab einem gewissen punkt der gegenseitigen ‘interpenetration’ kommt es idealerweise natürlich zu einer funktionierenden koevolution, aber auch dann bleibt der zusammenhang kontingent und kleinste justierungen an der maschine können ungewollt riesige konsequenzen haben und größte änderungen können wirkungslos bleiben.

und mehr vorab ein nützliches konzept: asymmetric competition

ich verwende es frei nach asymco der es frei nach christensen verwendet und ich verstehe darunter eigentlich nur die zwei ich glaube selbstevidenten aussagen, dass einerseits vorteile der einen mitunter auch vorteile für andere erzeugen können und dass andererseits einfach nicht alle das gleiche spiel spielen, aber alle oft so tun als ob. zum beispiel: sind plattformen einmal dominant, dann stellt es einen wert an sich dar, nicht ebendiese plattform zu sein. wer alles mit google macht, für den ist vl. sogar schon yahoo für die mails interessant, weil dann zumindest die mails und damit der zugang zu allen anderen accounts nicht bei google liegen. wer sein leben auf facebook verbringt, für den ist alles was nicht facebook ist eine möglichkeit für einen frischen wind, für andere kontakte, für eine andere darstellung von sich selbst, usw. nicht-das-eine-sein ist ein riesiger vorteil, den das eine selbst nie haben wird und der umso grösser wird, je dominanter das eine wird.

— (1)

[…] Paul Budnitz […] hat nach den Machern von Diaspora als einer der Ersten die Eier gehabt, einfach mal zu versuchen, einen Facebook-Konkurrenten zu basteln.

spreeblick

denkt man die zwei dinge zusammen, dann erledigen sich schon einige unfruchtbare vergleiche oder annahmen, die über ello gemacht wurden.

ello muss dann nämlich nicht mehr in einer direkten konkurrenzbeziehung zu facebook oder twitter konzipiert werden, sondern kann als asymmetrische und durchaus auch koexistierende alternative verstanden werden, deren wert gerade nicht darin besteht ein anderes facebook oder twitter zu sein um dort mit den gleichen das gleiche halt woanders zu tun, sondern darin, einen anderen raum aufzuspannen, den man auf facebook oder twitter nicht mehr aufspannen kann. und während das wiederum viele neue netzwerke tun hatte ello dabei auch das notwendige quäntchen glück vom richtigen timing, weil facebook gerade eine gruppe von dragqueens und viele andere mit einer verschärften durchsetzung vom juristischen namen quasi vertrieben hat, die dann ello als neues zuhause adoptiert haben, was als story natürlich gut war und ello also in die presse brachte.

gleichzeitig ist jede frage, ob es sich bei irgendwas um das – meistens bzgl. der grösse gefragte – nächste facebook oder twitter handelt, schon auf ganz grundsätzlicher ebene blödsinnig. nicht weil es grundsätzlich nicht möglich ist (statistisch wird halt jede 10.000 anwendung oder 2 bis 3 pro jahrgang gross und wenn man es bei jeder anwendung fragt hat man also auch mal recht), sondern weil die historisch sozialen kontingenzen einfach nicht vorhersehbar sind und milliarden von einzelentscheidungen zusammenkommen müssen und gleichzeitig keine destruktiven ereignisse eintreten dürfen.

(wie seltsam johnnys zitat auch ansonsten ist wird glaub ich klar, wenn man es neun jahre vordatiert als: “ehssan dariani hat mit seinem studivz als einer der ersten die eier, einfach mal zu versuchen, einen facebook-konkurrenten zu basteln”)

der grund, warum ich auf dem vl. mehr als angemessen herumreite, ist auch, weil der vergleich zwar gut gemeint ist aber mehr schadet als nützt. leute plappern das mit dem ‘neuer facebook konkurrent’ nach, schauen sich die seite an, denken sich aha, das soll das neue facebook sein, und gehen wieder. das ganze framing wird den möglichkeiten und eigenen eigenschaften überhaupt nicht gerecht.

— (2)

They don’t have feeds in or out. That means whatever you put in there, starting right now, is theirs. They won’t even share your stuff with you. That’s not a good deal. You shouldn’t accept that.
So Ello isn’t answering any question I can think of.
If they were open, then I would be interested.”

dave winer (interessanterweise ursprünglich auf facebook)

dave winer steht hier synekdochisch für alle vertreter und spielarten der offenheit, die seit vielen jahren reflexartig jedes geschlossene system mit der immer gleichen checklist in der hand kritisieren, sich aber anscheinend noch nie wirklich gefragt haben, warum offenheit in vielen bereichen so offensichtlich unwichtig ist, während sich die user in geschlossenen gärten horten und freiwillig melken lassen.

die einfache antwort ist: kultur. kultur verstanden als spezifische ausbildung eines sozialen objekts (SO) und von gemeinsam ausgehandelten formen zur produktion, rezeption und distribution ebendieses SOs (das ist etwas komprimiert formuliert, aber wer hier ein bisschen sucht findet viel dazu). und in diesem sinne verstandene kultur ist deshalb ein so filigranes und unwahrscheinliches pflänzchen, weil sie nur als ganz spezifische ausdifferenzierung zwischen maschine und der historisch sozialen kontingenz entsteht, wobei das soziale objekt sehr stark durch die maschine aber die gemeinsam ausgehandelten praktiken natürlich primär auf der seite der historisch sozialen kontingenz definiert werden. aber es ist halt die kultur, die einen dienst attraktiv und sinnvoll macht, nicht die tatsache offen oder verschlüsselt zu sein. solange die open crowd nicht versteht, dass ein tweet etwas ganz grundsätzlich anderes ist, als ein string mit maximal 140 zeichen, solange werden sie es nicht schaffen dienste zu entwickeln die kultur haben und offen sind.

der grund, warum ich auch auf dem vl. mehr als angemessen herumreite, ist, weil auch die forderung nach offenheit gut gemeint ist aber auch wieder mehr schadet als nützt. in vielen situationen ist die offenheit selbst nämlich der verunmöglicher der möglichkeit der entwicklung einer kultur. dienste brauchen üblicherweise eine gewisse zeit, bis sie zu sich selbst finden, die meisten bekannten dienste sind reine zufälle. das letzte was sie in dieser inkubationsphase brauchen sind leute, die irgendeine automatisierbare sozialmediale kommandozentrale verwenden, um ihre inhalte dann auf maximal vielen plattformen zu verbreiten oder um ihre netzwerkdichte zu maximieren ohne auf die jeweilige kultur rücksicht zu nehmen und alle andere bots. (der differenzlose gesamtstrom ist gwm. die definition der kulturlosigkeit)

(nur zur sicherheit als faustregel: sei so indie wie möglich!!11 und backe alles up; aber beharre nicht auf dem indie wo es mehr schadet als nützt oder wo es irrelevant ist)

We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce, and manipulate – but a place to connect, create, and celebrate life.
You are not a product.

ello manifest

als kleiner anhang ein bauchgefühl: die art, wie die selbstbeschreibung von ello angenommen wurde, war eig. auch interessant. die einen nahmen es irgendwie wörtlich, haben es einfach mal geglaubt und das hat viele sicher auch motiviert; die anderen haben es mit dem dann ‘aufgedeckten’ funding quasi als grosse lüge entlarvt, weil vc-money und grundsätze oder keine ads ja ein oxymoron sind. ich glaube beide schiessen in die falsche richtung. das manifest kann glaub ich besser als übersteigerte approbation von tautologischen plattituden über soziale netzwerke – also etwa im stile von laibach – verstanden werden. mir kommt überhaupt vor, dass ello die erste app ist, die darauf basiert sich mit ernster miene ironisch von sich selbst zu distanzieren und die jetzt trotzdem einfach mit allem entstehenden und zufallenden einfach läuft, was ello dann wieder irgendwie sympathisch macht.


Standardsituationen 2014

25.08.2014

apropos Aktualisierung von 140 Prozent Plus : auch kathrin passig hat ihre (auch schon wieder in die jahre gekommenen) standardsituationen der technologiekritik überarbeitet : Neue Technologien, alte Reflexe. der vollständigkeit halber also auch eine art aktualisierung meiner damaligen kritik (siehe Standardsituationen aus 2009; ich empfehle überhaupt zuerst standardsituationen zu lesen, dann kathrins standardsituationen 2014 und dann das hier):

wie schon bei den alten standardsituationen dreht es sich auch bei den neuen standardsituationen um ein erfassen der technologischen gegenwart, nur hat sie diesmal die standardargumente der luddistischen neinsager antithetisch mit standardargumenten technoptimistischer jasager konfrontiert, um das ganze dann dialektisch in einigen pragmatischen handlungsanleitungen für ein dem neuen gegenüber aufgeschlossenes leben und/oder wirtschaften aufzulösen.

und während mir zwar die allegorie des laubhaufens für den igel wie jedem echten freund von katzencontent das herz wärmt, meine kleine kritik an ihrem ansatz ist, dass sie das problem (‘was bedeutet technologie für uns jetzt und in zukunft?’) schon wieder auf der falschen, oder was heisst falsch, aber auf einer für den diskurs unfruchtbaren ebene löst.

das problem mit ihrer parade von nein- und jasagern ist, dass sie sie nur ‘literaturwissenschaftlich’ dokumentiert, aber überhaupt nicht epistemologisch kritisiert (sie überlegt sich nicht, was der tätiger einer aussage über das ausgesagte überhaupt wissen kann, und wenn es um das web geht ist das in den seltensten fällen besonders viel, die leute glauben und sagen halt irgendwas, auch zu dingen von denen sie keine ahnung haben oder die ganz grundsätzlich unwissbar sind). ein rudimentärer nutzen davon ist sicherlich eine art pattern recognition für die eben standardtropen und denkreflexe von menschen, aber das hat alles mit der möglichen wissbarkeit überhaupt nichts zu tun und bringt uns auch nicht weiter.

das problem mit ihrer synthese ist, dass sie den diskursiven anspruch überhaupt über bord wirft und die lösung gwm. in den bereich lifehacks und/oder produktivitätstechnik verschiebt (sie also plateautechnisch lustigerweise wieder bei ihrem ‘dinge geregelt kriegen’ landet). ihre tipps – genauso wie viele andere tipps vieler anderer – sind dann sicherlich nicht falsch und tatsächlich nützlich, besonders auch als starthilfe oder erste hilfe, aber im dispositiv der aussagemöglichkeiten über das web und technologie kommen wir damit natürlich nicht weiter.


Die Talfahrt

12.06.2014

kurze (oder besser nicht ganz so kurze) unterbrechung der unterbrechung, aber ich miste gerade mein scrivener aus und wollte diesen text nicht wegschmeissen, würde ihn mit der wm vor der tür in absehbarer zeit aber wohl auch nicht abrunden, also poste ich ihn ein bisschen aktualisiert hier, die beispiele sind sicherlich nicht besonders gut gewichtet. ungewollt ist es jedenfalls eine art nachtrag zu 5 jahre live.hackr, das vor 4 jahren und irgendwie am höhepunkt der konzeptionellen ausdifferenzierung und vielfalt im web geschrieben wurde, sich der scheitelpunkt der entwicklung aber gerade abzuzeichnen begann.

unter talfahrt verstehe ich etwa die symptome und effekte, die dadurch entstanden, dass die gesellschaftlichen subsysteme nach der ersten schockstarre endlich ihre abwehrmechanismen gegen das web voll in gang gebracht haben (oft in form von rechten wie urheberrechten, patentrechten, datenschutzrechten, leistungsschutzrechten, pixelschutzrechten, rechten aufs vergessenwerden, usw.), oder die dadurch entstanden, dass die gleichen oder andere gesellschaftlichen subsysteme begonnen bzw. verstärkt haben, von den techniken selbst maßlos gebrauch zu machen (z.b. überwachung, vollständige privatisierung des immateriellen, beschleunigung der ungleichheiten durch netzwerkeffekte, usw.), oder die dadurch entstanden, dass startups zu konzernen und konglomeraten wurden und damit andere prioritäten ausbildeten (z.b. die verdummung von google oder twitter), oder aber auch das ganz natürliche gemetzel unter den diensten und das aussterben/verlernen/vergessen von technokulturellen techniken bei reterritorialisierung auf wenigeren und immer geschlosseneren plattformen.

in dieser implosion wurden allerdings einige verhältnisse und prinzipien deutlich, die zwar retrospekiv nicht überraschen, die aber in der phase der expansion eben nicht bedeutsam waren – und zwei bereiche davon möchte ich hier zumindest anreissen. und nur zur sicherheit: ich versuche hier nur das nicht-funktionieren, die störungen und filter der ersten welle zurück zu erklären, nicht eine bestandsaufnahme vom aktuell funktionierende zu geben. ich spare euch also das bauchpinseln, wachstumscharts oder einen internetoptimismus, das halte ich für gegeben. es kommt also, das sag ich euch gleich, eher ein downer.

der abbau von dingen und techniken

leicht dramatisiert sind wir in den letzten jahren von einem wilden garten mit erstaunlicher artenvielfalt und wildwüchsiger schönheit zu betreutem wohnen und überwachtem cluburlaub übergegangen. natürlich gibt es enklaven, gallische dörfer und biotope, aber was die gesellschaftlich paradigmatische praxis betrifft. den rückgang der artenvielfalt kann man in drei gruppen unterteilen, wobei jede gruppe unterschiedliche gründe und auswirkungen hat:

1. dinge, die einfach überholt wurden

viele dinge, techniken und gerätschaften wurden einfach von anderen dingen, techniken und gerätschaften überholt, weil sie kleiner, schneller, billiger, nützlicher oder besser waren. (man denke an den trolly mit dem pc, den bruce sterling auf der sxsw herumschiebt. niemand würde sich bücken und ihn aufheben, selbst wenn man dafür geld bekäme.)

über diese gruppe gibt’s glaub ich wenig diskussionsbedarf, auch wenn die effekte davon enorm sein können und ganze technologien fast verschwinden lassen, nur um aber einer viel stärkeren und schnelleren welle der nächsten generation an technologien platz zu machen. (nur als beispiel: 1,7 mrd. smartphones mit mobilem internetzugang ändern natürlich nicht nur die gesamte globale infosphäre und alle damit assoziierten ströme fundamental, sondern erzeugen ein genuin neues ‘infoökonomisches dispositiv’. und darüber wird sich niemand wirklich wundern, ausser vl. journalisten, blogger und analysten). vieles davon lässt sich jedenfalls gut mit halbjährigen trendreports dokumentieren.

2. dinge, die nützlicher klangen, als sie waren

in ihrer funktionslogik (nicht in ihrer wirkung) etwas interessanter sind vl. die dinge, techniken und gerätschaften, die zunächst ausgesprochen nützlich klangen, sich in der folge aber als weniger nützlich oder wichtig als vermutet herausgestellt haben. grundsätzlich wird natürlich immer alles machbare auch gemacht. und durch das web wurde so viel machbar, dass wir in der ersten phase auch wirklich vieles ausprobiert haben – und fast alles klang zumindest für die macher wie eine gute idee. aber nicht alle, genauer gesagt nur die allerwenigsten dinge und techniken haben sich dann als tatsächlich wertvoll herausgestellt, und viele techniken, die besser klangen als sie waren, wurden in der folge wieder eingestellt bzw. haben sich auf niedrigem aktivitätslevel neu eingependelt.

beispiele:

  • social bookmarking (sorry)
  • tagging (sorry)
  • blogging (sorry)
  • abonnieren und lesen von feeds (sorry)
  • startseiten wie netvibes (sorry)
  • lifestream- und andere aggregatoren (sorry)
  • local check-ins (sorry)
  • bürgerjournalismus (sorry not sorry; aber niemand setzt sich hin und verfasst zum spass journalistische beiträge, wenn es ein halbwegs gut funktionierendes mediensystem gibt. was aber zumindest eine zeit lang funktioniert sind halt medienkritische geschichten.)
  • usw.

das grundproblem ist immer das gleiche: als technik entfalten sie zu wenig strukturelle koppelungen, um eine gewisse nachhaltigkeit zu etablieren. im ersten schwung können die kosten durch übermotivation der neuartigkeit bereitgestellt werden, aber mittelfristig wird dann vieles eben finanziell nicht tragbar. auch bei der adaption eines dienstes durch benutzer gibt am anfang eine dynamik der neuheit, die dann verfliegt. der ‘naive’ glaube daran, dass dinge mit neuer technik automagisch besser werden, ist zwar auf gewisse weise nützlich, weil er das experimentieren erst ermöglicht, aber er hilft den je konkreten techniken oder technologien halt mittelfristig auch nix.

und neben diesen ‘schlechten guten ideen’ gab es natürlich auch den abbau vieler ‘schlechter schlechter ideen’, also von ansätzen, bei denen man das ende schon am anfang absehen konnte.

diese liste wäre sehr lang, aber eine sich zombieartig regenerierende fixe idee von ingenieuren ist jedenfalls zu versuchen, die perfekte algorithmische empfehlungsmaschine zu bauen, die dem menschen in jeder situation zu jedem zeitpunkt an jedem ort das perfekte produkt empfiehlt und ganz allgemein immer schon vor dem menschen selbst weiß, was er will. die ergebnisse stehen fast immer mehr im weg als sie nützen, aber mehr noch: sie wollen das falsche problem lösen, ein bisschen mehr dazu hier. die übernahme von beats durch apple zeigt, dass zumindest apple das wirkliche problem erkannt hat. (in einem satz: apple hat verstanden, dass musik kein problem für empfehlungsalgorithmen, sondern eine funktion von geschmack, vertrauen und begehren ist – und das war ihnen 3 mrd. dollar wert, weil sie es in 13 jahren itunes und ipod nicht selbst lösen konnten. nicht dass sie es nicht versucht hätten, man denke nur an ping, genius, itunes radio, usw.) auch fast alles, was primär auf aufwendigen content oder beteiligung der user setzt, braucht ein kleines sinnwunder oder extrem gutes design des sozialen objekts und der ströme.

andererseits: was wirklich nützlich wird und was ein dud bleibt muss sich einfach zeigen, das experimentieren hat also schon auch mit den anscheinend schlechtesten ideen seine berechtigung. die wenigsten fälle an wert entstehen aber durch features oder technik. game of thrones wurde und wird auf dos geschrieben.

3. dinge und techniken, die von höheren zu niedrigeren aggregatszuständen übergegangen sind

das ist die wohl interessanteste kategorie und sie klingt grundsätzlich ähnlich wie die dinge, die einfach nicht so nützlich wie vermutet waren, aber ich möchte sie deshalb unterscheiden, weil die dahintersteckende funktionslogik eine andere ist. dinge und techniken, die von höheren zu niedrigeren aggregatszuständen übergegangen sind, sind nämlich eben potentiell nützlich, nur konnten sie nicht genügend ‘kraft’ aufbringen, um sich gegen die kleineren/schnelleren/leichteren alternativen zu behaupten, von denen es dann sehr viel schneller sehr viel mehr gibt, weil sie eben kleiner, schneller und leichter sind.

neben den ‘guten schlechten ideen’ gibt es also auch eine art entropie, bei der ‘hochwertigere’ techniken durch ‘niederwertigere’ ersetzt werden. grundprinzip ist, dass sich die alternativen zunächst vom ursprünglichen ding deterritorialisieren, sich dann aber auf einer neuen ebene als neue formation reterritorialisieren. im unterschied zu den ‘guten schlechten ideen’ besteht bei diesen ‘schwachen guten ideen’ aber immer die möglichkeit, sie zu revitalisieren, oder besser: kann es mitunter sinnvoll sein, zu versuchen sie zu revitalisieren, wenn man diesmal dann aber auf die voraussetzungen und rahmenbedingungen zu achtet (miniquiz am rande: was dürfte was aussichtsreichste schraube sein, die man bei einem ‘neustart’ einer ‘schwachen guten idee’ festgezogen haben sollte?).

beispiele:

  • von blogs zu tumblr, g-plus oder quora.
  • vom journalismus zu huffington post, buzzfeed oder heftig.
  • von flickr zu instagram und selfie.
  • von subscribern zu followern.
  • von tags zu hashtags.
  • vom meme zum viral. während es heute zwar noch immer gelegentlich als ‘meme’ bezeichnete phänomene gibt, die goldene zeit der meme ist vorbei. das paradigmatische modell für sozialen erfolg ist nun das viral, das sich tautologisch selbst beweist.
  • von rocketboom und lifecastern zu beauty gurus und gamecastern. (man denke nur an justin.tv, das alle bisherigen aufzeichnungen bald löschen wird, dessen spin-off für games twitch aber gerade von google bei einer kolportierten bewertung von 1 mrd. umworben wird.)
  • vom postmodernen pastiche auf myspace zur fanpage auf facebook.
  • von der gleichzeitigkeit von ungleichzeitigkeiten zu einer allgemeinen unzeitlichkeit.
  • von lolcats zu caturday und grumpy cat.
  • usw.

konfliktierende interessen

während die verschiedenen gruppen des abbaus der arten gwm. ein symptom der aktuellen talfahrt sind, sind verschiedene gruppen ‘konfliktierender interessen’ zwar meistens nicht die ursache, aber gwm. die rahmenbedingung für die ausdifferenzierungsmechanismen, die uns dann oft vor spieltheoretische konstellationen wie dem usergefangenendilemma stellen.

vorab: das sind grundsätzlich alles duh’s. und während das natürlich auch keine eigenheit des webs ist, so sehen wir doch erst in den letzten jahren, wie sich latent immer schon vorhandene unterschiedliche interessen als ganz konkreten effekte im web realisieren, indem sie sich in den ‘neuen’ gegebenheiten neu konstituieren bzw. teilweise auch erst mit dem web realisierbar und damit als konflikt sichtbar wurden.

1. die interessen der firmen stimmen nicht mit denen der benutzer überein

am anfang jeden startups müssen die interessen des startups und die interessen der benutzer natürlich synchronisiert sein. zumindest muss es für die benutzer eine art nutzenüberschuss und werterzeugung geben, sonst würde es ganz einfach nicht benutzt und es gäbe kein startup; aber ab einem punkt im lebenszyklus der firma beginnen die interessen oft zu divergieren und spätestens mit dem ipo werden die benutzer meistens nur noch als parameter zur optimierung von verschiedenen kennzahlen konzipiert. was nicht notwendigerweise sofort auch für die benutzer schlecht sein muss, es gibt sicherlich hinreichend gut funktionierende symbiotische modelle. aber öfter als nicht geraten die effekte zum nachteil der benutzer, der communities oder der ‘gesellschaft’.

ich hoffe es ist klar, dass das was anderes impliziert, als das konzipieren von google, amazon, apple, facebook und co als geldgierige, imperialistische und grundsätzlich abzulehnende konzerne, die deshalb auch mit den blödesten mitteln bekämpft werden können und vor denen die gesellschaft und vor allem die verlage beschützt werden müssen. das problem hier ist nicht, dass sie versuchen von ihren benutzern zu profitieren, das problem ist, dass sie selbst verlernen, wert zu erzeugen. (ein grund dafür könnte übrigens sein, dass die ab einer gewissen organisatorischen grösse eingeführten ‘manager’ selbst nur gelernt haben, in neoliberalen/globalisierten mustern zu ‘führen’ und zu ‘denken’ und nicht verstehen, dass web- und technologiestartups nach tatsächlich anderen ökonomischen logiken funktionieren könnten und sollten.) und nur zur sicherheit: das bedeutet natürlich auch nicht, dass man sie nicht für das wirklich kritisierenswerte kritisieren sollte. das problem mit der aktuellen europäischen kritik am komplex us-tech ist, dass das falsche kritisiert und bekämpft wird und dass die effekte die gegenteiligen vom erwünschten sind.

interessanterweise sind es vor allem die tech-blogger, die am allerwenigsten kapieren, dass das, wozu sie die firmen anfeuern, exakt die nachteile für die benutzer erzeugt, deren effekte sie dann bejammern.

unternehmen durchlaufen jedenfalls einen gewissen lebenszyklus und manche unternehmen landen irgendwann in einer lebensphase, in der sie gewissen erwartungen anderer genügen müssen, was viele unternehmen in ganz andere wesen und manchmal in walking dead transformiert. hier muss ich übrigens wirklich facebook loben; aus dem trio google/facebook/twitter sind sie nämlich die einzigen, die sich auch nach ihrem ipo noch immer relativ konsequent am ursprünglichen eigenen sozialen objekt orientieren und klare grenzen ziehen. sowohl google als auch twitter tun sich als von managern optimierte unternehmen mit ihrer eigenen sinn- und wertstiftung viel schwerer, wobei twitter der mit abstand größte dolm ist (d.h. die am leichtesten vermeidbaren kapitalen fehler macht, im grunde müssten sie ja wirklich nur nichts machen) und google der größte unnötige wertvernichter zumindest im web ist und eine lange trophäensammlung kleinerer und größerer böcke angesammelt hat, siehe google studies, nur erzeugen halt beide, vor allem natürlich google, gleichzeitig auch so einen riesigen sozialen und kommunikativen überschuss, dass das auf absehbare zeit ohne echte kosten oder konsequenzen für sie bleiben wird.

ein hauptgrund für diesen interessenskonflikt ist der oben erwähnte übergang von höheren zu niedrigeren aggregatszuständen. wie soll ein unternehmen wie yahoo reagieren, wenn der ‘hochbrauige’ und viele jahre dominierende datentyp flickr mit entwicklungen zu tun bekommt, bei denen die kombination aus handy, mobilem internet und für einen sozialisierten strom optimierte plattformen wie instagram und tumblr oder auch messenger zu einer exponentiellen explosion der zirkulierenden fotos führt, die sie im staub stehen lassen?

im grunde gibt es nur zwei möglichkeiten: sie bleiben entweder dem originalen datentyp treu, auch wenn sie dann marktanteile verlieren (was, nur nebenbei, ja nicht notwendigerweise weniger aktivität oder einnahmen bedeutet). oder sie versuchen sich zu transformieren, was unter umständen gelingen kann, aber in jedem fall den ursprünglichen sinn zerstört. das kann mitunter auch gelingen, wenn man unter gelingen als marke überleben versteht, wenn die eigene schwungmasse gross genug oder wenn für die user die kosten für einen absprung zu gross sind. aber der ursprüngliche datentyp wird natürlich trotzdem zerstört und die wahrscheinlichkeit des nichtgelingens ist hoch, weil ihre organisatorische dna den neuen datentyp oft nicht versteht. und sie öffnen damit natürlich wieder die tür für nachrücker, die dann von unten, von der seite und dann eben auch von oben kommen können (z.b. medium, das sich gwm. über das soziale objekt bemühtheit definiert und sich quasi auf die blogs setzt).

2. die interessen der regierungen stimmen nicht mit denen der bürger überein

das ist ein viel zu großes thema, das ich weder hier noch sonst behandeln kann, aber ich will es nicht unerwähnt lassen, weil man viele probleme damit verstehen kann.

das paradigmatische beispiel ist natürlich überwachung: aus irgendeinem grund lieben regierungen nichts mehr, als ihre bürger und wenn wir schon dabei sind die ganze welt möglichst total und jedenfalls mit allen ihnen zur verfügung stehenden technischen mitteln zu überwachen. ein paar worte dazu etwas weiter unten.

eine variation davon ist eine vermeintliche aber falsche orientierung am bürger. beispiel hier etwa das recht auf vergessen, das als ‘sieg für datenschutz und gegen google’ gefeiert wird, aber die echten probleme nur verschlimmert oder über die hintertür erst konstruiert. siehe das ‘gut gemeint ist schlecht gemacht’ weiter unten.

insgesamt werden regierungen und regierungsorganisationen zunehmend selbst das eigentliche problem, siehe lazy blog ep. 23

3. die interessen der journalisten stimmen nicht mit denen der leser oder der gesellschaft überein

auch das ist ein viel zu großes thema, das ich weder hier noch sonst behandeln will oder kann, aber auch das soll nicht ganz unerwähnt bleiben, weil auch das so einiges erklärt. journalismus ist vor allem in deutschland leider eines der organe geworden, das die gesellschaftlich schädlichsten abwehrstrategien gegen das web ausgebildet hat, was doppelt blöd ist, weil die deutsche seele diskurs tendenziell nur massenmedial sanktioniert akzeptiert.

journalismus ist ingesamt natürlich eine unwahrscheinliche form, die eine zeit lang eine gewisse stabilität gefunden hat, deren bisherige ökonomie aber mit dem internet ganz real zu bröckeln begonnen hat. was sie tun sollten oder könnten ist ein anderes thema, hier aber sei erwähnt, dass was das thema web betrifft von den massenmedien eine absichtliche oder unabsichtliche volksverblödung betrieben wird, die sich natürlich ungünstig auf die entwicklung auswirkt, weil der großteil der bevölkerung einfach falsch informiert wird und deshalb oft auch phänomene nur falsch bewerten kann, was dann wieder als beweis für die richtigkeit der falschen informationen herangezogen wird.

(karma am rande: der journalismus bekommt mit buzzfeed, heftig und co nun endlich die rechnung dafür präsentiert, dass sie die nullerjahre mit dem belächeln und verspotten von zuerst blogs und dann twitter verbracht haben, die mit ihrer zukunft wenig bis nichts zu tun haben bzw. hatten. die irritation und konsternation darüber, dass es da plötzlich was anderes gibt, wo jeder seine meinung publizieren konnte und kann, hat sie blind für alle ihre existenz tatsächlich betreffenden entwicklungen gemacht. mit der aktuellen hysterie – man denke an das schnipsel- und leistungsschutzrecht, den ‘kampf’ gegen google, das am besten zerschlagen werden soll, usw. – wiederholen sie gwm. diesen ersten fehler, nur dieses mal ganz brav nach marx und hegel nicht als tragödie, sondern als farce.)

ursachen und fehler

während die verschiedenen gruppen des abbaus der arten gwm. ein symptom und die verschiedenen gruppen konfliktierender interessen gwm. ein katalysator der aktuellen talfahrt sind, gibt es eine palette an anderen kleineren und grösseren ursachen und fehlern, verstärkern und verhinderern, die die derzeitige situation beeinflussten. hier nur vier signifikante:

1. das fehlen eines ethischen kompasses

das fehlen eines ethischen kompasses ist eine der hauptursachen für einige der angedeuteten missstände.

das web hat auf institutioneller ebene nur ein problem, weil institutionen keinen ethischen kompass haben. daten selbst sind nicht das problem, nur die art, wie sie von unternehmen, organisationen und staaten verwendet werden. wenn sich alle (auch geheimdienste) an dem orientieren würden, was (auch für geheimdienste) gesellschaftlich sinnvoll und nicht an dem, was technisch machbar ist, dann hätten wir kein problem. es geht nicht darum, eine situation herbeizuwünschen, die es nicht geben kann, oder zu verleugnen, dass staaten, organisationen, menschen und sogar katzen mitunter egoistische, territoriale, neidische, irrationale oder gierige impulse haben und denen gelegentlich auch folgen. es geht aber wirklich darum, in der diskussion und bewertung dieser aktivitäten dann zu verstehen, was die ursache und was nur ein mittel oder eine wirkung ist.

das problem an der totalüberwachung der menschheit ist doch nicht, dass mit unserem leben daten anfallen, die geschützt werden müssen, sondern dass eine staatliche institution eines gwm. erleuchteten staates überhaupt auf die idee kommen kann, dass man am besten alle daten aller speichern könnte. und dass das dann auch mit dutzenden milliarden gefördert und realisiert wird, indem das weltweite kommunikationssystem mit einem rhizomatisches geflecht an sensoren infiltriert wird, die wenn möglich bis zum letzten endgerät vordringen und es anzapfen können. aber dass der staat und die staatengemeinschaft keine kontroll- und bewertungsmechanismen ausgebildet haben, die dem von selbst entgegenwirken, einfach weil es ein offensichtlicher wahnsinn und solider grundstein eines präventions- und überwachungsstaats ist, oder weil es am grundvertrauen in kommunikation – und also dem stoff für alles andere – sägt, ist der eigentlich skandal und eine echte schande für die welt und grund für eine eselsmütze für alle beteiligten.

die daten sind zwar das mittel, mit denen das möglich wurde, aber sie sind halt eben auch tatsächlich nur das mittel. das problem ist die nicht mehr vorhandene ethik der organisationen.

nur am rande: die eigene ethik (bzw. die abwesenheit derselben) wird übrigens oft erst sichtbar, wenn es probleme gibt. im fall der massenmedien und des journalismus hat man die ich sag mal löcher und lücken lange nicht gesehen, weil es die längste zeit halt hinreichend gut funktioniert hat. die abwesenheit eines eigenen sinns wurde erst sichtbar, als sie probleme bekamen und nicht mehr weiter machen konnten wie davor. ohne sinn (also etwa: wenn man den leser als nichts anderes als eine page impression wahrnehmen und bewerten kann, die dann hoffentlich auch noch auf einen werbebanner klickt, wenn sie schon da ist) befindet man sich aber schnell in einem race to the bottom um diese dann eben sinnlosen klicks (wobei das race natürlich selbst auch wieder potential für neue formen hat, nur stehen sich die incumbents da immer selbst im weg). blogs andererseits können deshalb extrem ineffizient arbeiten, weil sie ihren eigenen sinnüberschuss selbst erzeugen. es reicht eben schon aus, wenn der blogger für sich selbst ausreichend interessant ist, jeder leser ist da eher ein willkommener gast.

das gilt aber natürlich nicht nur für text, sondern für jedes andere medium auch. wir sehen das wie oben angedeutet auch bei flickr, twitter, google, usw. wer den eigenen sinn verliert, landet dann schnell bei der sinnlosen optimierung, die im idealfall halt ein erträgliches alternatives gleichgewicht auf niedrigerem niveau findet.

2. das fehlen eines schützenden und inkubierenden diskurses

über die theorielosigkeit im web 2.0 hab ich schon vor 4 jahren gejammert, warum da so gar nix kommt ist mir wirklich ein unerklärliches rätsel, so ziemlich jede andere disziplin hat zumindest ein gewisses bündel sozial ausgehandelter begrifflichkeiten generiert, die dann ‘dichtere’ kommunikation erlauben usw., aber das ist natürlich ein moo point. das web selbst hat sich jedenfalls als nicht besonders gut herausgestellt, ‘organische’ intellektuelle hervorzubringen oder die anderer sparten zu integrieren. es gibt zwar einige subdiskurse verschiedener ‘crowds’ (die netzpolitik crowd, die medienkritik crowd, die gründer crowd, die hacker crowd, versprengte reste einer netzkunst crowd, einsprengsel einer soziologie crowd, jenseits von gut und böse sicher auch die crowd der künstler und journalisten), aber die köcheln alle relativ unbeobachtet und unbeeinflusst von den subdiskursen der anderen crowds vor sich hin, es sind ja wirklich nicht nur die journalisten, die sich nur an ihrer eigenen bubble orientieren.

(ich sehe keinen grund für hoffnung, dass da in absehbarer zeit was tolles kommt, aber das ist auch nicht wirklich wichtig. wichtiger ist eher, dass endlich die 10 oder so blödesten grundannahmen widerlegt werden und quasi nicht mehr salonfähig sind, das würde das grundpotential vom web in deutschland sofort verdoppeln. und eine mischung aus praxis und proaktiver falsifikation bei genügend freundlichkeit könnte ein solches plateau erzeugen oder zumindes zu einer art anpassung der blickwinkel führen)

3. gut gemeint ist schlecht gemacht.

auch das zieht sich wie ein faden durch die meisten problemfelder. künstler, intellektuelle, netzpolitische aufrufer, krautreporter, indiewebler und politiker eint, dass sie es immer wirklich gut meinen, aber mit ihren ansätzen und forderungen oft leider genau das gegenteil bewirken und sich so also zu erfüllungsgehilfen der hegemonialen strukturen machen.

besonders in kombination mit (1) einem nichtverstehen der dynamik der sozialen objekte und/oder (2) einem nichtverstehen der logik des werts und/oder (3) einem nichtverstehen der produktions-, rezeptions-, und distributionsbedingungen und der ströme wird ein gut gemeint schnell zu einem schlecht gemacht. der weg zur hölle ist gepflastert mit guten intentionen.

4 follow the money

wenn ein in ein paar tagen entwickeltes flappy bird mehr umsatz generiert als 99% aller webapps, dann wandern die talente früher oder später ins appland, auch wenn dort kein ‘gesellschaftlicher’ wert entsteht. mir fehlt zwar die intuition, zu welchem grad das wirklich ein problem ist (dem web fehlt es nämlich nicht an code sondern an verdichtungen, und die beginnen historisch oft mit zwei, drei leuten; wo es sich anbietet werden die mobil erzeugten inhalte dann ohnehin auch im web veröffentlicht; ob sich private ströme auf mobilen kanälen oder auf facebook realsieren ist – ausser für irgendwelche kennzahlen – völlig egal; usw.) aber ich vermute doch, dass es eine gewisse verschiebung der indifferenzkurven gibt, die das web mittelfristig suboptimal ausdifferenziert. oder anders gesagt: ich vermute, dass das web den monetären offset zum mobilen internet quasi durch sinn ausgleichen muss. die gefahr ansonsten ist nicht so sehr, dass es ‘weniger’ web gibt, sondern dass sich einige möglichkeitsräume, die sich nur im web entfalten könnten, einfach nicht entfalten können.

zauberhut

das allerwichtigste für eine schubumkehr dürfte jedenfalls eine art rudimentäre netzbildung mit netzpraxis oder wenn man so will eine allgemeine netzaufklärung sein. fast jedes problem eskaliert erst dadurch, dass die beteiligten und oft entscheidenden personen einige eigentlich ‘zumutbar wissbare’ dinge übersehen oder noch nicht verstanden haben und in der folge zu ‘falschen’ bewertungen und massnahmen kommen. und ich meine das wirklich nicht hochnäsig oder besserwisserisch oder im glauben eine ultimativ richtige antwort zu haben, aber es gibt halt situationen, wo man sehen kann, dass ein anderer etwas nicht sieht, was dieser naturgegeben nicht selbst sehen kann, weil man eben nur sieht was man sieht, aber nicht sieht was man nicht sieht. internet ist eben nicht segen oder fluch, internet ist ein möglichkeitsraum, der genützt werden kann oder nicht.

netzbildung bedeutet übrigens nicht, dass alle programmieren lernen sollten (diese idee kommt, kommt mir vor, immer von leuten, die selbst nicht programmieren können). bei der netzbildung gibt es sicherlich verschiedendliche ‘tiers’, wobei man aber schon mit wenig aufwand die meisten probleme in luft auflösen könnte (think pareto).

und ich habe kein programm dafür im zauberhut, aber mit sehr wenig wissen um einige techniken und zusammenhänge kann man schon sehr viel abfedern. wenn man etwa weiß, was ein browser ist und was man mit dem browser alles machen kann und wie man ihn erweitern und für sich selbst optimieren kann und dass browser auch einen privacy-modus haben und dass man auch mehrere browser gleichzeitig benutzen kann, dann hat man z.b. geschätzte 80% der nicht-staatlichen privacy-probleme schon im eigenen griff. (nur wird man das z.b. niemals im feuilleton lesen, weil das die leser ja dazu befähigen würde, die tracker zu blockieren, über die sie ihre leser monetarisieren. wir sind also auf uns selbst gestellt.)

siehe auch f9rnbu2ncop

zu twitch siehe Amazon.com to Acquire Twitch


Die Einmischer

07.05.2014

Kl. Nachtrag zur Rede zur Lage der Nation :

Einmischen, machen oder zumindest spenden sind ja gerne genannte Anweisungen. Leider sind auch sie ein Beispiel für ‘gut gemeint ist schlecht gemacht’ weil sie as is leere Imperative sind, die es einer Gruppe erlaubt, kurz über sich selbst gerührt zu sein, dann aber konsequenzlos und ohne Anschluss bleiben, weil die Bissen und Probleme zu gross sind.

Ich würde deshalb vorschlagen, die ‘Verpflichtung’ zum Einmischen nach den Faktoren Nähe und Möglichkeit zu parametrisieren bzw. sie als ‘Funktion’ davon zu verstehen.

Man hat mehr ‘Verpflichtung’ sich um die Dinge zu kümmern, die einem nahe sind, und der Grad dieser Verpflichtung nimmt mit zunehmender Entfernung zunehmend ab. (Nähe kann sich dabei natürlich durchaus auch durch Interesse konstituieren usw.)

Und man hat mehr ‘Verpflichtung’ sich um die Dinge zu kümmern, die man selbst auch effektiv lösen kann oder zu denen man effizient beitragen kann, etwa weil man in der gesellschaftlichen Position dazu ist, und auch der Grad dieser Verpflichtung nimmt mit abnehmender Möglichkeit zunehmend ab.

Pick your battles.

Es bringt ja nichts, wenn man sich ein Jahr um irgendwas strauchelt, was aber keinen Effekt hat, oder was für einen anderen einen Anruf bedeutet hätte, oder was ein anderer dann mit einem Anruf blockieren kann, oder von dem man überhaupt nicht wissen kann, welche Effekte es überhaupt hat. Was aber auch nicht bedeutet, dass man vor größeren Themen resignieren soll, wenn man keinen direkten Einfluss hat; oft kann man etwa an Zwischenschritten arbeiten, Dinge synthetisieren und aktivieren usw.

Gleichzeitig entsteht Wertschätzung nur durch Einsatz, es zahlt sich also schon aus, im Rahmen der eigenen Mitteln und Möglichkeiten an Dingen und Verbesserungen zu arbeiten. Nette Geschichte Opa, komm, setz dich.


dhrRf44WiVB

22.01.2014
"writing ourselves into existence" find ich genauso wie "das selbstgespräch, das von anderen geführt wird" eine der konzisesten definitionen von blogs.

nur ein schneller take: das überphänomen web umfasst zu jedem zeitpunkt eine ausbalancierung der milieus, die zum jeweiligen zeitpunkt angeboten werden. extrem simplifiziert: web98 war ein web von dokumenten von wenigen, weil man entweder ein teures cms brauchte oder html können musste; web04 hat 2 dinge eingeführt: einfachheit und referenz/dialog. das hat die # an aktiven usern verzehnfacht und eine interne dichte etabliert. web08 hat neben text alle anderen fundamantalen datenypen (foto, video, musik, etc.) und das prinzip 'kontakt' aber auch das prinzip 'privat' (fb) eingeführt. das hat die # an aktiven usern nochmal verzehnfacht und eine sehr intensiv empfundene verwebung auf einem metalevel etabliert. alles aber noch im 'web'. web14 hat neben text und allen anderen fundamantalen datenypen und sozial und privat weitere gerätschaften bekommen, sprich tablets und smartphones, was die # an aktiven usern nochmal verzehnfacht und einige jetzt-sensitive dinge wie messages oder selfies ermöglicht. wie oben gesagt: zu jedem zeitpunkt gibt es eine art struktur für möglichkeiten, die benutzer füllen das fliessend und für sich selbst optimierend entsprechend aus. das dokumenteweb gibts heute noch immer, nur ist das halt wirklich nur für contentsaurier und vl. wissenschaftler ideal und pendelt sich halt bei 1,3% marktanteil ein (absolut aber immer noch auf einem viel höhren niveau als 98). formate verlieren nie den eigenen sinn, sie verlieren nur die (davor 'erzwungene') anwendung für usecases, bei denen etwas anderes einfach besser ist.

ja klar, jedes 'subjekt' hat ein spektrum an äusserungs-'formaten', die als 'virtual' immer schon da waren, für die es aber immer (subjektiv verschiedene) 'trigger-thresholds' gab, die erreicht werden müssen, um eine konkrete 'lebensäußerung' zu aktivieren. (im fall quantified self funktioniert das zb ohne zutun als sich trotzdem äussernder datenabfall, wenn man sich entschieden hat, das einzurichten)

Leftovers 2013 (Casuistry Edition)

18.01.2014

auch nicht wirklich weitergekommen sind wir 2013 jedenfalls mit dem produzieren, rezipieren und diskutieren von subtileren begriffen und prinzipien von dingen, die vor allem, aber nicht nur, das web betreffen.

(unterm strich sind kleine und/oder spitzfindige differenzen sozial nicht mehr anschlussfähig; was nicht lautstark das ende/den tot von irgendwas oder den anfang/den völligen umsturz von was anderem verkündet, wird vom strom ignoriert, einfach weil die damit thresholds für die jeweiligen triggerlevels nicht erreicht werden können)


Hausfrauen und picklige Teenager

12.01.2014

Since the world drives to a delirious state of things, we must drive to a delirious point of view

- Baudrillard via Kroker, The possessed Individual, S. 66.

^ apropos ReQuoting pt. 102 :

Bei Arthur Kroker, den ich seit ein paar Tagen wiederlese, ist diese Lust so angenehm, mit der er alles konsumiert und in der Folge transformiert: Herrlich, lesen Sie die Franzosen, da steht drin, wo wir jetzt eigentlich sind, in Amerika. Wunderbar, der Lyotard, und fabelhaft, der Baudrillard, und unschlagbar, diese Deleuze/Guattari, ja, das ist Amerika…

Aber ich will hier jetzt auf was anderes hinaus, nämlich auf ein Problem, oder besser eine Disposition, die vor allem in Deutschland ausgeprägt ist und aus der ich auch nicht rauskomme, nämlich Dinge zu ernst, zu literal, zu wörtlich zu nehmen und nicht in ihrer Potentialität zu sehen. Bei mir selbst aufgefallen ist mir das bei meiner Ersteinschätzung von Empire, das ich zwar zu Teilen sehr gut fand, wo mich aber irgendwie der Ton gestört hat und vor allem, dass sie gegen Dinge angelaufen sind, die ich nicht als Problem verstehe. Dann habe ich aber ein Interview mit Hardt gehört und der hat das irgendwie eingeframet als Gedankenexperiment. Der Ton sei zwar eher deklarativ, aber es ist doch eine gedankliche Gratwanderung mit Begrifflichkeiten die es eigentlich noch gar nicht gibt. Und das hat für mich den Gesamteindruck völlig umgekehrt, und wenn ich es jetzt nochmal lesen würde, dann sicher mit mehr Gewinn, weil ich dann während des Lesens weniger Widerstand aufbringe gegenüber etwas, das diesen Widerstand in dieser Form überhaupt nicht braucht.

Anyway. Wo ich oft etwas stocke, bei den ganzen technophilen Denkern, ist dieses Momentum, dass wenn einmal etwas deklariert ist (Ende des Menschen, Ende der Geschichte, Post-*) dann von anderen so getan wird, als sei das dann so. Es gibt aber natürlich nie ein Ende, sondern nur ein Ende einer bestimmten Konzeption oder eines Bündels bestimmter Konzeptionen von dem wie Geschichte oder Menschsein wahrgenommen oder begriffen werden kann, also Begriffe und Begrifflichkeiten mit denen Geschichte etwa erzeugt und das geschichtliche Wissen diskursiv gestreut und entwickelt werden kann.

Woran ich mich da meist aber eigentlich störe, ist die gesamte Anschlusskommunikation die daran stattfindet; wie das unkritisch aufgenommen, übernommen und weitererzählt wird, oder wie oberflächlich das kritisiert wird. Was man in Wirklichkeit von den originären Denkern begreifen kann ist, dass sie einen Raum zur Wahrnehmung für etwas öffnen, das unter gegebenen Bedingungen im entstehen ist, dass sie ein Sensorium für Veränderungen bereitstellen, die sich gerade im Formieren sind, usw.

Wie unterscheiden sich nun die französischen/amerikanischen Theoretiker von Künstlern/Schriftstellern (phantastische Welten wurden ja vorher auch schon gezeichnet, sei es etwa in Form eines Kafka, oder auch Oswald Wieners)? Das ist keine leichte Frage und ich glaube auch nicht, dass ich die beantworten kann, aber ein Momentum ist sicher genau das, dass sie eben innerhalb der Diskursformation Wissenschaft bzw. Philosophie, Soziologie, Geschichtsschreibung etc. und mit bzw. eben gegen die Begrifflichkeiten dieser Wissenschaft arbeiten, denken, ihre Begriffe daraus ziehen und gegen diese einführen bzw. an die neuen Gegebenheiten, Machtverhältnisse, Konstellationen usw. einführen, aktualisieren, zumindest damit experimentieren.

Sidenote: irgendwie ist es ja so, dass Veränderungen nur für denjenigen wahrnehmbar sind, der sie erlebt, aber nicht für die, die hineingeboren werden. Gleichzeitig verhalten die sich aber wie Frösche, die nicht aus dem Kochtopf springen, weil es zu langsam heißer wird. Das kann man sich ja für die unterschiedlichsten Achsen durchdenken (Medien, Computer, Internet, Globalisierung, …). Bessere Theoretiker gehen aus den existierenden (Diskurs-)Formationen aus (siehe Foucault) und aktualisieren das, haben es auf das nächste Tableau (siehe D/G), zumindest einmal heuristisch. Gute Denker machen das dann auch noch auf eine Weise, die auch retrospektiv noch eine Nachvollziehbarkeit hat. Schlechte bleiben nur als Witz oder Kuriosität. Aber Umstände werden normal, was natürlich nicht heisst, dass sie dann unreflektiert oder unkritisiert bleiben sollen.

Ein bisschen eine Sackgasse war alles, was mit cyber-* beginnt und die Imaginationsfähigkeit des Menschen betrifft. Die Möglichkeiten von dem, was Computer innerhalb der Vorstellungskraft des Menschen verändern könnten, wurden weit überschätzt (virtuelle Räume oder Realitäten, interaktive und selbstlernende Agenten, spachfähige Systeme, …) und etwa in der Literatur schon viel zu detailliert durchgedacht, um dann nicht in ihrer Realisierung zu enttäuschen. Soweit ich das sehe hat sich das ohnehin aufgehört. Virtual Gloves wurden zum Joystick und MUDs zum Chatroom, in dem sich Hausfrauen und picklige Teenager tummeln. Themen sind da eher Biopolitics, Warmachines, Kontrollstrukturen usw., also wie sich die Informationstechnologien auf die gesellschaftlichen Konstellationen auswirken, wenn sie von bestimmten Stellen aus systematisch angewandt werden (Waffentechnologien, Satelliten, Imagery, Gentechnik, Wirtschaft) und welche Skaleneffekte dann eintreten (Hegemonien, Überlegenheiten, Kräfteverschiebungen).

^ aus der beliebten abt. heute vor 10 jahren in irgendeinem (damals noch docbook) file.


30k

06.01.2014

Since December 28, 2004 you have posted a total of 29,999 items

Trara, das ist der 30.000. Eintrag in meinem blogtechnischen Gesamtwerk (also alles unter hackr.de – neben live.hackr auch shared, news, chronicle, worldwide, tv usw. – aber auch die 12.000 betas im MoMB, die artikel auf netzwertig, etc.)

(ich überlege, ob das viel ist oder nicht, aber es klingt wohl nach mehr als es ist. im schnitt sind es nicht einmal 10 posts pro tag (9,1) und das allermeiste ist ja micro, nano und picocontent)

((siehe auch 28k und 25k))


Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 10: Der diskursive Lobotomiker

01.01.2014

Der diskursive Lobotomiker ist ein weit verbreiteter Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er in seinen Texten und/oder Gedankengängen und/oder Argumentationen Schnitte einführt, die die vorgetragenen Propositionen vollständig trennen.

(anders als etwa der immer leicht danebene macht der diskursive lobotomiker keine ‘denkfehler’ innerhalb eines diskursiven milieus, sondern kommt frei flottierend von einem plateau zu einem mehr oder weniger gänzlich anderen, wobei es zwischen den plateaus aber auch keine allegorische oder metaphorische beziehung gibt; sprich: alles kann einstieg oder begründung für alles andere sein)

((wenn man so will ist der diskursive lobotomiker eine verallgemeinerung von eco’s irrem, der alles auf eine einzige fixe idee bezieht und den man deshalb leicht erkennt, man denke an morozov))

(abt. supermarket studies)