Media Studies

  • 618394991371620352 Revisited
    Kleine Anmerkung zum Tweet 618394991371620352.
  • The Strain
    Über den Übergang zu mobile.
  • Durchschnittlichkeit und Zufriedenheit
    Über Durchschnittlichkeit und Zufriedenheit.
  • Favicon, Index and Symbol
    Der zweite Megatrend 2015 sind ganz eindeutig diese schwarz-weiß gehaltenen Favicons von Publikationen - man kann ja fast schon sagen, dass jeder, der was von sich hält, ein schwarz-weißes Favicon verwendet.
  • This Must Be the Place
    Über den Sinn von Schmidtlepp für das LSR von Springer.
  • Papierkorb pt. 68
    Über die Selbstneurotisierung der Medien.
  • Eine Unter
    was zeitungen, glaub ich, noch nicht verstanden haben aber verstehen sollten, ist, dass sich ihr wert für den benutzer als 'bündel' nicht nur verändert, sondern sogar umgekehrt hat. was als papier nützlich war, wurde im web ein störfaktor.
  • Minimal Models pt. 1 (The Media Edition)
    Minimal Models pt. 1: Zur Ausdifferenzierung von Medien.
  • Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 15: Die Stummfilm-Diva
    Die Stummfilm-Diva (m/w) ist ein gelegentlich gesehener Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er vor 30, 40 Jahren mal ein Star war, sein Selbstbild seit damals aber nicht mehr angepasst hat und nun nur noch in einer Scheinwelt lebt.
  • Listen Up
    nur einen gedanken zum lsr: der entscheidende fehler, den die verlage beim durchdrücken des lsr gemacht haben, ist, dass sie nicht zugehört haben.
  • Leftovers 2012 (Hillbilly Edition)
    auch nicht wirklich weitergekommen sind 2012 jedenfalls die deutschen massenmedien/zeitungen mit ihrer disposition gegenüber dem web.
  • True Stories
    kl. nachtrag zu stop making sense : marcels "das ist quatsch" hat mich zum nachdenken gebracht, und es gibt vl. noch eine andere erklärung, die bei unterstellter rationalität der beteiligten möglich ist
  • Short Cuts Pt. 2 (Worthless Edition)
    Über den (vor allem) Unsinn Rupert Murdochs Plan, seine Properties vor Google zu verstecken.
  • Weiter weiter
    Einer der falschen Grundannahmen ist, Entwicklung automatisch als Progression zu verstehen.
  • Das Bündel
    Warum auch smarte Bündel den Medienkonzernen nicht helfen.
  • The 6th Sense
    Über Zeitungen und das Web.
  • Readers Edition II
    Die Readers Edition ist gestern gestartet, ich befürchte, dass der dahinterstehende Gedanke interessanter sein wird als das Ergebnis.

  • 618394991371620352 Revisited

    08.07.2015


    kl. nachtrag zu 618394991371620352 weil man es doch auch missverstehen kann:

    vorgeschichte war diese anmerkung von diplix über eine anmerkung von niggemeier, in der dieser sich über die pseudo-wirlassenunsauchgernekorrigieren-prozesse der medien mokiert und diplix stattdessen mehr demut im journalismus fordert, damit gewinne man eher vertrauen zurück als als ignoranter, besserwisserischer gockel. aber während demut natürlich nie schlecht ist und wenn man von der korrektur handwerklicher fehler (etwa der verwechslung einer riesigen demo gegen mit einer riesigen demo für etwas oder umgekehrt) einmal absieht, das ‘große problem’ in der berichterstattung über griechenland ist doch nicht die mangelnde demut und dass man nicht durchblicken lässt, dass man eigentlich überhaupt keine ahnung hat (und dann vermutlich die eigene ahnungslosigkeit zur eigentlichen krise erklärt und das dann diskutiert), sondern dass ein grossteil der leitmedien nicht nur keine uninformierte aber zumindest im versuch neutrale, sondern im tandem mit der regierungspolitik eine über weite strecken desinformierende, polemische und den griechen gegenüber völlig unverantwortliche und asoziale linie gefahren ist, und das auch lange, nachdem wirklich offensichtlich war, dass sowohl die maßnahmen, als auch der die maßnahmen flankierende diskurs in einer sackgasse gelandet sind und man am ende angekommen nun auch noch ein loch graben will. wer den twitterstrom von @martinlindner ein paar monate zurückliest, wird seinen augen nicht trauen, wie lange die deutschen massenmedien und allen voran die öffentlich-rechtlichen talkshows – anders als ihre internationalen kollegen, die die dissonanz zwischen plan und wirklichkeit spät aber doch irgendwann erkannten und verdauten – unisono die trope vom faulen griechen wiederholten, der sich alle probleme selbst eingebrockt hat, der jetzt schon seit jahren trotz konkreter anweisungen seine hausaufgaben nicht macht und der doch wirklich von alleine darauf kommen sollte, dass er einfach noch ein bisschen mehr sparen muss, usw. da fehlt nicht die demut, da wird ganz gezielt nur eine sehr einseitige wirklichkeit konstruiert und überhaupt nur jene stimmen zugelassen, die eben diese wirklichkeit bestätigen. ich kenne mich null aus, aber dass das gesamte hilfsprogramm nichts anderes war als ein hilfsprogramm für die betroffenen banken, dass man ein wirtschaftlich ohnehin am boden liegendes land nicht schuldenfrei sparen kann, dass die verschuldung als mittel beliebiger politischer erpressungen verwendet wird, dass deutschland mit diesem politischen gehabe gerade weltweit viel von dem ansehen verspielt, das es sich in den letzten 60, 70 jahren völlig zurecht erarbeitet hat (ehemals exzellente medien, die von aussen mittlerweile nur noch als hinterwäldlerisch wahrgenommen werden; wertebasierte politik (liberal und sozial), die zumindest in der causa griechenland von aussen nur noch als unfähig und stur wahrgenommen wird) scheint mir offensichtlich zu sein. man muß keine lösung im köcher haben, um eine falsche lösung als falsch zu erkennen.

    (ich vermute, dass die wurzel dieses deutschen sonderweges im fall griechenland die gleiche ist wie im fall web 2.0 oder lsr, nämlich das zusammentreffen vom grundgefühl, dass es keinen nutznießer geben darf (dieses ich schneide mir lieber den finger ab, bevor ein anderer von meiner leistung profitiert, siehe der parasit), mit dem umstand, dass sich die deutschen medien nur selbst lesen – und also den internationalen diskurs auf der einen seite, den socmed diskurs auf der anderen seite einfach nicht registrieren und nur in ihrem eigenen saft dahinköcheln, ohne dadurch einen wettbewerbsnachteil zu haben, weil es ja alle anderen auch tun)


    The Strain

    19.06.2015

    kl. nachtrag zu curate or die: die nyt hat vor kurzem ja von ihren kollegen viel bewunderndes kopfnicken geerntet, weil sie intern mal eine woche den zugang zur eigenen desktop-version gesperrt hat, damit alle ihre mobilen gerätschaften verwenden müssen und dadurch quasi gezwungen werden, sich in die mehrzahl der leser zu versetzen und die kommende ‘bedeutung’ von mobile zu verstehen.

    ich glaube als experiment machen sie da etwas sehr richtiges, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie daraus die falschen schlüsse ziehen werden, weil sie bei ihren bestehenden grundsätzlichen annahmen bleiben werden. und die axiomatische annahme aller verlage ist, dass es einerseits eine grundstätzlich gegebene nachfrage nach journalistischen inhalten gibt und dass sie andererseits die gottgegebenen produzenten ebendieser journalistischen produkte sind.

    diese im papierzeitalter quasi seine perfekte realisation gefunden habende natürliche ordnung erlebt aus diesem blickwinkel zuerst mit dem internet/web und dann mit mobile zwar eine krise der verkauf- und verwertbarkeit, aber die struktur der ordnung selbst wird nicht in frage gestellt. wer kein zeitungspapier mehr liest, der hat vor 10 jahren die zeitung als startseite im browser gehabt, mehr web braucht man nicht; und wer kein zeitungsportal mehr liest, der verwendet google um zeitungsartikel zu finden oder facebook, um sich von den freunden zeitungsartikel empfehlen zu lassen und darüber zu diskutieren; und wer nur noch ein handy hat, der verwendet es um sich in der strassenbahn oder im park mit zeitungsartikeln über die geschehnisse zu informieren.

    das medium, wie die leserschaft das eigene angebot konsumiert, wandelt sich und die aktuellen trends (omg, mehr und mehr mobile) erkennt man im analyse-tool der wahl, aber die struktur und die aufgabe resp. position der beteiligten parteien bleibt konstant.

    für die zeitungsmacher ist zu jedem zeitpunkt ganz klar, dass sie der fixpunkt sind, um den die welt sich dreht. und der typische deutsche verleger geht zusätzlich auch noch davon aus, dass ihnen google, facebook und twitter einfach alles zu verdanken haben, dass leute nur auf google gehen, um die verlagsinhalte zu finden, dass leute nur auf facebook und twitter gehen, um dort verlagsinhalte zu teilen, usw. (aus dieser sicht sind so dinge wie das leistungsschutzrecht oder die forderung nach 11% vom umsatz von google zumindest nicht mehr wirr oder wahnhaft, sondern einfach kontrafaktisch grundbegründet.)

    die neuen umstände werden also immer nur als fragen der form und der distribution und der monetarisierbarkeit behandelt, was nicht gestellt wird, ist die frage nach dem eigenen sinn und den neuen umständen selbst. aber der eigene sinn ist vielleicht fragiler, als nicht nur von ihnen angenommen wird.

    was wie eine evolution von ‘trends’ im konsum von nachrichten ausschaut – leute lesen sie zuerst auf papier, dann auf dem portal, dann auf facebook, dann auf dem handy – müsste nämlich eher als ganz grundsätzlich neuentwicklung des gesamten ‘dispositivs’ unter grundsätzlich neuen bedingungen bewertet werden, für das alles andere als klar ist, was dort funktionieren kann und wie das funktionieren wird. die welt versucht gwm. gerade herauszufinden, wie sie ausschauen würde, wenn es das web und mobile immer schon gegeben hätte.

    man kann aber fast davon ausgehen, dass der ‘journalismus’ wir wir ihn kennen retrospektiv betrachtet eher wie ein historischer zufall ausschauen wird, als wie eine gegebenheit, die nur ein zeitgemäßes gefäß suchen muss. man braucht ja nur die perspektive auf die entwicklung zu wechseln: leute haben zeitungen nur solange gelesen, solange es nichts gab, was leichter und gleichzeit gut genug war (online portale); und leute haben die zeitungsportale nur solange als startseite benutzt, solange es nichts gab, was leichter und gleichzeitig gut genug war (facebook); und auf facebook nehmen die leute die nachrichten bestenfalls noch hin, ein bisschen informiert werden und synchronisation mit der welt ist ja nicht schlecht, aber sie sind doch nicht der grund, um auf facebook zu gehen, die leute interessieren sich für sich selbst und ihre bekannten und verwandten; anders gesagt: zeitungen konnte es nur deshalb geben, weil es damals noch kein facebook gab.

    und die radikalste transformation deutet sich natürlich gerade mit dem übergang zu mobile an, weil damit zwar auf der einen seite ein universeller und permanenter zugang für alle gegeben sein wird, gleichzeitig aber ganz grundsätzliche begrenzungen der komplexität des ‘rezipierten’ etabliert werden, die aber natürlich immer noch gut genug sein werden.

    die leute waren gwm. jahrzehntelang zu ihrem journalistischen ‘glück’ gezwungen, aber sie haben jede möglichkeit zu was einfacherem auch immer sofort genutzt, sobald sie sich ergeben hat. der journalismus in der uns bekannten form ist also eine reine historische kontingenz, die zwar gesellschaftlich wünschenswert ist, aber niemanden wirklich interessiert.

    selbst beim am weltgeschehen interessierten bildungsbürger ist die disposition grundsätzlich anders, wenn er eine mobile gerätschaft verwendet. auch wenn es theoretisch natürlich möglich ist, auf dem iphone täglich ein potpourri an kritischen, gesellschaftspolitischen, analytischen longreads zu lesen, die form und die disposition verstärkt natürlich alles snackbare und unmittelbar intensive, also die snapchats und whatsapps, die vines und instagrams, die tweets mit animierten katzengifs.

    (nur am rande: gerade deshalb ist es so absurd, dass die verlage mit aller gewalt gegen google kämpfen aber apple und facebook in den arsch kriechen, weil google gwm. der einzige kanal ist, über den sie intentional offene, weil eben genau nach dem thema suchende besucher bekommen. alles was sich über sharing aufschaukelt oder ausdifferenziert ist zwar viel ‘erfolgreicher’, muss aber auch mit einem gähnenden wegwischen nach 2 sekunden rechnen)

    aber um zur ausgangsthese zurückzukommen: die frage ist natürlich, was die richtigen schlüsse auf das experiment der nyt sein könnten. und das wird ein harter knochen, weil das baumaterial nur der sinn sein kann.


    Durchschnittlichkeit und Zufriedenheit

    22.05.2015

    ‘mögen deine wünsche in erfüllung gehen’ ist ja einer dieser chinesischen flüche, die sich früher oder später besonders hinterlistig bewahrheiten – und am umstand, dass es durch das vom web bedingten unbundling und microchunking zu einer strukturellen krise der durchschnittlichkeit, besonders zu einer krise des durchschnittlichen textes kam, ist vielleicht einer der hinterlistigsten bewahrheitungen.

    wir erinnern uns: neben dem hypertext, also der möglichkeit zur vernetzbarkeit von texten, was der grundsätzlichen kern vom web ist, war die damit verbundene entkoppelung der textfragmente von ihrem kontext, die das freie flottieren und beliebige rekombinieren und reaggregieren von texten, informationen, gedanken und also ein genuin neues dispositiv ermöglicht, die zentrale metapher und wunschvorstellung für die zukunft von text.

    was auf semiotischer ebene jedoch wie ein paradies klingt, hat nicht mit den psychologischen resp. infoökonomischen nebeneffekten gerechnet.

    ganz allgemein gesagt sind menschen relativ unkomplizierte und leicht zufriedenzustellende lebewesen, die mit durchschnittlichkeit gut leben können, solange das gesamtpaket stimmt. ein, zwei goodies reichen aus, um der gesamten restlichen durchschnittlichkeit zumindest den notwendigen hauch von wertigkeit zu verleihen.

    (durchschnittliches als angenehm empfinden zu können ist übrigens alles andere als ungeschickt, weil es nicht nur naturgemäß viel mehr durchschnittliches als besonderes gibt und man sich also über viel mehr im leben freuen kann, sondern weil das durchschnittliche in den allermeisten fällen auch völlig ausreicht. dieser von der werbung erzeugte wahn immer nur das allerbeste zu wollen ist aber ein völlig anderes thema).

    bündel und pakete sind jedenfalls notwendige formen, uns viele durchschnittliche einzeldinge als angenehm wahrnehmen zu lassen und uns zufrieden zu stellen. bricht man die bündel jedoch auf, liegen die dinge plötzlich isoliert vor uns und müssen also einzeln beurteilt, bewertet und empfunden werden. das hat natürlich gegenüber dem bündel einen riesigen vorteil – man kann sich die rosinen aus dem kuchen picken (wenn man rosinen mag, ansonsten kann man sich den kuchen aus den rosinen picken), es hat aber auch eine ganze reihe an nachteilen. die notwendigkeit plötzlich alles einzeln beurteilen, bewerten und empfinden zu müssen ist nicht nur aufwendig und belastend, die davor geniessbare durchschnittlichkeit verliert entbündelt sogar ganz grundsätzlich den zugang zu diesem naiven genuss und muss sich plötzlich die frage gefallen lassen, warum man nun gerade es und nicht etwas anderes lesen soll, usw.

    die zwei paradigmatischen formate, die mit dem internet entbündelt und in die einzelnen bestandteile zerlegt wurden, sind natürlich zeitungen und LPs.

    bei LPs sind die effekte jedem musikliebhaber bekannt: das snacken nur an den ‘besten’ songs eines albums ermöglicht zwar viel mehr streuung, discovery und durchschnittlich eine viel höhere einzelintensität der gehörten tracks, aber es geht auch der persönliche bezug verloren, den man etwa in den kleinen aha momenten entwickelt, wenn ein song, den man bis dato völlig ignoriert hat, plötzlich der lieblingssong eines albums wird usw. (natürlich funktioniert das nur bei alben, die wirklich als solche bestimmt sind und denen das auch gelungen ist, aber guten musikern gelingt das oft). das vermeiden der durchschnittlichkeit und die erhöhte intensität der einzelstücke macht gleichzeitig den hörer selbst unzufriedener, weil er fortan immer auf der suche nach etwas besserem sein muss. die sehnsucht nach dieser bindung an etwas vorgegebenes erkennt man ja am comeback von vinyl.

    und bei zeitungen sind die effekte allen ausser den zeitungsmachern bekannt: ein davor wirklich großartiges papierbündel zerfällt zu einem losen haufen an artikeln, die fast alle durchschnittlich und nicht besser oder schlechter als die artikelhaufen aller anderen zeitungen sind und für den leser also eine einzige infoökonomische zumutung sind (für den übergang vom wertvollen bündel zum wertlosen haufen können die zeitungen nichts, ihre plötzliche wertlosigkeit war gwm. höhere gewalt; woran sie allerdings selbst schuld sind, ist, dass sie die situation und ihre position nicht verstehen, den kopf in den sand stecken und dort dann versuchen, ein liedchen zu pfeifen). die wirklich einmaligen artikel, die eine zeitung an einem tag erzeugt, die man also nicht gleichwertig überall sonst findet, dürften sich im einstelligen, bei wochenzeitungen vl. im zweistelligen bereich befinden und die muss man natürlich auch erstmal finden.

    aber interessanter als die krise der texte der zeitungen ist der umstand, dass dieses verhältnis jede art an text betrifft und sich früher oder später also direkt in den text selbst einschreibt. es hat eine zeit lang gedauert, bis wir das bemerken können, weil sich natürlich auch die produktions- und rezeptionsbedingungen anpassen müssen, durch die verstärkung dank social media wird die logik jedoch langsam sichtbar:

    damit durchschnittliche texte, die bisher ein perfekt feines dasein als füllstoff führen konnten, im haufen aller aufgelösten artikel aller einen funken wert behalten können, müssen sie jetzt auf irgendeine art auch isoliert und autonom funtionieren. und dafür gibts zwei primäre möglichkeiten: entweder sie stiften selbst ‘sinn’ für den leser, enthalten zumindest etwa eine nützliche information; oder sie erzeugen eine ‘erregung’, also das kompakte gefühl eines lols, oder wins, oder omgs, oder cutes, oder fails, oder wtfs.

    und woran erkennt man, ob ein text ‘sinn’ oder ‘erregung’ erzeugt? genau, er wird geshared. wenn ein text im web von niemandem geshared wurde, wurde er dann überhaupt geschrieben? der verbliebene wert von durchschnittlichen texten im zustand der entbündeltheit zeigt sich also in der sharebarkeit.

    das ding jetzt ist natürlich, dass sinn nicht nur viel schwerer zu produzieren ist, es erfordert auch viel mehr aufwand vom leser, ihn zu erkennen, und es ist auch viel riskanter ihn zu sharen. und dass erregungen andererseits nicht nur viel leichter erzeugt werden können als sinn, erregungen können auch viel schneller aufgeschnappt werden und erzeugen also auch viel eher anschlusskommunikation und selbstverstärkung in den sogenannten erregungswellen. ich habe oben die lols, wins, omgs, usw. als qualifizierer von erregungen nicht zufällig von buzzfeed zitiert – sie zeigen, wie präzise buzzfeed diese logik schon vor langem erkannt hat und deshalb nur noch genau diese art von texten produziert. buzzfeed ist eine maschine zur produktion und distribution der letzten durchschnittlichen texte, die noch verwertbar sind.

    die zeitungen, zumindest die qualitätszeitungen, haben nun natürlich das problem, dass sie in ihrem selbstverständnis die produzenten vom sinn sind und die produzenten von erregungen gwm. verachten müssen und sie sich dadurch quasi auf diese eine position festlegen; gleichzeitig produzieren sie natürlich in realität deutlich mehr (unsharebaren und austauschbaren) fülltext als sonstwas, erzeugen also viel weniger leistung, als sie es in ihrer selbstwahrnehmung glauben; nur müssen sie auch ihren kollegen von buzzfeed dabei zuschauen, wie die ganz ungeniert eine wissenschaft der verpönten sharebaren erregungen entwickeln können und ihnen die PIs, die aufmerksamkeit und die werbegelder und fast den ganzen kuchen wegknabbern.

    von dieser logik sind natürlich auch die blogs betroffen. auch die konnten in den ersten 10, 15 jahren gut mit durchschnittlichem fülltext leben, weil es mehrere kontexte gab, die den fülltext im ‘bündel’ rezipierbar machten. einerseits gab es (imaginierte) communities wie antville oder twoday, andererseits gab es feedreader wie den google reader oder netvibes, die die abos der feeds zu einer personalisierten superzeitung rekontextualisierten. im aufgelösten zustand haben blogs aber das gleiche problem wie die zeitungen: die durschnittlichen posts, wenn wir ehrlich sind also fast alles was wir produzieren, sind im haufen aller posts aller völlig wertlos. im grunde gibt’s dann nur 2 strategien: man produziert selbst shareables (socialismus), oder man erzeugt sich seinen eigenen kontext im eigenen gesamtwerk und tut so als wär das jetzt so (solipsismus). wem das eine zu blöd und das andere zu anstrengend ist, der hört dann halt auf zu bloggen und wechselt vielleicht zu einer plattform wie tumblr oder medium, wo man ein bisschen kontext von der plattform spendiert bekommt und gleichzeitig in die eine oder andere richtung ‘gelenkt’ wird (erregung bei tumblr, sinn bei medium).

    (überhaupt ist es natürlich nicht so, dass der durchschnittliche text seine funktion für immer verloren hat. ich habe das nur nicht betont, weil ich sonst jeden punkt relativieren hätte müssen, und dann aber auch die relativerungen relativieren hätte müssen, weil sie auf tektonischer ebene trotzdem wieder egal wären, es hätte alles jedenfalls unnötig verkompliziert. aber die entbündelung hat nicht nur opfer, sondern erzeugt naturgemäß auch einen neuen möglichkeitsraum für tools, plattformen, communities (fast alle funktionierenden tun das letztendlich) etc. dafür, eigene, neue kontexte für text zu erzeugen, innerhalb derer dann auch die durchschnittlichen texte wieder einen platz bekommen können, ohne dass diese sich selbst beweisen müssen. wie fast immer kann man sich einfach anschauen, was funktionert.)

    nur am rande beobachtet ist doch lustig, dass wir gerade mit der krise der durchschnittlichkeit den von den poststrukturalisten vor 50 jahren diagnostizierten verlust der autorschaft konkretisiert bekommen. nur, wie so oft, kommt es anders als damals gedacht: die neuen kleinformate transzendieren nicht nur den autor, sie schreiben sich wörtlich genommen tatsächlich selbst und brauchen die readaktionellen prozesse inklusive aller beteiligten menschen und software nur noch als organisatorische struktur. moderne redakteure tun ja im grunde nichts anderes als texten eine erste form zu geben und diese dann solange anzupassen, bis die roten lämpchen, die auf schlecht formulierte überschriften, hohe absprungraten nach dem ersten satz, falsche keywords, geringes sharementum, etc. hinweisen, nicht mehr rot blinken und der text also seine objektive form gefunden hat. paradoxerweise sind es deshalb ausgerechnet die roboterjournalisten, die den ethischen anspruch auf autorschaft am reinsten repräsentieren.


    Favicon, Index and Symbol

    04.05.2015

    Der zweite Megatrend 2015 sind ganz eindeutig diese schwarz-weiß gehaltenen Favicons von Publikationen – man kann ja fast schon sagen, dass jeder, der was von sich hält, ein schwarz-weißes Favicon verwendet.

    faz – faz.net
    nytimes – nytimes.com
    nzz – nzz.ch
    sz – sueddeutsche.de
    tagesanzeiger – tagesanzeiger.ch
    washingtonpost – washingtonpost.com

    medium – medium.com
    qz – qz.com
    vice – vice.com
    wired – wired.com

    (lustig ist, dass das nicht nur die alteingesessenen zeitungen, sondern auch einige der ‘neueren’ medien als badge of honor and trust verwenden; und gnade uns das grosse squirrel, falls auch buzzfeed mal auf s/w umstellt)


    This Must Be the Place

    03.05.2015

    kleines Update zu Stop Making Sense und True Stories – die den damals schon keimenden Zynismus von Springer bei der Vorbereitung vom Leistungsschutzrecht erahnten:

    Das Ziel von Springer und Co ist aber nicht die Beute, sondern das Überprüfen des Überwachungssystems. Es geht ihnen nicht um ein Leistungsschutzrecht, es geht ihnen um die Überprüfung und Bewertung der aktuellen Fähigkeit des Systems ‘Netzgemeinde’ inkl. der Piratenpartei, mit einer solchen, sinnlosen Irritation umzugehen. Man muss Springer ein gewisses Maß an Chuzpe zugestehen: Gerade die völlige Idiotie des Leistungschutzrechts ist für dieses Experiment tatsächlich genial, weil in Abwesenheit von Sinn die Machtverhältnisse messbar werden. Grandios.

    Stop Making Sense

    wie schon bei stop making sense ist diese diese sinnlosigkeit des verlusts der glaubwürdigkeit nicht die frage, sondern die antwort. wer hat am wenigsten von einem verlust einer glaubwürdigkeit zu verlieren, weil er keine hat und ohnehin postglaubwürdig publiziert? genau, springer mit der bild. zu verlieren haben aber alle anderen, die faz und die süddeutsche und die zeit und wie sie alle heissen, die zumindest noch so tun als ob sie wollen. und wie bei stop making sense erweist sich springer auch in diesem szenario als fast schon unheimlich genialer stratege.

    True Stories

    (nts: mich öfter selbst zitieren)

    Mit dem Anheuern vom Piraten Schmidtlepp als Sprecher für das Leistungsschutzrecht ist ihnen ein neuer strategischer Geniestreich gelungen. Mit dem minimalen Aufwand einer Planstelle zeigen sie nicht nur der Netzgemeinde und der Piratenpartei (und dem gesamten politischen Prozess, der aber so tun muss, als würde er es nicht sehen, weil ein sogenannter radikaler Gesinnungswandel grundsätzlich nicht thematisiert werden darf, wenn es übergeordnete Sachzwänge gibt, die ihn erfordern) die lange Nase. Sie saugen auch jede verbliebene Hoffnung auf kommunikativ aushandelbare sachliche Vernunft aus dem Diskurs. Über was soll man diskutieren, wenn der Andere ohnehin schon alle eigenen Argumente kennt und im Kern selbst auch vertritt, das ganze aber – da die pragmatisch/opportunistischen Rahmenbedingungen stimmen – jederzeit auch auf vertreterischer Ebene im exakten Gegenteil aufhebt? In der springer’schen Version der Dialektik zwischen These und Antithese entsteht eben keine Synthese, sondern eine sich über sich selbst aufregende Bündelung zu einem Hintergrundrauschen für arbiträre politische Forderungen, an deren Sinn und/oder Wirksamkeit im übrigen auch niemand, zumindest niemand von Springer, glaubt. Der spieltheoretische Sinn vom LSR war für Springer immer schon, die Netzgemeinde und die Politik und vor allem die anderen Verlage zu irritieren und mit sich selbst zu beschäftigen, um in der Zwischenzeit den eigenen Fortschritt im Digitalen auszubauen und sich dort die Pfründe zu sichern, solange sie noch billig sind und es die anderen noch nicht überrissen haben.

    Neu ist natürlich, dass sie diesen/ihren Modus also auch offenlegen und dokumentieren. Und da habe ich kein gutes Gefühl für das warum (es gibt eine nicht uninteressante begründbarkeit auf der ebene einer spekulativen ethischen vernunft, man denke an das ende von blade runner usw., aber da will ich mich nicht verspekulieren, als holtrop’sches voranschreiten funktioniert es auch).


    Papierkorb pt. 68

    27.03.2015

    (im grunde wird es wieder einmal zeit, sich an das bekannte beispiel von zizek zu erinnern, in dem er die implizite verlogenheit der antiautoritären erziehung thematisiert:

    der ‘autoritäre’ vater sagt einfach, dass das kind die grossmutter am wochenende besuchen geht, und das kind tut das murrend, kann sich dabei aber auch denken, was es will; der ‘postmoderne’ vater sagt, dass er sich von ganzem herzen wünschen würde, dass das kind die grossmutter am wochenende besucht, aber er will das kind auch nicht in seiner persönlichen entfaltung einschränken, es muss also natürlich nicht, sondern soll es nur tun, wenn es selbst wirklich will, auch wenn die grossmutter natürlich sonst alleine und traurig wäre usw. was wie eine freie wahl für das kind klingt ist in wirklichkeit natürlich nur eine noch viel stärkere verpflichtung, weil das kind nicht nur die grossmutter besuchen, sondern es auch noch wollen muss usw.

    die geschichte erinnert nämlich stark an das, was wir derzeit im verhältnis zwischen menschen und massenmedien beobachten könnten, nur sind die elemente ein bisschen anders angeordnet. das verhältnis war da ja lange so, dass die medien dem autoritären vater entsprochen haben, die ihren kindern ihr programm einfach vorgesetzt haben, und die kinder konnten problemlos damit leben, weil ohnehin niemand wirklich daran geglaubt hat.

    die ‘postmodernen’ medien hingegen sind dazu übergegangen, primär nur noch sich selbst zu thematisieren. ja, natürlich wollen wir über ereignisse angemessen berichten, aber wir müssen auch dazusagen, dass wir wirklichkeit natürlich ohnehin nie objektiv abbilden können, sondern dass wir selbst in unserem tun erst wirklichkeit erzeugen und dabei nicht nur mit menschlichen und prozessualen schwierigkeiten zu tun haben, sondern auch mit historisch kontingenten produktionsprozessen kämpfen müssen und in radikal übergeordnete makroökonomische abhängigkeiten (globaler wettbewerb, beschleunigung, soziales zeugs, volatilität der finanzmärkte) eingebunden sind, usw.

    lustigerweise ist der effekt davon nicht ein neurotisches kind, sondern eine art selbstneurotisierung der medien durch erzeugung einer art autoritären vaters in form eines medienkritischen überichs, das die medien mittlerweile fast in echtzeit und üblicherweise deutlich professioneller über jede ungenauigkeit, jede dummheit, jede übertreibung und jeden anderen inhaltlichen oder methodologischen fehler informiert und öffentlich dokumentiert)


    Eine Unter

    26.03.2015

    weil gerade links und rechts paywalls aus dem boden schießen:

    was zeitungen, glaub ich, noch nicht verstanden haben aber verstehen sollten, ist, dass sich ihr wert für den benutzer als ‘bündel’ nicht nur verändert, sondern sogar umgekehrt hat. was als papier nützlich war, wurde im web ein störfaktor.

    ihr wert im ‘analogen’ war, dass sie im monatlichen abo für $40 einen großteil des informationsbedürfnisses des lesers befriedigen konnten. leser mussten sich gwm. aus dem vorhandenen angebot aller zeitungen für eine zeitung entscheiden, und die ausdifferenzierung der zeitungen basierte darauf, für möglichst große oder zumindest gut definierte gruppen von lesern das attraktivste bündel zu schnüren.

    das lesen einer und nur einer zeitung war deshalb sinnvoll, weil der wert einer 2. zeitung bei verdopplung der kosten nur wenig zusätzlichen nutzen brachte. gleichzeitig wurde dadurch die eigenleistung der gewählten zeitung überbewertet, weil ihr eben auch das angerechnet wurde, was die baseline ohnehin aller zeitungen ist (dpa-meldungen, fernsehprogramm, usw.).

    ihr wert im ‘digitalen’ geht aber plötzlich gegen null, weil es keine distributionsbedingte notwendigkeit mehr gibt, sich auf eine zeitung zu beschränken. jeder artikel steht plötzlich neben allen anderen artikeln aller anderen nationalen und internationalen, grossen, kleinen und kleinsten publisher. im entbündelten stadium gibt es immer etwas besseres direkt daneben.

    das lesen einer einzigen zeitung ist also nicht nur nicht mehr sinnvoll, es verursacht für den leser sogar ganz reale kosten, nämlich die verpassten gelegenheiten in gewissen ressorts oder zu bestimmten themen oder für bestimmte funktionen was viel besseres zu lesen oder zu benutzen. noch schlimmer wenn man dafür auch noch geld bezahlt, weil menschen dazu tendieren, ihr investment wieder hereinzubekommen und die zeitung dann auch dann lesen, wenn sie sogar wissen, dass es da was anderes viel g’scheiteres dazu gäbe.

    aus dieser sicht täten zeitungen sehr gut daran, wenn sie ihre selbstwahrnehmung von der von den lesern verehrten prinzessin auf ‘eine unter’ umstellen würden, die prinzessin sind sie tatsächlich nur noch für sich selbst.

    die gute nachricht ist, dass sie diese ‘eine unter’ für viel, viel mehr leute sein können, und dass sie es auf viele verschiedene weisen sein könnten, was gänzlich neue möglichkeiten eröffnen kann, wenn man sich nicht auf die ehemalige rolle als prinzessin kapriziert.

    (minianmerkung zum pricing von paywalls: aus oben genannten gründen sind modelle für ‘full digital access’ für 25$ oder mehr völlig kontraproduktiv, selbst wenn sich einige finden, die es bezahlen. das werden primär ehemalige abonnenten der papierversion sein, die sich freiwillig selbst beschränken wollen oder die möglichkeiten noch nicht kennen oder können. der preis wird ansonsten aber allen anderen, auch den echten sympathisanten, schwer zu verkaufen sein, weil sich die frage aufdrängt, warum gerade für dieses und nicht für das oder für das dort oder für das dort drüben und überhaupt, die ja auch gute arbeit leisten. und für alle bezahlen geht halt auch nicht, das allokierte budget wird für bits kaum viel grösser sein als für papier. auf den selbstempfundenen wert und den hineingesteckte aufwand sollte man da nicht beharren, weil der grenznutzen aus lesersicht wie oben beschrieben eben fast null ist. techdirt’s cwf+rtb ist auch für zeitungen noch immer das einzige schlüssig klingende modell, wobei diese bei ihrem rtb vor allem auch auf eine ‘erzählung’ setzen müssen, wenn sie nur auf der ebene der inhalte bleiben wollen und ihre prozesse und produkte lieber nicht aufbohren)


    Minimal Models pt. 1 (The Media Edition)

    16.11.2014

    stellen wir uns einmal eine welt vor, in der es zur elektronischen publikation/kommunikation nur ein medium gibt: jeder der will kann schreiben was und wie er will. nennen wir es blogs.

    alle, die etwas publizieren wollen, benutzen blogs für ihr gesamtes ausdrucksbedürfnis, was sollten sie auch sonst tun. es wird sich ein bestimmter infoökonomischer raum an bloggern und lesern ausbilden und sich auf einem gewissen aktivitätsniveau mit einer gewissen verteilung von ‘jobs’ einpendeln.

    stellen wir uns vor, dass dann ein zweites medium hinzukommt, das zwei unterscheidungen einführt: einerseits wird die länge der texte auf 140 zeichen begrenzt, andererseits werden die teilnehmer sozialisiert/vernetzt. nennen wir es twitter.

    was wird passieren?

    • leute werden neue kommunikative ‘jobs’ entdecken, die mit dem neuen, kleinen medium plötzlich sinnvoll werden (nicht, weil sie davor grundsätzlich unmöglich waren, aber weil sie davor ‘infoökonomisch’ gwm. zu teuer waren).
    • es wird eine umverteilung/migration der beteiligten geben: leute werden beginnen, twitter statt blogs für die neuen dinge zu verwenden, und für die dinge, für die twitter besser geeignet ist.
    • einige leute werden erstmals an der kommunikation teilnehmen, weil sie erstmals für sich sinnvolle jobs entdecken oder weil es für sie erstmals einfach genug ist oder schnell genug geht.
    • einige andere werden fortan blogs und twitter verwenden, einige weiterhin nur blogs, einige nur oder nur noch twitter.
    • die anzahl der teilnehmer wird insgesamt zunehmen.
    • die anzahl der kommunikationsereignisse wird in diesem fall wohl dramatisch zunehmen, einfach weil es von einfacherem und kleinerem üblicherweise mehr gibt (allerdings könnte das auch anders sein; hätten wir unsere welt mit twitter begonnen, würde sie wohl ebenso dramatisch abnehmen).
    • der marktanteil wird sich verschieben. (die bewertung davon ist jedoch eine schwierige sache, weil der marktanteil an den gesamten kommunikationsereignissen tatsächlich nichts über die nachhaltigkeit oder gesellschaftliche relevanz von medien aussagt.)

    als ergebnis entsteht irgendwann jedenfalls ein neues infoökonomisches milieu mit zwei ebenen der ausdifferenzierung: einerseits differenzieren sich die medien ‘gegeneinander’ aus; andererseits differenzieren sich innerhalb der einzelnen medien die kommunikationsereignisse der jeweiligen jobs aus. sowohl die medien selbst als auch die qualität und quantität der kommunikationsereignisse innerhalb der jeweiligen medien pendeln sich auf einem gewissen neuen aktivitätsniveau ein.

    these:

    mit jedem weiteren medium entstehen – immer der gleichen logik folgend – jeweils immer wieder neue milieus, die sich jeweils immer wieder einerseits bezüglich der medien untereinander und andererseits in jedem medium in sich selbst bezüglich der jobs und ereignisse ausdifferenzieren.

    (neue medien entstehen üblicherweise durch einführung von neuen unterscheidungen; neben der unterscheidung lang und asozial (blogs)/kurz und sozial (twitter) wie in unserer welt, gibt es viele andere wie öffentlich/privat, stationär/mobil, billig/teuer, E/U, autonom und selbstbetrieben/abhängig und in der cloud, permanent/peripher, frei flottierend/vernetzt, vom gemeinen volk/von spezialisten, und viele mehr. jede unterscheidung verdoppelt gwm. die anzahl der möglichen medien, wobei es aber auch clusterbildungen und nicht genutzte kombinationen gibt).

    was kann man nun schon aus diesem allereinfachsten modell lernen?

    • ein neues medium kann die anzahl der systemweiten ‘kommunikationsereignisse’ erhöhen (etwa weil es schneller oder kleiner oder billiger oder omnipräsent ist) oder aber auch reduzieren (etwa weil es dinge zusammenfasst oder überflüssig macht). in beiden fällen funktioniert die gesamtkommunikation danach idealerweise besser. die anzahl der kommunikationsereignisse selbst ist also eine völlig sinnlose metrik.
    • man kann und sollte mehrere medien gleichzeitig verwenden, idealerweise jeweils für den damit angemessenen job. das alte oder andere medium muss nicht sterben, damit das neue sinnvoll oder wertvoll wird. (das klingt offensichtlich aber viele fühlen sich leider nur wohl, wenn sie irgendwas ausstopfen und an die wand hängen können.)
    • es ist ganz grundsätzlich nicht schlecht oder beklagenswert, wenn ein altes medium ‘marktanteile’ an ein neues medium verliert. das ergebnis der anpassung ist ein kommunikatives gleichgewicht auf höherem niveau. es gibt ganz grundsätzlich nichts zu urteilen, sondern nur was zu beobachten. (don’t ask yourself if this is a good thing or a bad thing. ask yourself what’s going on)
    • der ‘marktanteil’ der verschiedenen medien ist auch nicht sinnvollerweise vergleichbar, weil sie völlig unterschiedliche funktionen mit unterschiedlicher wertigkeit entlang der achsen persönlich, sozial und system (siehe) erfüllen können. (ein beliebiger blogeintrag erzeugt eine woche später mehr diskursive anschlussfähigkeit als alle 50 milliarden whatsapp messages eines tages zusammen.)
    • es bringt nichts, die alten marktanteile im neuen milieu retten zu wollen oder künstlich zu pimpen. (das zu verstehen ist wirklich wichtig, wenn man ein betreiber vom alten medium ist, vor allem, wenn man die produktion – etwa von zeitungen – irgendwie ‘finanzieren’ muss. den eigenen realistischen anteil falsch einzuschätzen kann mitunter auch ein fataler fehler sein, weil der threshold zur erhaltung von aufgeblähten apparaten ja nicht kontinuierlich ist, sondern erst ab einem kritischen punkt einen dann aber plötzlichen sog nach unten erzeugt, der oft aber vermeidbar wäre. wir sehen das leider derzeit bei fast allen altmedien wie print aber auch etwa bei twitter inc.) viel wichtiger als der relative marktanteil sind die absoluten ereignisse.
    • die effekte und möglichkeiten des jeweiligen mediums sind keine ‘leistung’ des mediums oder der macher, sondern effekte, die durch die benutzung entstehen.
    • es gibt strukturell keine zeitlichkeit oder vorrecht des einen mediums über das andere; ist das neue medium einmal da, koexistiert es mit allen anderen medien gleichwertig. (der kleine vorteile vom historisch älteren medium ist, dass die leute erst wechseln/ihr verhalten adaptieren müssen. das endgültige gleichgewicht für eine bestimmte konstellation ist aber zeitlos.) zwar wird es im konkreten historischen verlauf gewisse wellen geben (überschätzung am anfang, hysterie bei beobachteter abnahme, etc.), früher oder später passt sich die kommunikation jedoch an, weil das kämpfen gegen die ineffizienzen zu teuer wird.
    • interessanterweise ist die möglichkeit der entstehung mancher medien selbst ‘historisch’. bestimmte medien sind nur sinnvoll, wenn sie sich etwa asymmetrisch gegen andere medien positionieren können. (sind sie aber erst einmal da, können sie gwm. nicht mehr ungeschehen gemacht werden.)
    • medien können durchaus auch obsolet werden und verschwinden. (allerdings sollten sie überleben können, solange es zumindest einen halbwegs populären ‘job’ gibt, für den sie das medium sind, das dafür am besten geeignet ist.)
    • gelegentlich können die verschiebungen und migrationen ob eines neuen mediums auch sehr schnell gehen und/oder sehr grosse auswirkungen haben.
    • es ist wirklich wichtig, nicht den fehler zu machen, die übergangsphase von einem zustand in den neuen als etwas anderes als eine anpassung ans neue gleichgewicht zu interpretieren. (das ist natürlich der fehler, den alle machen, die sich zahlen von twitter, facebook und whatsapp anschauen und dann aleatorisch extrapolieren um dann wasauchimmer und jedenfalls den tod von irgendwas zu prognostizieren.)
    • auch wenn medien wegen anderen medien üblicherweise ‘marktanteile’ verlieren, so wird doch gleichzeitig auch ihr eigenes profil geschärft. sie werden also besser, weil sie zunehmend für die jobs herangezogen werden, für die sie wirklich geeignet sind.

    nur zur sicherheit: das modell ist natürlich nicht realistisch; es basiert auf der sicher nicht erwartbaren annahme, dass alle teilnehmer über alle medien vollständig informiert sind und sich egoistisch rational verhalten; es nimmt auch einen frei fliessenden informationsmarkt an, während die reale situation in vielen fällen ein spieltheoretisches problem egoistischer anbieter ist. auch als medientheorie ist es supernaiv. aber für die entwicklung eines gefühls für die grösse des eigenen ballparks ist es tatsächlich nützlich, zumal sich die menschen in summe üblicherweise erstaunlich rational verhalten, oft viel rationaler, als es zb die macher der einzelnen angebote selbst können. (twitter zb macht entgegen vieler unkenrufe ja noch immer vieles richtig, ihre ganzen probleme haben sie sich eigentlich durch eine deutliche selbstüberschätzung eingehandelt und je länger sie das nicht verstehen, desto fragiler wird der ganze datentyp tweet, weil sie ihn mehr und mehr micromanagen und immer mehr einschränken, aber das ist eine andere geschichte.)

    (die gleiche logik kann man grundsätzlich natürlich auch in anderen feldern wie handel oder gadgets vermuten, zumindest als asymptotischer horizont. oft hilft wirklich schon, wenn man sich die lage für die zwei achsen offline/online und statisch/mobil durchdenkt.)


    Die Zeitgenossen der Gesellschaft Pt. 15: Die Stummfilm-Diva

    19.10.2014

    Die Stummfilm-Diva (m/w) ist ein gelegentlich gesehener Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er vor 30, 40 Jahren mal ein Star war, er sein Selbstbild seit damals aber nicht mehr angepasst hat und nun nur noch in einer Scheinwelt lebt, in der er immer noch der Star ist, während die Welt weitergezogen ist und etwa Farbe und Ton bekommen hat.

    Der Punkt, um den es mir dabei geht, ist das Divergieren von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, wobei die Selbstwahrnehmung oft durchaus verständlicherweise gleich bleibt, sich die Fremdwahrnehmung aber mitunter dramatisch verändert hat, weil sich die eigene Funktion für die Anderen dramatisch verändert hat, das jedoch nicht zur Kenntnis genommen wird. Und es geht dabei nicht um eine natürliche Evolution oder um unvermeidbare Kollateralschäden von einem ‘Fortschritt’, sondern um das Ignorieren von – oft natürlich technokulturell bedingten – Veränderungen und Verschiebungen der eigenen Position, was mittelfristig halt zu einer zunehmenden ‘Verrücktheit’ des eigenen Blickwinkels führt.

    Wie das oft ausgeht wissen wir aus Sunset Blvd.

    (die paradigmatischen stummfilm-diven sind derzeit natürlich die zeitungen und zeitschriften. immer, wenn man vom nächsten bezahlmodell hört, das sich irgendeine publikation ausgedacht hat, muss man sich ja kurz am kopf kratzen und sich fragen, wie sie sich auch nur ansatzweise denken können, dass das eine gute idee ist, oder wie sie sich auch nur irgendwie vorstellen können, dass das eigentlich funktionieren müsste. aber wenn man sie als stummfilm-diva konzipiert, wird das auf einmal schlüssig:

    vor dem internet war des selbstbild der verlage noch halbwegs mit dem fremdbild für ihre leser im einklang. nach dem internet haben die verlage von sich selbst noch immer das gleiche selbstbild, aber das fremdbild für die leser hat sich fundamental verändert, ebenso wie alle jobs, die sie für ihre leser noch erfüllen. dieser umstand wird von der verlagen aber mit doch bemerkenswerter sturheit übersehen und/oder verdrängt.

    wenn man so will: vor dem internet waren zeitungen für die zeitungsmacher und für die leser ein menü mit suppe, wienerschnitzel, salat und einem seidel bier. was anderes gab es im anderen gasthaus des dorfes auch nicht, und es war günstig und hat wirklich gut geschmeckt – es war also für alle ein guter deal. nach dem internet sind zeitungen für die zeitungsmacher selbst noch immer das gasthaus mit diesem köstlichen menü, für das leute aus der ganzen welt angereist kommen – aber für die leser haben sich die einzelnen gerichte der speisekarte schon vor jahren aufgelöst und mit allen anderen gerichten aller anderen gasthäuser zu einem einzigen, überall und immer verfügbaren, megalomanischen all-you-can-eat buffet mit köstlichkeiten aus der ganzen welt rekombiniert. der leser sieht die gasthäuser der zeitungen überhaupt nicht mehr; wenn der gurkensalat wirklich gut war, dann schlägt man vl. mit besonderer freude zu, wenn man im buffet darüber stolpert, und wenn das wienerschnitzel wirklich besonders zart und knusprig war, dann merkt man sich vl. sogar den ort, aber wenn nicht auch kein problem. wie gesagt: selbstbild der verlage und fremdbild für die leser stimmen nicht mehr überein, weil sich für die leser die funktion, der wert und die relativen vorteile der zeitungen komplett verändert haben.

    es ist nicht gänzlich unverständlich, dass die verlage den umstand, dass sich die umwelt verändert hat und sie für alle anderen plötzlich eine andere funktion erfüllen, einfach verdrängen. ihre internen prozesse zur erstellung von texten haben sich ja vglw. wenig verändert, der aufwand zur erstellung von ‘aufwändig recherchierten’ artikeln wurde nicht viel kleiner, die grossartigkeit des geschmacks oder der urteilskraft des redakteurs nicht schwächer, es gibt noch immer viel vom gleichen zu tun. der gedanke, dass sie für die leser nicht mehr der informationsnabel der welt sind, kommt ihnen ganz einfach gar nicht, und deshalb haben sie ihren eigenen anspruch überhaupt nie reflektiert oder überdacht und also auch nicht angepasst.

    das problem ist halt, dass in der realität das selbstbild mit dem fremdbild konfrontiert wird, und dass ein zu stark divergierendes selbstbild zu aktivitäten führt, die einfach nicht mehr angenommen werden oder anschlussfähig sind. sich im all-you-can-eat buffet hinzustellen und für den gurkensalat eine zusätzliche wöchentliche pauschale zu verlangen und die wienerschnitzel à la carte zu verkaufen wird selten funktionieren, auch wenn das vl. ungerecht ist, weil sie sich beim kochen wirlich sehr bemüht haben und sie wirklich gut schmecken. es nützt halt nichts.

    solange sie aber nicht den blickwinkel wechseln und ihre funktion einmal von aussen wahrnehmen, werden sie zu keinen massnahmen kommen, die tatsächlich funktionieren könnten. sie brauchen also einen realitätscheck, sie müssten wirklich einmal in einen spiegel schauen und das ist natürlich nicht leicht und wird mit jedem jahr schwerer)

    ((nur ein hint: auch vor dem internet haben die leser nie für den eigentlichen ‘journalismus’ bezahlt und das wussten die zeitungen auch selbst, es war aber gwm. notwendig so zu tun als ob es so wäre; dafür nach dem internet geld zu verlangen ist also völlig aussichtslos. aber sie waren doch aus anderen gründen ein wirklich attraktives produkt und haben eine ganze reihe an anderen jobs erfüllt; ihre überlegungen für die gegenwart und zukunft sollten also eher in die richtung gehen, welche davon noch immer funktionieren könnten und welche neuen sie vl. erfüllen könnten. ein guter startpunkt ist dabei übrigens immer cwf+rtb. das problem dabei ist, dass das eine gewisse ehrlichkeit, bescheidenheit und realismus erfordert, keine eigenschaften mit denen sie sich als stummfilm-diva bisher ausgezeichnet haben. aber wieder: es nützt halt nichts))

    (abt. supermarket studies)


    Listen Up

    03.03.2013

    nur ein gedanke zum lsr: der entscheidende fehler, den die verlage beim durchdrücken des lsr gemacht haben, ist, dass sie nicht zugehört haben.

    hätten sie zugehört, dann hätten sie eine relativ klare botschaft gehört: wir wollen das nicht.

    für alle, die die botschaft wieder und wieder kommuniziert haben, war dieses nichthören ein ding der unvorstellbarkeit – deshalb auch die verwunderung und der schock über die beratungsresistenz. die falsche annahme dabei aber war, dass es sich für die verlage um kommunikatives handeln innerhalb der parameter gesellschaftlicher vernunft handelt. für die verlage ging es aber immer nur um die manipulation der von ihnen selektierten umweltbeziehungen unter dem regime der bis dato entwickelten funktionsmechanismen, besonders natürlich der symbiotischen ausdifferenzierung von macht zwischen medien und politik. und in der umwelt der verlage kommt das ‘soziale web’ (als summe der stimmen aller menschen auf sozialen medien) nicht oder bestenfalls als traffic generierender störfaktor vor.

    das einzige für verlage umweltrelevante system war das rechtssystem, der einzige für verlage insofern zu bearbeitende umweltagent waren also politiker, flankiert wurde das ganze mit dem auf die gerechtigkeitstränendrüse drückenden mantra ‘es darf nicht sein, dass sich andere auf kosten der arbeit der einen ganz ungefragt bereichern’, das sie so oft wiederholt haben, bis sie es selbst geglaubt haben. (man braucht sich nur die art und den habitus der vertreter anschauen, die sie in die verhandlungen und diskussionsrunden geschickt haben.)

    was sie dabei aber übersehen haben ist, wie sehr sich ihre eigenschaft als umwelt für andere systeme verändert hat, seit sie das letzte mal genauer hingeschaut haben. und wie sehr sich damit der wertvorschlag ihrer eigenen existenzbedingung verändert hat, der ausschliesslich darin besteht, von anderen systemen als wertvolle umwelt wahrgenommen zu werden. und welche möglichkeiten die von ihnen ausgeschlossene umwelten gefunden haben, jeweils füreinander umwelt zu sein, ohne die massenmedien als vermittler zu benötigen, und sich also zu koordinieren und die medien zunehmend als kontingent zu thematisieren. usw. wie sehr sich jedenfalls die umwelt verändert hat, ohne dass sie die notwendigkeit einer adaptiven eigenleistung auch nur in betracht ziehen.

    unterm strich jedenfalls: hätten sie hingehört, hätten sie uns einiges, von dem was kommt, erspart. und hätten sie auch zugehört, hätten sie sich selbst einiges, von dem was für sie kommt, erspart.


    Leftovers 2012 (Hillbilly Edition)

    20.01.2013

    auch nicht wirklich weitergekommen sind 2012 jedenfalls die deutschen massenmedien/zeitungen mit ihrer disposition gegenüber dem web.

    (es wurde zwar in den letzten 2, 3 jahren ein bisschen besser, sprich: die absoluten pflichtübungen (ein twitter account, ein paar hausblogs, kommentare auch am wochenende, eine ipad app, vl. ein bissl datenjournalismus, vl. sogar mal ein hangout auf google+, …) werden mittlerweile von fast allen gemacht, die ganz ganz blöden artikel sind eig. auch schon fast verschwunden, im letzten jahr wurde sogar auf twitter (sic) beschlossen, dass man sich ja auch gegenseitig verlinken könnte, usw. aber man spürt doch deutlich, dass alle zusammen in jeder faser ihres seins das web als einen zu bekämpfenden eindringling empfinden, für den es antikörper auszubilden gilt, und nicht als vor den eigenen augen aufgehenden möglichkeitsraum, in dem man sich auf ganz anderem niveau neu erfinden könnte – was natürlich auch eine option gewesen wäre. konkret etwa: rücksichtsloses leistungsschutzrecht mit unabsehbaren externen kosten statt neugier und erforschung.

    das ist natürlich eh klar und nix neues, allein es war zumindest mir nicht klar, warum. und beim warum vor allem die frage, warum gerade die deutschen qualitätszeitungen, denen ja ansonsten durchaus und noch immer ein weltniveau zugeschrieben werden kann, bei ihrer beschreibung des entstehenden webs so daneben war und noch immer ist, während die kollegen bei der nyt, der washington post, des guardians diese macke nicht oder in deutlich kleinerem ausmaß hatten.

    beim retro egoing bin ich dann aber über plastilin aus dem jahr 2006 gestolpert und retrospektiv bekommt dieser kleine text eine neue bedeutung, die dann zumindest eine erklärung mit gewisser plausibilität ermöglicht:

    Web 2.0 ist ein plastischer Begriff. Die Bedeutung ist nicht festgelegt oder fixiert, sondern muss gewissermassen von jedem für sich selbst erarbeitet werden. Es gibt keine ultimative Referenz oder Definition. Die Aussagekraft des Begriffes hängt deshalb also von der Arbeit ab, die man selbst hineinsteckt. Wer es sich leicht macht (wie etwa ein Großteil der Massenmedien, wo ein Journalist mal schnell irgendwas zusammengesampelt hat und die anderen die immer gleichen Ressentiments, Vorurteile und 5 Paradebeispiele von Firmen dann abgeschrieben und weitergetragen haben), der agiert dann mit einem einfachen, aber eben auch undifferenzierten Begriff, der dann halt tatsächlich auch wenig bzw. nichts bringt.

    Das bedeutet nicht, dass man Web 2.0 beliebig definieren kann – zumindest wenn man mit anderen kommunizieren will. Web 2.0 entsteht sicherlich irgendwo als Beschreibung der Ensembles von neuen Möglichkeiten, die die zunehmende Ausdifferenzierung der beteiligten Systeme (Mensch und Maschine, Soziologie und Ökonomie, …) und deren Zusammenspiel, zunehmende Interpenetration und Koppelungen, etc. ermöglichen. Je nach Interesse machen dabei unterschiedliche Beobachtungspostionen Sinn, man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass es immer auch andere gibt. Wer Tomaten auf den Augen hat und glaubt, da sei überhaupt nichts ausser einem Buzzword oder Hype, dem kann man auch nicht helfen.

    ^ plastilin

    (nts: mich öfter selbst zitieren)

    in den deutschen medien gab es aber von anfang an nur eine retrospektiv fast schon als debil zu bezeichnende differenziertheit der begrifflichkeiten rund um das web, die sie in der folge bis heute nicht wirklich verfeinert haben. das web war ein einziger container, in den dann einfach alles geworfen wurde bzw. eben in ermangelung genauerer begriffe geworfen werden musste, was nur irgendwie im web stattgefunden hat. nur als beispiel: der begriff internetcommunity oder die differenz internetbefürworter/-kritiker sind beides völlig sinnlose abstraktionen, die nicht nur nichts erklären, sondern die sogar falsches suggerieren. es gibt keine internetcommunity, es gibt nur x-millionen konkrete individuen mit je spezifischen und wiederum konkreten situationen, motivationen und hoffnungen, die einen zugang zum internet haben und damit ihr leben (ihr eigenes, das ihrer freunde, das der gesellschaft) ergänzen und hoffentlich bereichern oder auch nicht.

    gepaart mit diesen wenigen, viel zu grossen und oft falsch gewählten containern oder begrifflichen schachteln war eine vorzeitige und durchaus als ignorant zu bezeichnende festlegung auf einen x-beliebigen anwendungsfall mit einem y-beliebigen bewertungskriterium. blogs wurden als internettagebücher abgetan (das ist auch die erklärung 2013) und ausschliesslich in ihrem wert als alternativer journalismus bewertet, dabei sind blogs ganz einfach aber auch nicht weniger als die summe aller realisierten möglichkeiten1 vom format blog. und wasauchimmer das sein mag, es ist zumindest der möglichkeitsraum, der entsteht, wenn jeder mensch, der will, öffentlich publizieren kann, was er will, ohne davor irgendwelche prozesse durchlaufen oder redaktionelle filter passieren zu müssen, wasauchimmer das dann bedeutet (wie immer: alles innerhalb der filigranen prozesse einer vernetzten ökonomie der produktion, rezeption und distribution, die halt auch nicht immer so ablaufen, wie man sich das wünschen würde). twitter wiederum wurde die längste zeit als narzisstisches miniinternettagebuch (was ich gerade esse) abgetan (und wen interessiert das?), während auch twitter natürlich nichts weniger als die summe aller realisierten möglichkeiten vom format ‘vernetzt sozialisierte 140 zeichen’ ist, wasauchimmer das wieder sein mag, mitunter ist es jedenfalls auch ein infoökonomischer durchlauferhitzer für alles, was eine URL hat, weil man die ja (gerne auch annotiert) twittern kann, ein sozialer sechster sinn und vieles mehr.

    es bleibt natürlich die frage zu beantworten, wie und warum sie – entgegen allen empirischen offensichtlichkeiten und trotz von anderen kulturkreisen durchgekauten diskursserien, an denen man sich orientieren könnte – in der folge doch erstaunlich undifferenziert und lernunfähig geblieben sind bzw. bleiben konnten. es ist ja nicht so, dass man die wichtigsten aussagen nicht einfach nachlesen könnte. es reicht ja schon kelly und techdirt und vl. noch shirky zu lesen und man hat zumindest pareto-mässig das wichtigste auf dem radar.

    eine mögliche und durchaus wahrscheinliche antwort findet sich in einem der lieblingsthemen der zeitungen: der filter bubble. übersehen haben sie bei ihrem abfeiern der bubble jedoch, in welchem noch viel grösserem umfang das auf sie selbst zutrifft. journalisten lesen – zumindest wenn es um das thema web geht, in anderen feldern schaut das hoffentlich anders aus – tatsächlich nur andere journalisten, und dann vl. noch einige wenige andere mögliche quellen, wenn sie sich auf die irgendwie als ‘experten’ beziehen können. aufwandstechnisch ist das sinnvoll: man erspart sich das denken oder ausprobieren (ausprobieren ist überhaupt eine sehr unterschätzte technik, dabei ginge das besonders im web oft recht einfach; nachdenken eigentlich auch), die verifikation der aussagen wird einfach zum experten oder eben anderen journalisten ausgelagert, passt! das problem dabei: man schottet sich von sämtlichen inputs von aussen ab und alle lesen, schreiben und glauben das gleiche und das wie gesagt auf niedrigstem niveau. (man sieht das ja auch am nennen der quellen. wenn überhaupt jemals auf die idee eines blogs zurückgegriffen oder ein thema aus der blogosphäre aufgegriffen wird, dann wird das entweder überhaupt verschwiegen, oder es wird ein ominöser, vl. bekannter ‘blogger’ ansonsten nicht weiter benannt und üblicherweise ohne link referiert. ausgeborgte fotos oder videos werden mit quelle: flickr oder quelle: youtube aber nie namentlich attribuiert geschweige denn konkret verlinkt, usw.)

    auch hier versteht man zumindest das motiv: ihre macht besteht in der entscheidung etwas zu benennen oder zu verschweigen, und sie sichern sich selbst primär dadurch ab, eben alles andere zu verschweigen und nicht in die welt zu schreiben (und dadurch gar als wesen auf gleicher augenhöhe zu betrachten). was sie dabei aber übersehen, ist, dass sie sich selbst dadurch über die hintertür ein viel grösseres problem einhandeln, weil sie auch das gute nicht hineinlassen und also nur in ihrem eigenen sud dahinkochen (leider sind sie kein gulasch). das geht in deutschland, weil sie keinen grossen wettbewerbsnachteil haben, weil die anderen auch nichts anderes machen, aber im internationalen vergleich verlieren sie natürlich zunehmend den anschluss – was übrigens auch für den wirtschaftsstandort deutschland ein problem wird, zumal sich die deutschen politiker ausschliesslich an den deutschen medien orientieren und überhaupt nicht ahnen, wie sehr deutschland in sachen internet schon hinterherhinkt und wie lächerlich sich deutschland mit themen wie leistungsschutzrecht, gema, verpixelung, etc. international macht und wie sehr das dem über jahrzehnte durchaus zurecht aufgebauten image als innovativ, fortschrittlich und technologiefreundlich schadet. der schaden ist, nur so dahingesagt, wohl dutzende oder auch hunderte male grösser, als alles, was ein etwaiges lsr jemals von google abzwicken können wird, weil ich mir auch als eric schmidt oder marc zuckerberg oder beliebiger anderer ceo eines techunternehmens denken würde, was sind denn das für hinterwäldler, usw., aber das ist wirklich ein anderes thema.

    bleibt die frage, ja gut, gähn, aber warum jetzt diese plattitüde und/oder tirade? eigentlich nur deshalb, weil es doch ein schönes beispiel für den wert einer erbsenzählerisch/analen kritik an (aber eben auch ein plädoyer für die entwicklung von) begrifflichkeiten ist, die uns dann doch mit dem web gesteigert entweder zum nutzen kommen oder eben auch in den arsch beissen werden, weil sich dort fast alles auf der ebene des symbolisch vermittelten imaginären abspielt – die begriffe wirken sich dann auch ganz real aus. und weil es eben auch ein schönes beispiel für eine art ethik der begriffe ist, die die richtung der feedbackloops quasi eingebaut hat, nur ist das noch nicht bei allen angekommen. und weil es aber auch bedeutet, dass man sich nicht nur die ‘bösen’ sondern auch die ‘guten’ begriffe etwas genauer anschaut und dekonstruiert, weil uns gut gemeinte aber ungenaue ‘gute’ begriffe (offenheit, …) ebenso wenig weiterbringen.

    1 es gibt bei dingen natürlich immer: (1) einen grundsätzlichen allgemeinen möglichkeitsraum, den tautologischen raum aller möglichen möglichkeiten, (2) als subset davon das zu einem gegebenem zeitpunkt realiserbare latente potential, (3) als subset davon die zu einem gegebenem zeitpunkt konkret stattfindenden und also empirisch wahrnehmbaren realisierungen dieses potantials; nicht alles was möglich wäre wird realisiert, und (4) die geschichte und geschichtliche ausdifferenzierung dieser verläufe aka das dispositiv, das wiederum auf (2) und (3) einwirkt. ich verkürze das hier auf (3).

    (abt. supermarket studies)


    True Stories

    02.12.2012

    kl. nachtrag zu stop making sense : marcels das ist quatsch hat mich zum nachdenken gebracht, und es gibt vl. noch eine andere erklärung, die bei unterstellter rationalität der beteiligten möglich ist:

    die zu beantwortende frage ist ja, warum sich politik und medien für vglw. wenig zu gewinnendes – wenn man die kosten für damit verpasste gelegenheiten mitrechnet sicherlich ein totalschaden – auf einen kampf einlassen, mit dem sie sich nicht nur unnötigerweise einen (wachsenden) gegner schaffen, sondern in dem sie dann tatsächlich leichtfertig eines der wichtigsten dinge überhaupt aufs spiel setzen: ihre glaubwürdigkeit und das in sie setzbare vertrauen.

    (ich lasse hier den komplex politik aussen vor, nur soviel: dort ist es wohl eher business as usual, insgesamt ist noch nicht angekommen, dass sich die beobachtungsverhältnisse verändert haben. wir sehen ja, die piraten waren nur ein strohfeuer, carry on)

    Ich bin gerade ernsthaft am Überlegen, mein FAZ Abo zu kündigen.

    ^ der immer eher besonnene carsten pötter

    aber die qualitätsmedien spielen mit ihrer glaubwürdigkeit und damit mit ihrem leben russisches roulette. die wissenschaftliche dokumentation dazu liefert natürlich stefan niggemeier, und man kommt aus dem staunen nicht heraus, siehe oder usw., unterm strich tun sie aber eines: sie tun dokumentierbar und vor aller augen genau das gegenteil von dem, was sie als eigene hauptleisung und existenzberechtigung proklamieren. und wie gesagt aber es ist einfach so skurril: alles völlig freiwillig und für nichts.

    wie schon bei stop making sense ist diese diese sinnlosigkeit des verlusts der glaubwürdigkeit nicht die frage, sondern die antwort. wer hat am wenigsten von einem verlust einer glaubwürdigkeit zu verlieren, weil er keine hat und ohnehin postglaubwürdig publiziert? genau, springer mit der bild. zu verlieren haben aber alle anderen, die faz und die süddeutsche und die zeit und wie sie alle heissen, die zumindest noch so tun als ob sie wollen. und wie bei stop making sense erweist sich springer auch in diesem szenario als fast schon unheimlich genialer stratege.


    Short Cuts Pt. 2 (Worthless Edition)

    15.12.2009

    Über den (vor allem) Unsinn Rupert Murdochs Plan, seine Properties vor Google zu verstecken, wurde schon genug geschrieben, einen Punkt möchte ich aber dennoch erwähnen:

    Zitat aus dem Telegraph

    “The traffic which comes in from Google brings a consumer who more often than not read one article and then leaves the site. That is the least valuable of traffic to us… the economic impact [of not having content indexed by Google] is not as great as you might think. You can survive without it.”

    Das mag so stimmen, die haben sicher gemessen usw., was er dabei aber völlig übersieht, ist, dass Kunden, die für einen selbst wertlos sind, für die Konkurrenz durchaus wertvoll sein können. Jeder nicht-Klick auf ein Angebot bei News Corp bedeutet per definionem einen Klick auf ein anderes Angebot.

    Massenmedien haben im Web einen immensen Startvorteil. Sie nehmen ihre Reputation von aussen mit und können sie idealerweise ausbauen. Neue Anbieter beginnen bei Null, sie müssen sich ihre gesamte Reputation erarbeiten.

    Paywalls führen einerseits zu einem sukzessiven Verlust der eigenen Reputation (ich würds mir anschauen, aber zahlen tu ich dafür nichts also schau ich mich woanders um) und zu einem Aufbau der Reputation anderer.

    Was er auch nicht sieht, sind nicht direkt messbare Effekte. Einer der kommt und wieder geht, verschickt vl. die URL an Freunde, bloggt darüber, twittert darüber uswusf. Nicht-Sharebarkeit macht das Angebot auch für bezahlende User wertloser, weil sie es eben nicht sharen können.

    (nicht unsympathisch ist übrigens das interview von zeit-geschäftsführer christian röpke mit meedia. er sucht zwar das heil in der preisstabilisierung von ads und nicht etwa in besseren sds, besseren formaten, aber er wirkt nicht unrefletkiert)

    thema: paywalls Paywalls führen einerseits zu einem sukzessiven Verlust der eigenen Reputation und zu einem Aufbau der Reputation anderer.


    Weiter weiter

    06.09.2009

    Einer der falschen Grundannahmen ist, Entwicklung automatisch als Progression zu verstehen. Zuerst war Radio, TV und Printjournalismus, dann kamen Podcasts, Vidcasts und Blogs, dann kamen Tumblr, Microblogging und Lifestreaming, dann kam das mobile Realtime Web. Die jeweils letzte Form ist grösser, besser, weiter und löst das bisherige ab.

    (in der frühphase ist das phylogenetisch zu verstehen; manchmal braucht es einen psychohygienischen reflex der abgrenzung und selbstwahrnehmung als in-crowd, wenn die anderen medienformen sich dumm stellen und über einen lachen; das macht diese selbstwahrnehmung aber nicht treffender oder schlauer)

    Passender wäre zu versuchen, die verschiedenen Ausdrucksformen im jeweiligen Milieu zu verstehen und die Milieuverschiebungen zu beschreiben. Was sind ihre Produktionsbedingungen, was ihre Vernetzungsdynamiken, was ihre Rezeptionsbedingungen, wo haben sie Stärken, für was sind sie eher weniger gut geeignet. Die Ausdifferenzierung erledigt den Rest.

    Formen werden seltenst völlig abgelöst. Die Zeitung und der Roman haben auch im Zeitalter von Twitter und dem Handyroman noch ihren Wert, einfach weil sie ein bestimmtes Problem gut lösen. Was sich allerdings verändert, sind die relativen Wettberwerbsvorteile gegenüber den anderen Medien.

    Beispiel Blogs: eine der grossen Stärken ist die Anschlusskommunikation. Auch wenn es Feuilletonisten lieber anders sehen, besser als Gedichte schreiben oder Seminararbeiten zu verfassen oder die Demokratie zu verteidigen sind Blogs geeignet, um Themen aufzugreifen und mehr oder weniger annotiert zu diffusieren. Blogs als kommentierendes Nervensystem der News. Doch ein Ding hat sich als wesentlich effektiver für die Verbreitung von News herausgestellt: Twitter. Und auch Dienste wie Tumblr oder Posterous sind besser fürs einfache Sharen geeignet. Für die Entwicklung von Blogs ist das vielleicht gar nicht das Schlechteste, vieles macht unter den Bedingungen von Twitter und Co keinen Sinn, es bleiben aber andere Qualitäten.

    (auch 2012 gelesen noch immer eine gute analyse)


    Das Bündel

    17.07.2009

    Andreas Göldi ist manchmal irgendwie echt ein Anti-Haque, dachte ich in meinem Ohrensessel, als ich Smart Bundling: Was die Medienkonzerne von Microsoft lernen können las.

    (nach einem crashkurs in preisdifferenzierung empfiehlt er medienkonzernen das schnüren von attraktiveren bündeln für ihre angebote; ich glaub zwar, dass das in einigen bereichen eine inkrementelle verbesserung der situation bewirken könnte, aber der ansatz an sich ist zum scheitern verurteilt, weil er sich gegen die logik des web sperrt. bündeln (die organisation aller prozesse die am ende eine zeitung, die man dann verkaufen kann, ausspucken etc.) ist ja genau die kernkompetenz der traditionellen medienkonzerne, die dann vom web untergraben wurde. das unbundling und dekonstruieren von allem in seine atomaren einzelteile mit anschliessendem, eigenen gesetzen folgenden rebundling und rekonstruieren in neue formationen und rekombinationen (memetracker, smart aggregators, usw.) ist genau die kraft, gegen die kein kontrollkraut gewachsen ist. ein ein bisschen smarteres bundlen bringt da nix, sie müssten sich eher überlegen, wie sie ihre produkte besser mit der funktionslogik des web verknüpfen. aber genau das erfordert eine moral/dna, die sie wie den beelzebub meiden, weil sie nicht mehr ausschliesslich auf sich und die sicherung ihrer interessen denken dürften. je mehr sie aber mauern, desto effizienter werden die antikörper in form von google, twitter und co.)

    (auch 2012 gelesen noch immer eine gute analyse)


    The 6th Sense

    08.05.2007

    Sind Zeitungen schon Gespenster, nur wissen sie es noch nicht?

    media-ocean sagt ja, die blogrolle zitiert ein obskures paid-content bzw. paper only Rettungsmodell für Zeitungen eines WSJ-Opinionisten, aber ganz sind sie sich dort wohl auch nicht einig, in A Reality Check for Newspapers (via) beschreibt ein anderer WSJ-Kolumnist recht schlüssig die Situation für Content-Produzenten bzw. Rechteinhaber unter Internetbedingungen, Zitat:

    Whether or not content creators like it, this is the age of fragmentation. In industry after industry, consumers are voting with their feet against old methods of packaging and distributing information. They want to pick and choose what’s of interest to them, without having to pay for or wade through what isn’t. That change, midwived by technology, has shaken or shattered content companies’ business models. It’s made everything they do more risky. And it’s stripped them of power they once enjoyed, forcing them to work with new companies and industries that somehow got to set the rules.

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    (eines der grundprobleme das zeitungen haben ist, dass sie sich im web nicht länger oligopolistisch einen kuchen aufteilen können, indem sie sich gegen die jeweils lokal vorhandenen anderen zeitungen positionieren (boulevard vs. bildungsbürgertum, rechts vs. links, alles eben noch gut genug), sondern dass sie sich gegen das gesamte weltweit vorhandene und frei zugängliche informationsangebot (nicht nur andere zeitungen) ausdifferenzieren müssen, und das ist nicht leicht, mit abgeschriebenen dpa/ap/reuters meldungen, faden kommentaren, fernsehprogramm und dem bild von einem busen ist das dann jedenfalls nicht mehr getan, andererseits kann ein tatsächlich erzeugter (informations/meinungs/kontextualisierungs/vollständigkeits/…-) wert ganz neue dynamiken und auch monetarisierungsmöglichkeiten (hier herrscht erstaunliche phantasielosigkeit, ads und classifieds) eröffnen. wert wird im internet ganz automatisch verstärkt, wenn es ihn gibt, wenn man es zulässt und wenn man sich mit den neuen katalysatoren (suchmaschinen, memetracker, aggregatoren, den lesern, den potentiell interessierten, …) arrangiert; gefahren gibt’s natürlich auch – u.a. powerlaw effekte, bei denen weniges überproportional verstärkt wird und der rest so dahindümpelt – aber wer die schoten dicht macht (paid content) ((dass das beim wsj funktioniert ist eher ein sonderfall, oft exklusiver und für geldentscheidungen relevanter content, eine zielgruppe die die abogebühr nicht kratzt)) oder den kopf in den sand steckt (es gibt kein problem nicht) schliesst sich selbst aus und muss auf die unfähigkeit der leserschaft hoffen, sich jemals webskills anzueignen.)

    (auch 2012 gelesen noch immer eine gute analyse)


    Readers Edition II

    06.06.2006

    und die Readers Edition [war http://www.readers-edition.de/] ging gestern live (und wurde ziemlich einhellig gut aufgenommen [war http://technorati.com/search/readers-edition.de])

    Ich hoffe, dass ich mich sehr irre, aber ich befürchte, dass der dahinterstehende Gedanke interessanter sein wird als das Ergebnis.

    Die traditionellen Massenmedien leiden ja vorwiegend deshalb unter einem psychologischen Knacks, weil sie merken, dass ihr Modell (Content generieren bzw. einkaufen, verpacken, Zugang kontrollieren bzw. verkaufen) unter den Bedingungen bei denen überall und von allen generiert wird, nicht auf eine, sondern auf hunderte Arten verpackt und umverpackt wird, der Datenfluss letztendlich völlig unregelmentiert ist aber sich via menschlicher Filter (Linkblogger), maschineller Filter (smart aggregators) und allen hybriden Filtern (etwa digg), usw. einfach nicht mehr bzw. immer weniger greift. Das spricht nicht gegen die Medien (eine gute Zeitung ist und bleibt was sehr schönes), sondern für die Hypereffizienzen der Ränder

    Die Readers Edition ist nun von der Struktur her eher noch zentralistisch (es wird für die RE geschrieben, es wird moderiert und redigiert, …) und outsourced lediglich die Erstellung der Inhalte.

    Mal so dahingesagt erbt die Readers Edition dadurch die Nachteile des einen Modells ohne die Vorteile des anderen Modells (rezeptionstechnisch: ein auf die eigenen Interessen und Lesegewohnheiten optimierter Inputstrom extrahiert aus hunderten Quellen, blabla; produktionstechnisch: ein positives Aufwand/Nutzen-Verhältnis wie etwa bei flickr (weil man die Photos halt hat) oder bei del.icio.us (weil man sich die Links merken und für sich selbst organisieren will) oder irgendwie auch bei der Wikipedia (weil man irgendwie für die Ewigkeit schriebt)) zu nutzen.

    (auch 2012 gelesen noch immer eine treffende analyse)