Eine weitere wirklich nützliche Unterscheidung ist ganz sicherlich die Unterscheidung: verbessert eine/meine Lösung für ein Problem die bestmögliche Lösung für das gleiche Problem, die mit Bleistift, Papier und/oder entsprechend angepasstem Verhalten möglich wäre?

Die Stummfilm-Diva (m/w) ist ein gelegentlich gesehener Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er vor 30, 40 Jahren mal ein Star war, er sein Selbstbild seit damals aber nicht mehr angepasst hat und nun nur noch in einer Scheinwelt lebt, in der er immer noch der Star ist, während die Welt weitergezogen ist und etwa Farbe und Ton bekommen hat.

Der Punkt, um den es mir dabei geht, ist das Divergieren von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, wobei die Selbstwahrnehmung oft durchaus verständlicherweise gleich bleibt, sich die Fremdwahrnehmung aber mitunter dramatisch verändert hat, weil sich die eigene Funktion für die Anderen dramatisch verändert hat, das jedoch nicht zur Kenntnis genommen wird. Und es geht dabei nicht um eine natürliche Evolution oder um unvermeidbare Kollateralschäden von einem ‘Fortschritt’, sondern um das Ignorieren von – oft natürlich technokulturell bedingten – Veränderungen und Verschiebungen der eigenen Position, was mittelfristig halt zu einer zunehmenden ‘Verrücktheit’ des eigenen Blickwinkels führt.

Wie das oft ausgeht wissen wir aus Sunset Blvd.

(die paradigmatischen stummfilm-diven sind derzeit natürlich die zeitungen und zeitschriften. immer, wenn man vom nächsten bezahlmodell hört, das sich irgendeine publikation ausgedacht hat, muss man sich ja kurz am kopf kratzen und sich fragen, wie sie sich auch nur ansatzweise denken können, dass das eine gute idee ist, oder wie sie sich auch nur irgendwie vorstellen können, dass das eigentlich funktionieren müsste. aber wenn man sie als stummfilm-diva konzipiert, wird das auf einmal schlüssig:

vor dem internet war des selbstbild der verlage noch halbwegs mit dem fremdbild für ihre leser im einklang. nach dem internet haben die verlage von sich selbst noch immer das gleiche selbstbild, aber das fremdbild für die leser hat sich fundamental verändert, ebenso wie alle jobs, die sie für ihre leser noch erfüllen. dieser umstand wird von der verlagen aber mit doch bemerkenswerter sturheit übersehen und/oder verdrängt.

wenn man so will: vor dem internet waren zeitungen für die zeitungsmacher und für die leser ein menü mit suppe, wienerschnitzel, salat und einem seidel bier. was anderes gab es im anderen gasthaus des dorfes auch nicht, und es war günstig und hat wirklich gut geschmeckt – es war also für alle ein guter deal. nach dem internet sind zeitungen für die zeitungsmacher selbst noch immer das gasthaus mit diesem köstlichen menü, für das leute aus der ganzen welt angereist kommen – aber für die leser haben sich die einzelnen gerichte der speisekarte schon vor jahren aufgelöst und mit allen anderen gerichten aller anderen gasthäuser zu einem einzigen, überall und immer verfügbaren, megalomanischen all-you-can-eat buffet mit köstlichkeiten aus der ganzen welt rekombiniert. der leser sieht die gasthäuser der zeitungen überhaupt nicht mehr; wenn der gurkensalat wirklich gut war, dann schlägt man vl. mit besonderer freude zu, wenn man im buffet darüber stolpert, und wenn das wienerschnitzel wirklich besonders zart und knusprig war, dann merkt man sich vl. sogar den ort, aber wenn nicht auch kein problem. wie gesagt: selbstbild der verlage und fremdbild für die leser stimmen nicht mehr überein, weil sich für die leser die funktion, der wert und die relativen vorteile der zeitungen komplett verändert haben.

es ist nicht gänzlich unverständlich, dass die verlage den umstand, dass sich die umwelt verändert hat und sie für alle anderen plötzlich eine andere funktion erfüllen, einfach verdrängen. ihre internen prozesse zur erstellung von texten haben sich ja vglw. wenig verändert, der aufwand zur erstellung von ‘aufwändig recherchierten’ artikeln wurde nicht viel kleiner, die grossartigkeit des geschmacks oder der urteilskraft des redakteurs nicht schwächer, es gibt noch immer viel vom gleichen zu tun. der gedanke, dass sie für die leser nicht mehr der informationsnabel der welt sind, kommt ihnen ganz einfach gar nicht, und deshalb haben sie ihren eigenen anspruch überhaupt nie reflektiert oder überdacht und also auch nicht angepasst.

das problem ist halt, dass in der realität das selbstbild mit dem fremdbild konfrontiert wird, und dass ein zu stark divergierendes selbstbild zu aktivitäten führt, die einfach nicht mehr angenommen werden oder anschlussfähig sind. sich im all-you-can-eat buffet hinzustellen und für den gurkensalat eine zusätzliche wöchentliche pauschale zu verlangen und die wienerschnitzel à la carte zu verkaufen wird selten funktionieren, auch wenn das vl. ungerecht ist, weil sie sich beim kochen wirlich sehr bemüht haben und sie wirklich gut schmecken. es nützt halt nichts.

solange sie aber nicht den blickwinkel wechseln und ihre funktion einmal von aussen wahrnehmen, werden sie zu keinen massnahmen kommen, die tatsächlich funktionieren könnten. sie brauchen also einen realitätscheck, sie müssten wirklich einmal in einen spiegel schauen und das ist natürlich nicht leicht und wird mit jedem jahr schwerer)

((nur ein hint: auch vor dem internet haben die leser nie für den eigentlichen ‘journalismus’ bezahlt und das wussten die zeitungen auch selbst, es war aber gwm. notwendig so zu tun als ob es so wäre; dafür nach dem internet geld zu verlangen ist also völlig aussichtslos. aber sie waren doch aus anderen gründen ein wirklich attraktives produkt und haben eine ganze reihe an anderen jobs erfüllt; ihre überlegungen für die gegenwart und zukunft sollten also eher in die richtung gehen, welche davon noch immer funktionieren könnten und welche neuen sie vl. erfüllen könnten. ein guter startpunkt ist dabei übrigens immer cwf+rtb. das problem dabei ist, dass das eine gewisse ehrlichkeit, bescheidenheit und realismus erfordert, keine eigenschaften mit denen sie sich als stummfilm-diva bisher ausgezeichnet haben. aber wieder: es nützt halt nichts))

poetter, pefferle

(links, rechts)

((abt. für die leicht zu unterhaltenden))

Dienst oder Tool, das diesen säuerlichen ‘altes Buch’ Geruch aus alten Büchern bekommt. Bonuspunkte für eine Ersetzung mit diesem wunderbaren ‘frisches Buch’ Geruch.


kl. revision vom papierkorb pt. 44 und nachtrag zu obigem tweet – aber ca. 50 reviews von ello später muss ich den ansatz vom besserwisser psychohygienisch doch fast zumindest einmal mit ello ausprobieren.

das interessante an ello ist ja, dass es es eigentlich nicht geben dürfte. es tut nichts, was nicht hunderte andere projekte auch oder auch besser tun, es ist vl. optisch nicht ganz uninteressant (vor allem natürlich durch die verweigerung aktuell sein zu wollen, sondern sich eher am webdesign der 90er zu orientieren) aber es ist jetzt trotzdem bei weitem nicht irgendwie grossartig, es ist zentralisiert und geschlossen wie nur was, das manifest ist eher prätentiös, usf, und trotzdem hat es zuerst in de und dann sogar international eine karawane ausgelöst, wie ich sie das letzte mal bei pownce erlebt habe. gleichzeitig bringt vl. gerade diese unwahrscheinlichkeit die phantasmatische qualität des diskurses selbst in einem grad zum vorschein, den ich bisher so auch noch nicht gesehen habe.

(andererseits merkt man selbst ja nicht, wenn man senil oder schrullig wird und nur noch auf der parkbank sitzend mit dem stock schwingend über alles vorbeiziehende schimpft; aber irgendwie geht es mir zunehmend so, dass ich mit dem web, oder besser: dem gebabbel über das web kaum noch im einklang bin und dass ich eigentlich fast überhaupt keine aussagen mehr lesen oder hören kann, ohne irgendwelche fehler oder falschen grundannahmen oder falsche logische schlussfolgerungen zu finden oder überhaupt irgendeine logik zu erkennen. und irgendwann drängt sich dann doch die vermutung auf, ob man nicht eben selbst der verrückte ist usw.)

jeder der will ist hier also wirklich ganz besonders willkommen, einen beliebigen (gerne auch eigenen) artikel oder text zu ello in den kommentaren zu posten, das in den letzten 5 oder so wochen ja für einiges an aufsehen gesorgt hat. ich wiederum werde versuchen, im jeweiligen artikel oder text zumindest einen groben fehler oder eine falsche grundannahme oder ein non sequitur oder irgendeinen sonstigen blödsinn zu finden und zu nennen. meine zu widerlegende wahnvorstellung/these lautet, dass ich in jedem text zumindest einen blödsinn finden werde.

(damit das sinnvoll ist, sollten die texte natürlich eine gewisse länge haben und jenseits der nachricht (also verkündung des starts oder des wachstums oder nennung der kerndaten) zumindest versuchen, eine art einschätzung oder bewertung oder prognose über ello abzugeben)

update: ist jetzt geschlossen. ein kl. nachtrag liegt hier .

(man – und mit man meine ich jetzt nicht nur aber besonders auch mich – müsste wirklich mehr auf blogs kommentieren; öfter als nicht öffnen sich gerade in der dialektik aus post – kommentar – kommentar vom kommentar räume, die man im eigenbau nicht finden würde)

Plugin/Erweiterung für das Blogtool der Wahl, das tote Links aufspürt und mit dem frühesten entsprechenden Backup bei der Wayback Machine ersetzt.

(siehe auch ep. 23)

grumpy cat

^ untested aber super: die vorlage für grumpy cat als lucky cat

(ich weiß, es ist anal usw., aber leute, die via falsch verwenden, machen mich einfach wahnsinnig)

oder was twitter aus dem u2/itunes fiasko lernen könnte, was beide big brother aber nie zu fragen wagten:

präambel: ich glaube es war das amerikanische big brother 15, bei dem es in den ersten wochen den twist gab, dass die zuschauer für einen bewohner stimmen konnten und dieser erhielt dann irgendeine besondere macht. und weil eine bewohnerin die schwester der sehr beliebten siegerin der vorigen staffel war, hat sie dann in den ersten wochen immer klar gewonnen. und weil das aber wiederum langweilig wurde, haben die produzenten dann irgendwann umgestellt und es wurde dann nicht mehr für eine belohnung sondern für irgendeine bestrafung gevotet. der umstand, dass auch das dann immer noch die gleiche bewohnerin getroffen hat, hat sowohl im haus als auch in der gesamtsphäre von social media eine kognitive dissonanz erzeugt, die im kollektiv nicht aufgelöst werden konnte. als beste erklärung hat sich dann durchgesetzt, dass die fans der schwester der bewohnerin nicht verstanden haben, dass sie seit dem wechsel nicht mehr für sondern gegen sie stimmen und ihr deshalb quasi unabsichtlich im eifer auch den schwarzen peter zugesteckt haben. auf den ganz einfachen umstand, dass der ausgang eines votings für irgendwas nur wenig mit dem ausgang eines votings gegen irgendwas zu tun hat, besonders, dass beide votings durchaus und sogar durchaus wahrscheinlich den gleichen ‘sieger’ haben, kam tatsächlich niemand. der beliebteste kann nicht der unbeliebteste sein, wie sollte denn das gehen? es geht natürlich, weil ein starker fanblock viele stimmen für jemanden generiert und sich die stimmen aller anderen auf alle anderen verteilen. bei der wahl gegen die kanditaten sammeln sich aber die ‘gegner’ und die stimmen das fanblocks verteilen sich auf alle anderen. anyway, das war alles ein bisschen umständlich für: ‘die wahl für etwas ist nicht die umkehrfunktion der wahl gegen etwas’ und für ‘ein starker fanblock kann die reale bedeutung und wertschätzung stark verschleiern’.

apple durfte den effekt dieses missverständnisses kürzlich mit den reaktionen auf die zwangsbeglückung mit dem album von u2 hautnah erleben. das sind jetzt hausnummern, aber nehmen wir einmal an, dass u2 mit durchschnittlich 5 mio verkauften downloads pro album die beliebteste aller bands auf itunes ist. aber obwohl u2 vl. übers jahr die meisten tracks verkauft, das macht sie noch lange nicht für die mehrzahl aller 500 mio benutzer hörbar oder wünschenswert. auf alle 5, die sich wirklich über das geschenkte album freuen, kommen 45, die halt mit den achseln zucken, und 50, die das wirklich irritiert. ein starker fanblock kann stadien füllen, aber er sagt nichts über die allgemeine disposition aus.

was uns zu twitter bringt: twitter ist drauf und dran den gleichen fehler wie apple zu begehen und (relativ betrachtet) populäre tweets für allgemein wünschenswert empfundene tweets zu halten. ich habe vorhin unabsichtlich auf den bereich #discover geklickt, der ja gwm. andeutet, was twitter für jeden als empfehlenswert erachtet und was uns twitter wohl in zukunft mit mehr nachdruck ans herz legen möchte um unsere erfahrung auf twitter zu verbessern, und während ich bei den meisten vorgeschlagenen tweets nachvollziehen kann, warum sie von twitter empfohlen werden (das wird algorithmisch wohl eine mischung aus sozialer entfernung, reaktionen und zeit sein), so scheint es sogar jetzt schon einen unsäglichen/gewissen typ an tweets zu geben (irgendein bildl mit einem lustigen begleitenden spruch oder irgendeiner art von überraschung oder einem bruch), die von einem mikroskopisch kleinen aber hypersozialen anteil der betwitterung so freudig geteilt werden, dass sie die (wieder: relativen) ‘charts’ trotzdem immer dominieren werden. nur macht diese relative popularität tweets für einen weder gut noch aus anderen gründen wünschenswert; sicher ist mal ein kleiner lacher dabei, aber in fast allen fällen sind sie kleine u2’s, die mehr nerven als sonstwas.

(und die antwort auf diesen umstand ist natürlich nicht, dass man halt einen besseren algorithmus finden muss, der jedem dann die richtigen tweets/musik vor die nase setzt, sondern zu verstehen, dass das problem selbst falsch formuliert ist und dass man g’scheiter ein attraktiveres angebot für selbstselektionen machen könnte, was ja übrigens nicht ausschließt, dass man einen bot offeriert, dem man zb freiwilligen folgen kann und der einem dann ‘intelligente’ populäre tweets oder lokale schnäppchen injiziert usw.)

a message from Tim Cook about Apple’s commitment to your privacy

^ auch eher dokumentarisch: Apple hat eine Art Minisite gebaut, die dann über die apple’sche Disposition und Verfahren bzgl. Privacy informiert.

Die Aura im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von Walter Benjamin.

netvibes

^ hui, netvibes wird 9.

(der fantechnischen vollständigkeithalber sei dazugesagt, dass ich netvibes seit dem googlereadertot als feedreader der wahl verwende und wirklich nur empfehlen kann; netvibes ist schnell, zuverlässig, unterstützt multiple tags, kann die gängigen keyboard shorcuts und hat mich bisher noch nicht genervt und was will man mehr)

beer chomatology

^ sehr nett: Beer labels match brewed contents to Pantone color / Beer colors

huch, wie die Zeit vergeht… Heute vor zehn Jahren hat Merlin Mann seine seminale Einführung in Getting Things Done gepostet, den Urknall für sämtliche productivity-Geschichten im Web.

(ein paar tage vorher hat er den hipster pda geboren, das disruptive retro-tool schlechthin)

(siehe auch 5 Jahre Hipster PDA und GTD)

(hab echt so ein jucken alle gerätschaften, also imac, ibook, ipad, ipod, usw. komplett neu und unschuldig und völlig frisch aufzusetzen und hab aber ein bisschen angst mir dann kurz danach zu denken, dass das doch eine ziemliche schnapsidee war)

getitelt hier

(wir sind an einem punkt angekommen, an dem es so viel mist gibt, dass man sich – und das galt natürlich trotzdem eh immer schon, aber in anderen verstärkungs- und aufmerksamkeitsdispositiven – wirklich für etwas interessieren muss, man sich selbst in die dinge investieren muss, usw., um noch einen nutzen zu haben und/oder sinnvollerweise funktionieren zu können)

Der endlose Geschichtenerzähler ist ein wirklich selten gesehener Zeitgenosse, der sich dadurch auszeichnet, dass er Thesen, Behauptungen und Aussagen quasi endlos fortsetzen kann und jedenfalls nie zu einem echten Punkt bringen muss, weil er in seiner Narration an fast beliebiger Stelle Abzweigungen folgen kann, die er dann mit der gleichen narrativen Qualität vorträgt, oder indem er in Begriffe oder Themen hineinzoomt, die er dann oft in enzyklopädischer Gebildetheit erklärt und darlegt, usw.

(wenn es wirklich gut läuft erzeugt er einen raum, der selbst interessanter ist, als es die these jemals gewesen wäre und den man quasi ‘serendipitös’ durchlaufen kann; üblicherweise ist der effekt aber, dass ein gedanke wesentlich wichtiger klingt, als er ist und der gwm. nur mit einer bedeutungsscheinschwangerheit aufgeladen wird. anders als der schaumschläger, der einfach willkürliche anschlüsse mit einem rolodex aus bullshit bingo permutiert, steht sich der endlose geschichtenerzähler mit seiner bildung und tief empfundenen assoziationen quasi selbst im weg)

(abt. supermarket studies)

Horses aren’t unemployed now because they got lazy as a species, they’re unemployable.

Humans need not apply via kottke

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