kl. nachtrag zu 598425890696073216 – zumindest eine erste iteration, die sich lustigerweise aus der überschneidung mit einem anderen tweet ergibt, den ich am gleichen tag aber in einem völlig anderen kontext (verizon schluckt aol) getwittert hatte:


um die zwei tweets zusammenzubringen, sollte ich zwei dinge erwähnen:

(1) einer der größten, wenn nicht der größte im allgemeinen ausgemachte feinde des offenes webs sind projekte wie facebook zero oder internet.org, also konstrukte, die ein kontrolliertes subset an webseiten oder apps kostenlos offerieren, um der nächsten milliarde menschen zugang zum internet zu ermöglichen. was sich als akt der nächstenliebe gibt, ist jedoch, so die verteidiger des offenen webs unisono, nichts anderes als die ausbeutung ökonomischer benachteiligung, die nur neue user einfangen und an sich binden und damit das eigene wachstum anheizen will, also digitaler imperialismus (und wem das nicht reicht nachtürlich auch eine freche verletzung der netzneutralität, aber um das geht es hier nicht). und ihr plan geht auch noch auf, viele der so angelockten glauben dann sogar, facebook sei das internet. statt im offenen web zu publizieren, verkaufen sich diese armen seelen an facebook und landen im vorraum zur hölle.

(2) compuserve war anno dazumal, also plus/minus vor 20 jahren, neben aol die einfachste möglichkeit, mit einem macintosh zugang zum internet und email zu bekommen. es gab auch schon einige websites und der netscape navigator war gerade neu und hip, aber ein grosser teil des nutzens war zunächst das angebot, das compuserve bereitstellte. über die uni hatte ich dann bald auch ein bisschen webspace und zugang zum usenet und unter der ägide von hotwired und webmonkey dann irgendwann auch ein rudimentäres verständnis von html und framesets, aber die möglichkeiten von compuserve hat meine erfahrung mit dem internet in den ersten jahren weitgehend dominiert. und auch wenn ich dann quasi das web ‘mitbegleitet’ habe, bis zu meinem eigentlichen knacks im kopf dauerte es dann weitere 10 jahre.

der punkt dieser zweiten, zugegebenerweise schon etwas verstaubten geschichte ist, dass die erste geschichte nicht notwendigerweise den dystopischen verlauf nehmen muss, von dem alle ausgehen. wer in einem geschlossenen garten aufwächst, muss nicht notwendigerweise den rest seines lebens darin verbringen. menschen können lernen und zusammenhänge verstehen. manchmal fehlt nur eine einzige information. wer heute zb. glaubt, dass facebook das internet ist, dem muss nur einer einmal zeigen, dass das nicht der fall ist, sondern dass facebook im besten fall ein nützlicher und in jedem fall ein grosser wal in einem riesigen ozean namens web ist, das man mit etwas entdeckergeist dann selbst erforschen kann (ob das dann angenommen wird und denjenigen interessiert ist eine andere frage). und wir brauchen gar nicht so betroffen tun, noch vor 10 jahren haben hierzulande die meisten geglaubt, dass das internet dieses blaue ‘e’ am desktop ist.

ich will mit dieser anmerkung nicht die grundsätzliche korrektheit der kritik an facebook (und co) kritisieren und ich will die machenschaften von facebook (und co) weder relativieren noch legitimieren. was sie abziehen ist unterm strich eine riesige sauerei, vor allem deshalb, weil sie es auch ganz einfach auch anders andenken und umsetzen hätten können.

der fehler liegt nicht in der vorgetragenen kritik, sondern in der analyse und der bewertung, was das bedeutet. und eine hysterische bewertung (es ist ganz eindeutig das endgame, wenn wir jetzt verlieren, dann ist das offene web verloren, usw.) führt zu einer hysterischen überreaktion, die dann, wenn wir pech haben, mehr schaden anrichtet als der feind, wegen dem man überhaupt erst losgelegt hat.

(interessanterweise teilen die protagonisten eines offenen webs, hier fortan stellvertretend mozilla, und die ideologisch mehr oder weniger aus der gegenteiligen ecke kommenden verlage diesen schaum vor dem mund, wenn sie es mit google oder facebook oder apple zu tun bekommen; aber lassen wir hier die verlage einmal beiseite)

der allgemeine fehler von mozilla ist, vom offenen web kein ‘sinnverständnis’ zu haben, sondern den sinn in der vorhandenheit selbst zu sehen, was bedeutet, dass sie den erzeugten wert also nur am marktanteil messen können. alles, was von facebook (und co) aufgesaugt wird, ist ein verlust und die masse des von facebook aufgesaugten ist eine katastrophe. als reaktion bleibt ihnen also nur der ‘kampf’ um marktanteile und als grund für die beliebtheit von facebook (und co) ist ihnen leider nur eingefallen, dass der offene stack technisch unterlegen ist, was nur bedeuten kann, dass sämtliche apis der geschlossenen plattformen nachgebaut werden müssen, siehe den kleinen überblick ihrer aktuellen interventionen.

(man erkennt auch die wiederholung eines musters: als das soziale web der katalysator für das wachstum war, wurde im ‘social graph’ von facebook der zaubertrank gesehen, und die damalige erwartung war, dass man den nur offen nachbrauen muss, dann wird alles gut. wir erinnern uns an projekte wie open social, friend connect, portable contacts, chi.mp, diaspora, usw.)

der spezifische fehler in hinblick auf die ‘emerging markets’ neuer user, die gleich mit dem smartphone einsteigen, ist, dass die entwicklung als lineare, technik-getriebene evolution vom statischen über das soziale hin zum mobilen web gesehen wird, und den menschen innerhalb dieser entwicklung keine subjektivität oder möglichkeit zum widerstand oder zur reinterpretation zuzutrauen. wir sehen es ja bei uns, da kleben die jungen ja nur noch an ihren handys und chatten oder posten selfies statt zu bloggen oder die wikipedia zu verbessern. was wir bei uns erleben ist aber weniger eine evolution, sondern eine angleichung an das ‘natürliche’ kommunikative gleichgewicht unter den bedingungen vom mobilen internet, das halt erst jetzt möglich geworden ist, aber immer schon so veranlagt war. die phasen waren also, wenn man so will, in ihrem historischen ablauf notwendig, weil wir uns immer kollektiv an das gerade technisch machbare angepasst haben, aber einmal vorhanden verhalten sie sich, als wären sie immer schon da gewesen.

aber die technische ebene ist ja nicht die einzige. auch interessant ist mitunter, wie sich die technik / das web auf gesellschaftlicher ebene auswirkt – und da macht das narrativ der evolution einen u-turn. da sind dann plötzlich die apps des mobilen webs die primitive form, die halt (natürlich massenweise) private kommunikationsereignisse ermöglichen, die aber weder für die öffentlichkeit bestimmt noch für die gesellschaft nützlich wären. erst mit dem offenen und sozialen web bekommen wir einen viel interessanteren hebel, um gesellschaftliche probleme zu behandeln und gemeinsame lösungen auf sozialer sinnebene zu finden.

und hier muss man der kommenden ‘mobilen milliarde’ einfach zutrauen, dass sie ihre eigene entwicklungsgeschichte durchmachen und dabei vl. auf einem viel höheren niveau landen, als wir es bis dato geschafft haben, oder aber auch nicht. sie beginnen zwanzig jahre später und das dauert sicher ein bisschen zeit, aber der umstand, dass sie bei unserem ‘ende’ beginnen bedeutet eben nicht, dass sie dort bis in alle ewigkeit braten müssen.

(man erkennt übrigens die wiederholung eines weiteren musters: als etwa das ipad vorgestellt wurde, haben es die vertreter des offenen webs als zynische und infantilisierende konsumationsmaschine wahrgenommen und die kollektive volksverblödung befürchtet, siehe das offene web und seine feinde. gekommen ist es natürlich anders, nur das mangelnde vertrauen in die systemkraft der eigenen offenheit und die kreativkraft der menschen ist ihnen leider geblieben)