stellen wir uns einmal eine welt vor, in der es zur elektronischen publikation/kommunikation nur ein medium gibt: jeder der will kann schreiben was und wie er will. nennen wir es blogs.

alle, die etwas publizieren wollen, benutzen blogs für ihr gesamtes ausdrucksbedürfnis, was sollten sie auch sonst tun. es wird sich ein bestimmter infoökonomischer raum an bloggern und lesern ausbilden und sich auf einem gewissen aktivitätsniveau mit einer gewissen verteilung von ‘jobs’ einpendeln.

stellen wir uns vor, dass dann ein zweites medium hinzukommt, das zwei unterscheidungen einführt: einerseits wird die länge der texte auf 140 zeichen begrenzt, andererseits werden die teilnehmer sozialisiert/vernetzt. nennen wir es twitter.

was wird passieren?

  • leute werden neue kommunikative ‘jobs’ entdecken, die mit dem neuen, kleinen medium plötzlich sinnvoll werden (nicht, weil sie davor grundsätzlich unmöglich waren, aber weil sie davor ‘infoökonomisch’ gwm. zu teuer waren).
  • es wird eine umverteilung/migration der beteiligten geben: leute werden beginnen, twitter statt blogs für die neuen dinge zu verwenden, und für die dinge, für die twitter besser geeignet ist.
  • einige leute werden erstmals an der kommunikation teilnehmen, weil sie erstmals für sich sinnvolle jobs entdecken oder weil es für sie erstmals einfach genug ist oder schnell genug geht.
  • einige andere werden fortan blogs und twitter verwenden, einige weiterhin nur blogs, einige nur oder nur noch twitter.
  • die anzahl der teilnehmer wird insgesamt zunehmen.
  • die anzahl der kommunikationsereignisse wird in diesem fall wohl dramatisch zunehmen, einfach weil es von einfacherem und kleinerem üblicherweise mehr gibt (allerdings könnte das auch anders sein; hätten wir unsere welt mit twitter begonnen, würde sie wohl ebenso dramatisch abnehmen).
  • der marktanteil wird sich verschieben. (die bewertung davon ist jedoch eine schwierige sache, weil der marktanteil an den gesamten kommunikationsereignissen tatsächlich nichts über die nachhaltigkeit oder gesellschaftliche relevanz von medien aussagt.)

als ergebnis entsteht irgendwann jedenfalls ein neues infoökonomisches milieu mit zwei ebenen der ausdifferenzierung: einerseits differenzieren sich die medien ‘gegeneinander’ aus; andererseits differenzieren sich innerhalb der einzelnen medien die kommunikationsereignisse der jeweiligen jobs aus. sowohl die medien selbst als auch die qualität und quantität der kommunikationsereignisse innerhalb der jeweiligen medien pendeln sich auf einem gewissen neuen aktivitätsniveau ein.

these:

mit jedem weiteren medium entstehen – immer der gleichen logik folgend – jeweils immer wieder neue milieus, die sich jeweils immer wieder einerseits bezüglich der medien untereinander und andererseits in jedem medium in sich selbst bezüglich der jobs und ereignisse ausdifferenzieren.

(neue medien entstehen üblicherweise durch einführung von neuen unterscheidungen; neben der unterscheidung lang und asozial (blogs)/kurz und sozial (twitter) wie in unserer welt, gibt es viele andere wie öffentlich/privat, stationär/mobil, billig/teuer, E/U, autonom und selbstbetrieben/abhängig und in der cloud, permanent/peripher, frei flottierend/vernetzt, vom gemeinen volk/von spezialisten, und viele mehr. jede unterscheidung verdoppelt gwm. die anzahl der möglichen medien, wobei es aber auch clusterbildungen und nicht genutzte kombinationen gibt).

was kann man nun schon aus diesem allereinfachsten modell lernen?

  • ein neues medium kann die anzahl der systemweiten ‘kommunikationsereignisse’ erhöhen (etwa weil es schneller oder kleiner oder billiger oder omnipräsent ist) oder aber auch reduzieren (etwa weil es dinge zusammenfasst oder überflüssig macht). in beiden fällen funktioniert die gesamtkommunikation danach idealerweise besser. die anzahl der kommunikationsereignisse selbst ist also eine völlig sinnlose metrik.
  • man kann und sollte mehrere medien gleichzeitig verwenden, idealerweise jeweils für den damit angemessenen job. das alte oder andere medium muss nicht sterben, damit das neue sinnvoll oder wertvoll wird. (das klingt offensichtlich aber viele fühlen sich leider nur wohl, wenn sie irgendwas ausstopfen und an die wand hängen können.)
  • es ist ganz grundsätzlich nicht schlecht oder beklagenswert, wenn ein altes medium ‘marktanteile’ an ein neues medium verliert. das ergebnis der anpassung ist ein kommunikatives gleichgewicht auf höherem niveau. es gibt ganz grundsätzlich nichts zu urteilen, sondern nur was zu beobachten. (don’t ask yourself if this is a good thing or a bad thing. ask yourself what’s going on)
  • der ‘marktanteil’ der verschiedenen medien ist auch nicht sinnvollerweise vergleichbar, weil sie völlig unterschiedliche funktionen mit unterschiedlicher wertigkeit entlang der achsen persönlich, sozial und system (siehe) erfüllen können. (ein beliebiger blogeintrag erzeugt eine woche später mehr diskursive anschlussfähigkeit als alle 50 milliarden whatsapp messages eines tages zusammen.)
  • es bringt nichts, die alten marktanteile im neuen milieu retten zu wollen oder künstlich zu pimpen. (das zu verstehen ist wirklich wichtig, wenn man ein betreiber vom alten medium ist, vor allem, wenn man die produktion – etwa von zeitungen – irgendwie ‘finanzieren’ muss. den eigenen realistischen anteil falsch einzuschätzen kann mitunter auch ein fataler fehler sein, weil der threshold zur erhaltung von aufgeblähten apparaten ja nicht kontinuierlich ist, sondern erst ab einem kritischen punkt einen dann aber plötzlichen sog nach unten erzeugt, der oft aber vermeidbar wäre. wir sehen das leider derzeit bei fast allen altmedien wie print aber auch etwa bei twitter inc.) viel wichtiger als der relative marktanteil sind die absoluten ereignisse.
  • die effekte und möglichkeiten des jeweiligen mediums sind keine ‘leistung’ des mediums oder der macher, sondern effekte, die durch die benutzung entstehen.
  • es gibt strukturell keine zeitlichkeit oder vorrecht des einen mediums über das andere; ist das neue medium einmal da, koexistiert es mit allen anderen medien gleichwertig. (der kleine vorteile vom historisch älteren medium ist, dass die leute erst wechseln/ihr verhalten adaptieren müssen. das endgültige gleichgewicht für eine bestimmte konstellation ist aber zeitlos.) zwar wird es im konkreten historischen verlauf gewisse wellen geben (überschätzung am anfang, hysterie bei beobachteter abnahme, etc.), früher oder später passt sich die kommunikation jedoch an, weil das kämpfen gegen die ineffizienzen zu teuer wird.
  • interessanterweise ist die möglichkeit der entstehung mancher medien selbst ‘historisch’. bestimmte medien sind nur sinnvoll, wenn sie sich etwa asymmetrisch gegen andere medien positionieren können. (sind sie aber erst einmal da, können sie gwm. nicht mehr ungeschehen gemacht werden.)
  • medien können durchaus auch obsolet werden und verschwinden. (allerdings sollten sie überleben können, solange es zumindest einen halbwegs populären ‘job’ gibt, für den sie das medium sind, das dafür am besten geeignet ist.)
  • gelegentlich können die verschiebungen und migrationen ob eines neuen mediums auch sehr schnell gehen und/oder sehr grosse auswirkungen haben.
  • es ist wirklich wichtig, nicht den fehler zu machen, die übergangsphase von einem zustand in den neuen als etwas anderes als eine anpassung ans neue gleichgewicht zu interpretieren. (das ist natürlich der fehler, den alle machen, die sich zahlen von twitter, facebook und whatsapp anschauen und dann aleatorisch extrapolieren um dann wasauchimmer und jedenfalls den tod von irgendwas zu prognostizieren.)
  • auch wenn medien wegen anderen medien üblicherweise ‘marktanteile’ verlieren, so wird doch gleichzeitig auch ihr eigenes profil geschärft. sie werden also besser, weil sie zunehmend für die jobs herangezogen werden, für die sie wirklich geeignet sind.

nur zur sicherheit: das modell ist natürlich nicht realistisch; es basiert auf der sicher nicht erwartbaren annahme, dass alle teilnehmer über alle medien vollständig informiert sind und sich egoistisch rational verhalten; es nimmt auch einen frei fliessenden informationsmarkt an, während die reale situation in vielen fällen ein spieltheoretisches problem egoistischer anbieter ist. auch als medientheorie ist es supernaiv. aber für die entwicklung eines gefühls für die grösse des eigenen ballparks ist es tatsächlich nützlich, zumal sich die menschen in summe üblicherweise erstaunlich rational verhalten, oft viel rationaler, als es zb die macher der einzelnen angebote selbst können. (twitter zb macht entgegen vieler unkenrufe ja noch immer vieles richtig, ihre ganzen probleme haben sie sich eigentlich durch eine deutliche selbstüberschätzung eingehandelt und je länger sie das nicht verstehen, desto fragiler wird der ganze datentyp tweet, weil sie ihn mehr und mehr micromanagen und immer mehr einschränken, aber das ist eine andere geschichte.)

(die gleiche logik kann man grundsätzlich natürlich auch in anderen feldern wie handel oder gadgets vermuten, zumindest als asymptotischer horizont. oft hilft wirklich schon, wenn man sich die lage für die zwei achsen offline/online und statisch/mobil durchdenkt.)