kl. nachtrag zu 618786157799849984 :

vorgeschichte war dieser tweet mit einem video über luhmann und seinem zettelkasten, in dessen thread dann kusanowsky an seinen kurzvortrag über die koinzidenz von luhmann und dem internet erinnert hat, in dem er nicht weniger als einen epochalen übergang der funktion/position des gelehrten unter den bedingungen des internets skizziert. (schaut es auch ggf. an, es ist kaum zu komprimieren, aber verkürzt ist seine beobachtung, dass es die traditionelle aufgabe des gelehrten war, erkenntnis zu produzieren, die er dann der öffentlichkeit durch lehre zur verfügung stellt, wobei ihm einerseits herausragende kognitive kompetenz/genialität unterstellt wurde, deren würde er andererseits durch abschirmung vor den trollen und allem gemeinen bewahren mußte; luhmann hat dann aber sowohl dem begriff des genies als erzeuger von wissen, als auch mit dem begriff der lehre als ‘übertragung’ von wissen von einem (intelligenten) kopf in die köpfe aller anderen gebrochen, da kommunikation eben gerade nur deshalb funktionieren kann, weil die menschen nicht füreinander ereichbar sind, und der begriff des genies sinnlos ist, weil die gesellschaft nicht aus menschen, sondern aus kommunikationen besteht. das zeitliche zusammenfallen von luhmann und der entstehung vom internet könnte uns, so vermutet klaus, nun hinweise darauf geben, was wir mit dem internet nun auch im komplex ‘wissen’ anstellen könnten, wobei wir blöderweise das problem haben, dass nicht mal luhmann-schüler mit dem zettelkasten noch etwas anfangen können und wir vom internet nun überhaupt keine vorstellung haben). der tweet ist gwm. eine abrundende ergänzung: ich glaube klaus war tatsächlich auf der richtigen spur, luhmann und sein zettelkasten ist gwm. der drehpunkt für die reformatierung vom system ‘diskurs’. mit dem internet ist nämlich zwar die konzeption vom genie, das erkenntnis produziert, gestorben (just google it, big data, etc.), aber gleichzeitig als perzeptor und selektor, der im endlosstrom der daten die muster und zusammenhänge erkennt und als storyteller in eine share- und likebare narration verpackt, wiederauferstanden. luhmann hat mit der selbstdistanzierung vom ‘genie’ sicherlich ein bisschen kokettiert, aber er hat die aufgabe vom ‘genie’ konkret verschoben und zwar hin zum ‘anwender eines (nontrivialen, unwahrscheinlichen) algorithmus’. der witz bei der gesamten systemtheorie ist ja, dass sie sich tatsächlich von selbst schreibt, wenn man sie einmal verstanden hat – und für luhmann war der zettelkasten gwm. nur der inputstrom, auf den er sich freiwillig selbst beschränkt hat (was bei ihm natürlich nicht weniger als die behandlung aller hauptsysteme der gesellschaft war). das genie kann man aber trotzdem nicht ganz streichen, weil es nun der algorithmus ist, auf den man kommen oder den man erst mal verstehen muß. als mechanismus ist das nicht ganz neu, deleuze hat zb. seine philosophie in den verschiedensten feldern ‘gefunden’. aber mit dem internet bekommt dieses methodische ‘sich von selbst schreiben’ natürlich seine bestimmung, weil potentiell alles und zwar in echtzeit zum inputstrom werden kann (wobei natürlich nicht alles für jeden algorithmus sinnvoll ist, genaugenommen fast nichts für keinen, wobei dieses nichts auch wieder gigantisch groß ist, es gibt halt einfach sehr viel). man danke nur an zizek, der kann seine theorie zu so ziemlich jedem politischen oder gesellschaftlichen thema in zwei, drei tagen zu einem aufsatz implementieren, oder an bolz oder auch kusanowski, wenn man nach einem luhmann-schüler sucht.