‘mögen deine wünsche in erfüllung gehen’ ist ja einer dieser chinesischen flüche, die sich früher oder später besonders hinterlistig bewahrheiten – und am umstand, dass es durch das vom web bedingten unbundling und microchunking zu einer strukturellen krise der durchschnittlichkeit, besonders zu einer krise des durchschnittlichen textes kam, ist vielleicht einer der hinterlistigsten bewahrheitungen.

wir erinnern uns: neben dem hypertext, also der möglichkeit zur vernetzbarkeit von texten, was der grundsätzlichen kern vom web ist, war die damit verbundene entkoppelung der textfragmente von ihrem kontext, die das freie flottieren und beliebige rekombinieren und reaggregieren von texten, informationen, gedanken und also ein genuin neues dispositiv ermöglicht, die zentrale metapher und wunschvorstellung für die zukunft von text.

was auf semiotischer ebene jedoch wie ein paradies klingt, hat nicht mit den psychologischen resp. infoökonomischen nebeneffekten gerechnet.

ganz allgemein gesagt sind menschen relativ unkomplizierte und leicht zufriedenzustellende lebewesen, die mit durchschnittlichkeit gut leben können, solange das gesamtpaket stimmt. ein, zwei goodies reichen aus, um der gesamten restlichen durchschnittlichkeit zumindest den notwendigen hauch von wertigkeit zu verleihen.

(durchschnittliches als angenehm empfinden zu können ist übrigens alles andere als ungeschickt, weil es nicht nur naturgemäß viel mehr durchschnittliches als besonderes gibt und man sich also über viel mehr im leben freuen kann, sondern weil das durchschnittliche in den allermeisten fällen auch völlig ausreicht. dieser von der werbung erzeugte wahn immer nur das allerbeste zu wollen ist aber ein völlig anderes thema).

bündel und pakete sind jedenfalls notwendige formen, uns viele durchschnittliche einzeldinge als angenehm wahrnehmen zu lassen und uns zufrieden zu stellen. bricht man die bündel jedoch auf, liegen die dinge plötzlich isoliert vor uns und müssen also einzeln beurteilt, bewertet und empfunden werden. das hat natürlich gegenüber dem bündel einen riesigen vorteil – man kann sich die rosinen aus dem kuchen picken (wenn man rosinen mag, ansonsten kann man sich den kuchen aus den rosinen picken), es hat aber auch eine ganze reihe an nachteilen. die notwendigkeit plötzlich alles einzeln beurteilen, bewerten und empfinden zu müssen ist nicht nur aufwendig und belastend, die davor geniessbare durchschnittlichkeit verliert entbündelt sogar ganz grundsätzlich den zugang zu diesem naiven genuss und muss sich plötzlich die frage gefallen lassen, warum man nun gerade es und nicht etwas anderes lesen soll, usw.

die zwei paradigmatischen formate, die mit dem internet entbündelt und in die einzelnen bestandteile zerlegt wurden, sind natürlich zeitungen und LPs.

bei LPs sind die effekte jedem musikliebhaber bekannt: das snacken nur an den ‘besten’ songs eines albums ermöglicht zwar viel mehr streuung, discovery und durchschnittlich eine viel höhere einzelintensität der gehörten tracks, aber es geht auch der persönliche bezug verloren, den man etwa in den kleinen aha momenten entwickelt, wenn ein song, den man bis dato völlig ignoriert hat, plötzlich der lieblingssong eines albums wird usw. (natürlich funktioniert das nur bei alben, die wirklich als solche bestimmt sind und denen das auch gelungen ist, aber guten musikern gelingt das oft). das vermeiden der durchschnittlichkeit und die erhöhte intensität der einzelstücke macht gleichzeitig den hörer selbst unzufriedener, weil er fortan immer auf der suche nach etwas besserem sein muss. die sehnsucht nach dieser bindung an etwas vorgegebenes erkennt man ja am comeback von vinyl.

und bei zeitungen sind die effekte allen ausser den zeitungsmachern bekannt: ein davor wirklich großartiges papierbündel zerfällt zu einem losen haufen an artikeln, die fast alle durchschnittlich und nicht besser oder schlechter als die artikelhaufen aller anderen zeitungen sind und für den leser also eine einzige infoökonomische zumutung sind (für den übergang vom wertvollen bündel zum wertlosen haufen können die zeitungen nichts, ihre plötzliche wertlosigkeit war gwm. höhere gewalt; woran sie allerdings selbst schuld sind, ist, dass sie die situation und ihre position nicht verstehen, den kopf in den sand stecken und dort dann versuchen, ein liedchen zu pfeifen). die wirklich einmaligen artikel, die eine zeitung an einem tag erzeugt, die man also nicht gleichwertig überall sonst findet, dürften sich im einstelligen, bei wochenzeitungen vl. im zweistelligen bereich befinden und die muss man natürlich auch erstmal finden.

aber interessanter als die krise der texte der zeitungen ist der umstand, dass dieses verhältnis jede art an text betrifft und sich früher oder später also direkt in den text selbst einschreibt. es hat eine zeit lang gedauert, bis wir das bemerken können, weil sich natürlich auch die produktions- und rezeptionsbedingungen anpassen müssen, durch die verstärkung dank social media wird die logik jedoch langsam sichtbar:

damit durchschnittliche texte, die bisher ein perfekt feines dasein als füllstoff führen konnten, im haufen aller aufgelösten artikel aller einen funken wert behalten können, müssen sie jetzt auf irgendeine art auch isoliert und autonom funtionieren. und dafür gibts zwei primäre möglichkeiten: entweder sie stiften selbst ‘sinn’ für den leser, enthalten zumindest etwa eine nützliche information; oder sie erzeugen eine ‘erregung’, also das kompakte gefühl eines lols, oder wins, oder omgs, oder cutes, oder fails, oder wtfs.

und woran erkennt man, ob ein text ‘sinn’ oder ‘erregung’ erzeugt? genau, er wird geshared. wenn ein text im web von niemandem geshared wurde, wurde er dann überhaupt geschrieben? der verbliebene wert von durchschnittlichen texten im zustand der entbündeltheit zeigt sich also in der sharebarkeit.

das ding jetzt ist natürlich, dass sinn nicht nur viel schwerer zu produzieren ist, es erfordert auch viel mehr aufwand vom leser, ihn zu erkennen, und es ist auch viel riskanter ihn zu sharen. und dass erregungen andererseits nicht nur viel leichter erzeugt werden können als sinn, erregungen können auch viel schneller aufgeschnappt werden und erzeugen also auch viel eher anschlusskommunikation und selbstverstärkung in den sogenannten erregungswellen. ich habe oben die lols, wins, omgs, usw. als qualifizierer von erregungen nicht zufällig von buzzfeed zitiert – sie zeigen, wie präzise buzzfeed diese logik schon vor langem erkannt hat und deshalb nur noch genau diese art von texten produziert. buzzfeed ist eine maschine zur produktion und distribution der letzten durchschnittlichen texte, die noch verwertbar sind.

die zeitungen, zumindest die qualitätszeitungen, haben nun natürlich das problem, dass sie in ihrem selbstverständnis die produzenten vom sinn sind und die produzenten von erregungen gwm. verachten müssen und sie sich dadurch quasi auf diese eine position festlegen; gleichzeitig produzieren sie natürlich in realität deutlich mehr (unsharebaren und austauschbaren) fülltext als sonstwas, erzeugen also viel weniger leistung, als sie es in ihrer selbstwahrnehmung glauben; nur müssen sie auch ihren kollegen von buzzfeed dabei zuschauen, wie die ganz ungeniert eine wissenschaft der verpönten sharebaren erregungen entwickeln können und ihnen die PIs, die aufmerksamkeit und die werbegelder und fast den ganzen kuchen wegknabbern.

von dieser logik sind natürlich auch die blogs betroffen. auch die konnten in den ersten 10, 15 jahren gut mit durchschnittlichem fülltext leben, weil es mehrere kontexte gab, die den fülltext im ‘bündel’ rezipierbar machten. einerseits gab es (imaginierte) communities wie antville oder twoday, andererseits gab es feedreader wie den google reader oder netvibes, die die abos der feeds zu einer personalisierten superzeitung rekontextualisierten. im aufgelösten zustand haben blogs aber das gleiche problem wie die zeitungen: die durschnittlichen posts, wenn wir ehrlich sind also fast alles was wir produzieren, sind im haufen aller posts aller völlig wertlos. im grunde gibt’s dann nur 2 strategien: man produziert selbst shareables (socialismus), oder man erzeugt sich seinen eigenen kontext im eigenen gesamtwerk und tut so als wär das jetzt so (solipsismus). wem das eine zu blöd und das andere zu anstrengend ist, der hört dann halt auf zu bloggen und wechselt vielleicht zu einer plattform wie tumblr oder medium, wo man ein bisschen kontext von der plattform spendiert bekommt und gleichzeitig in die eine oder andere richtung ‘gelenkt’ wird (erregung bei tumblr, sinn bei medium).

(überhaupt ist es natürlich nicht so, dass der durchschnittliche text seine funktion für immer verloren hat. ich habe das nur nicht betont, weil ich sonst jeden punkt relativieren hätte müssen, und dann aber auch die relativerungen relativieren hätte müssen, weil sie auf tektonischer ebene trotzdem wieder egal wären, es hätte alles jedenfalls unnötig verkompliziert. aber die entbündelung hat nicht nur opfer, sondern erzeugt naturgemäß auch einen neuen möglichkeitsraum für tools, plattformen, communities (fast alle funktionierenden tun das letztendlich) etc. dafür, eigene, neue kontexte für text zu erzeugen, innerhalb derer dann auch die durchschnittlichen texte wieder einen platz bekommen können, ohne dass diese sich selbst beweisen müssen. wie fast immer kann man sich einfach anschauen, was funktionert.)

nur am rande beobachtet ist doch lustig, dass wir gerade mit der krise der durchschnittlichkeit den von den poststrukturalisten vor 50 jahren diagnostizierten verlust der autorschaft konkretisiert bekommen. nur, wie so oft, kommt es anders als damals gedacht: die neuen kleinformate transzendieren nicht nur den autor, sie schreiben sich wörtlich genommen tatsächlich selbst und brauchen die readaktionellen prozesse inklusive aller beteiligten menschen und software nur noch als organisatorische struktur. moderne redakteure tun ja im grunde nichts anderes als texten eine erste form zu geben und diese dann solange anzupassen, bis die roten lämpchen, die auf schlecht formulierte überschriften, hohe absprungraten nach dem ersten satz, falsche keywords, geringes sharementum, etc. hinweisen, nicht mehr rot blinken und der text also seine objektive form gefunden hat. paradoxerweise sind es deshalb ausgerechnet die roboterjournalisten, die den ethischen anspruch auf autorschaft am reinsten repräsentieren.