Since the world drives to a delirious state of things, we must drive to a delirious point of view

- Baudrillard via Kroker, The possessed Individual, S. 66.

^ apropos ReQuoting pt. 102 :

Bei Arthur Kroker, den ich seit ein paar Tagen wiederlese, ist diese Lust so angenehm, mit der er alles konsumiert und in der Folge transformiert: Herrlich, lesen Sie die Franzosen, da steht drin, wo wir jetzt eigentlich sind, in Amerika. Wunderbar, der Lyotard, und fabelhaft, der Baudrillard, und unschlagbar, diese Deleuze/Guattari, ja, das ist Amerika…

Aber ich will hier jetzt auf was anderes hinaus, nämlich auf ein Problem, oder besser eine Disposition, die vor allem in Deutschland ausgeprägt ist und aus der ich auch nicht rauskomme, nämlich Dinge zu ernst, zu literal, zu wörtlich zu nehmen und nicht in ihrer Potentialität zu sehen. Bei mir selbst aufgefallen ist mir das bei meiner Ersteinschätzung von Empire, das ich zwar zu Teilen sehr gut fand, wo mich aber irgendwie der Ton gestört hat und vor allem, dass sie gegen Dinge angelaufen sind, die ich nicht als Problem verstehe. Dann habe ich aber ein Interview mit Hardt gehört und der hat das irgendwie eingeframet als Gedankenexperiment. Der Ton sei zwar eher deklarativ, aber es ist doch eine gedankliche Gratwanderung mit Begrifflichkeiten die es eigentlich noch gar nicht gibt. Und das hat für mich den Gesamteindruck völlig umgekehrt, und wenn ich es jetzt nochmal lesen würde, dann sicher mit mehr Gewinn, weil ich dann während des Lesens weniger Widerstand aufbringe gegenüber etwas, das diesen Widerstand in dieser Form überhaupt nicht braucht.

Anyway. Wo ich oft etwas stocke, bei den ganzen technophilen Denkern, ist dieses Momentum, dass wenn einmal etwas deklariert ist (Ende des Menschen, Ende der Geschichte, Post-*) dann von anderen so getan wird, als sei das dann so. Es gibt aber natürlich nie ein Ende, sondern nur ein Ende einer bestimmten Konzeption oder eines Bündels bestimmter Konzeptionen von dem wie Geschichte oder Menschsein wahrgenommen oder begriffen werden kann, also Begriffe und Begrifflichkeiten mit denen Geschichte etwa erzeugt und das geschichtliche Wissen diskursiv gestreut und entwickelt werden kann.

Woran ich mich da meist aber eigentlich störe, ist die gesamte Anschlusskommunikation die daran stattfindet; wie das unkritisch aufgenommen, übernommen und weitererzählt wird, oder wie oberflächlich das kritisiert wird. Was man in Wirklichkeit von den originären Denkern begreifen kann ist, dass sie einen Raum zur Wahrnehmung für etwas öffnen, das unter gegebenen Bedingungen im entstehen ist, dass sie ein Sensorium für Veränderungen bereitstellen, die sich gerade im Formieren sind, usw.

Wie unterscheiden sich nun die französischen/amerikanischen Theoretiker von Künstlern/Schriftstellern (phantastische Welten wurden ja vorher auch schon gezeichnet, sei es etwa in Form eines Kafka, oder auch Oswald Wieners)? Das ist keine leichte Frage und ich glaube auch nicht, dass ich die beantworten kann, aber ein Momentum ist sicher genau das, dass sie eben innerhalb der Diskursformation Wissenschaft bzw. Philosophie, Soziologie, Geschichtsschreibung etc. und mit bzw. eben gegen die Begrifflichkeiten dieser Wissenschaft arbeiten, denken, ihre Begriffe daraus ziehen und gegen diese einführen bzw. an die neuen Gegebenheiten, Machtverhältnisse, Konstellationen usw. einführen, aktualisieren, zumindest damit experimentieren.

Sidenote: irgendwie ist es ja so, dass Veränderungen nur für denjenigen wahrnehmbar sind, der sie erlebt, aber nicht für die, die hineingeboren werden. Gleichzeitig verhalten die sich aber wie Frösche, die nicht aus dem Kochtopf springen, weil es zu langsam heißer wird. Das kann man sich ja für die unterschiedlichsten Achsen durchdenken (Medien, Computer, Internet, Globalisierung, …). Bessere Theoretiker gehen aus den existierenden (Diskurs-)Formationen aus (siehe Foucault) und aktualisieren das, haben es auf das nächste Tableau (siehe D/G), zumindest einmal heuristisch. Gute Denker machen das dann auch noch auf eine Weise, die auch retrospektiv noch eine Nachvollziehbarkeit hat. Schlechte bleiben nur als Witz oder Kuriosität. Aber Umstände werden normal, was natürlich nicht heisst, dass sie dann unreflektiert oder unkritisiert bleiben sollen.

Ein bisschen eine Sackgasse war alles, was mit cyber-* beginnt und die Imaginationsfähigkeit des Menschen betrifft. Die Möglichkeiten von dem, was Computer innerhalb der Vorstellungskraft des Menschen verändern könnten, wurden weit überschätzt (virtuelle Räume oder Realitäten, interaktive und selbstlernende Agenten, spachfähige Systeme, …) und etwa in der Literatur schon viel zu detailliert durchgedacht, um dann nicht in ihrer Realisierung zu enttäuschen. Soweit ich das sehe hat sich das ohnehin aufgehört. Virtual Gloves wurden zum Joystick und MUDs zum Chatroom, in dem sich Hausfrauen und picklige Teenager tummeln. Themen sind da eher Biopolitics, Warmachines, Kontrollstrukturen usw., also wie sich die Informationstechnologien auf die gesellschaftlichen Konstellationen auswirken, wenn sie von bestimmten Stellen aus systematisch angewandt werden (Waffentechnologien, Satelliten, Imagery, Gentechnik, Wirtschaft) und welche Skaleneffekte dann eintreten (Hegemonien, Überlegenheiten, Kräfteverschiebungen).

^ aus der beliebten abt. heute vor 10 jahren in irgendeinem (damals noch docbook) file.