google

Achtung: Rant below; aber mich nervt Google in letzter Zeit so systematisch, dass das einmal psychohygienisch raus muss.

Der erste Megatrend 2012 ist eindeutig das Dissen von Google. Dieses hat nicht nur quantitativ zugenommen, auch die Qualität der Kritik hat sich genuin verschoben – und das Suchen von Alternativen wurde zu einem beliebten Hobby. Kritik an Google gab es natürlich schon immer, aber sie war üblicherweise eher leichtgewichtig und hat sich an kleineren Fragen (Datenschutz, sind sie vielleicht doch böse, haben sie vielleicht nur ihre eigenen wirtschafltichen Interessen im Sinn, fehlt ihnen die soziale DNA, …) abgearbeitet. Die Fragen sind zwar an der Oberfläche die gleichen geblieben, aber mir scheint, dass sich darunter in letzter Zeit die für Google wesentlich fatalere Frage verbirgt, ob Google nicht in Wirklichkeit eine gewaltige Dumpfbacke ist.

Der Vollständigkeit halber sei dazugesagt, dass Google noch immer die wichtigste Firma im Web ist; sie sind finanziell erfolgreich; sie haben noch immer eine Reihe von unübetroffenen Qualitäten und Kompetenzen; sie offerieren uns noch immer einige geniale lebens- und weltverbessernde Produkte; Google ist auch noch immer das einzige Unternehmen, das sich an gewisse unmögliche Dinge wagt (natürlich auch, weil sie sich das halt leisten können, aber sie müssten ja nicht); Google hat das moderne Web wie wir es kennen mehr oder weniger katalysiert und in dieser Form möglich gemacht; und sie versuchen wohl auch – by and large – das Richtige zu tun.

Having said that verdecken diese ihre Qualitäten und Erfolge aber auch eine Demenz, die sich langsam aber sicher ausbreitet und die Google entdecken sollte, bevor es zu spät ist. Die Menschen beginnen sie nämlich zu spüren, deshalb auch diese neue Qualität der Kritik.

Bei der Beurteilung des Geisteszustands von Google müssen wir uns natürlich auf das Sammeln und Interpretieren von Hinweisen und Symptomen beschränken. Isoliert betrachtet sind viele der Hinweise nicht besonders signifikant. Und auch eindeutige Hinweise auf signifikante Probleme sind nicht immer auf Google als solches verallgemeinbar, weil Google mitunter in Zellen organisiert ist und eine faule Zelle nicht notwendigerweise mit einer Faulheit des gesamten Systems Google korreliert. Gleichzeitig können aber auch genau die kleinen Symptome – die freudschen Vergoogler – den Zustand des gesamten Systems besser beschreiben, als die offiziellen Darstellungen oder die inoffizielle offizielle Selbstwahrnehmung.

Die Liste mit ganz konkreten Fehlern, Flops und Fails ist lang. Einige Fehlergruppen: übernommene oder selbst entwickelte Produkte, die dann gekillt wurden (Jaiku, Knol, Aardvark, Dodgeball, Slide, Google Wave, Google Buzz, Google Bookmarks, Google Notebook, Google Health, Google Video, Google Lively, Google Answers, uswusf.); übernommene oder selbst entwickelte Produkte, die mehr schlecht als recht dahinvegetieren (Orkut, Chromebooks, Google Music, Google TV, Google Books, Chrome Store, usw.); das systematische Verschlechtern von guten Produkten (Beschneiden von Features, die nützlich waren; Aufblähen mit unnötigen Features; Verschlimmbesserungen im Design; Einführen von Beschränkungen; …);

Dazu kommt eine wirklich lange Reihe von gekillten kleineren Produkten aus der Labs-Serie und von gekillten kleineren Features. Bei vielen muss man da sagen: ok, das waren Experimente, die auch als solches deklariert waren, da geht auch manches schief, wird von den Usern nicht angenommen, verursacht zu viel Aufwand, etc. Aber es waren auch coole Dinge dabei, um die es schade ist und wo man sich doch wundern muss. Wer, wenn nicht Google, könnte sich auch Spielereien leisten?

Und es gibt eine Palette von mehr oder weniger indirekten Hinweisen dafür, dass etwas kracht: es gibt eine lange Liste von guten angeheuerten Leuten, die es nicht lange bei Google ausgehalten haben; das immer häufigere Auftreten als Politiker; die Zunahme von Lobbyismus; das Starten von Think Tanks; das Schalten von Werbung (omg), usw.

Aber bis vor kurzem hat das unser Verhältnis zu Google nicht wesentlich beschädigt, weil sie ein Phantasma aufrecht erhalten konnten: unseren Glauben an ihr Wissen. Viele Flops sind leicht zu erklären – hey, wir experimentieren halt viel herum -, aber auch die wirtschaftliche, politische oder charakterliche Kritik, ob im konkreten Fall berechtigt oder nicht, war unterm Strich egal, solange Google das Subjekt blieb, dem unser Wissen unterstellt werden konnte, weil ihr Kern – die Suche – intakt blieb.

Subject supposed to know

Im Gegensatz zu Facebook oder Twitter, besteht der eigentliche Wert von Google im Glauben der Welt an die Genialität von Google. Wir gehen zu Facebook oder Twitter, weil dort unsere Freunde Dinge posten. Aber wir gehen zu Google, weil wir glauben, dass sie wissen. Google war das paradigmatische lacansche subject supposed to know. Es war eine Black Box, die man Beliebiges fragen konnte, und die ohne grössere Umwege die richtigen Antwort lieferte. Auch wenn nicht immer alle Ergebnisse ‘richtig’ waren, sie waren noch immer richtiger als bei allen Anderen, und ein, zwei Verfeinerungen weiter hat man das Gewünschte gefunden.

Facebook oder Twitter andererseits mussten nie als ‘wissend’ angesehen werden, weil allen Usern auf Facebook oder Twitter klar ist, dass sie selbst diejenigen sind, die alles machen; Facebook variiert zwar ein bisschen, was im Hauptstrom zu sehen ist und was nicht, aber im Großen und Ganzen helfen sich die Leute selbst.

Mit Google+ und der Sozialisierung der Suchergebnisse macht sich Google nun nicht nur angreifbar, sie zersetzen die Ordnung des Imaginären selbst. Wenn sie neben dem Suchergebnis anmerken ‘weil der Autor 15.000 Follower auf G+ hat’ oder ‘weil das der und der Kontakt geshared haben’ schreiben, ich aber weiß, dass derjenige vom jeweiligen Thema keine Ahnung hat und besser nicht als Hauptreferenz zitiert werden sollte, und wenn das Ergebnis dann auch noch nicht gut ist, oder wenn Google Vermutungen über das, was ich wohl meine, in die Suchergebnisse hineinfakturiert und mir deshalb falsche Antworten auf Fragen liefert, die ich gar nicht hatte, dann bringen sie das Konzept ihrer eigenen Dummheit selbst auf den Tisch. Indem Google in der Suche das ehemalig Implizite explizit macht, macht es sich selbst kritisierbar, wenn die Interpretation nicht funktioniert. Und dann liegt auch der Schluss nahe, dass Google auch ansonsten nicht so besonders schlau ist.

(die neuen sozialen, lokalen, etc. signale sind ja vl. als signal unter anderen gar nicht schlecht, oder nicht schlechter als altmodische dinge wie pagerank; 20.000 circler sind wohl tatsächlich schwerer zu simulieren als der standard SEO shit, der dann auch kompetenz simulieren will. aber vorgeführt zu bekommen, welche bedeutung ihnen google plötzlich zuschreibt oder welche falsche wertigkeit google plötzlich unterstellt, ist irritierend, und gegen falsche grundannahmen ankämpfen zu müssen ist ärgerlich. es gibt wenig, was mich in letzter zeit mehr frustriert hat, als ihr ungefragtes anzeigen der ergebnisse vom ‘did you mean’ suchbegriff. liebes google: I did not.)

Wenn sie glauben, sie wissen besser was ich will, als ich selbst, aber sie lösen das nicht ein, dann wirken sie dumm.

Es gibt wohl eine Reihe von systemischen Problemfeldern, die für die zunehmende Tollpatschigkeit von Google verantwortlich sind. Hier die Top 7:

Selbstüberschätzung

Ich glaube die Selbstüberschätzung ist der zentrale Grund, warum Google so viel Mist macht. Es ist wohl nicht verwunderlich, dass sie von sich selbst viel halten. Aber Google hatte das notwendige Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Die damalige Welt war bevölkert von Sauropoden, die sich primär für das Melken von Eyeballs interessierten. Google hat sie mit einer radikalen Ausrichtung am Kundennutzen ausgerottet, ihr Motto ‘don’t be evil’ war in diesem Kontext disruptiv.

Das bedeutet aber nicht, dass sie zu allen anderen Zeitpunkten und an allen anderen Orten auch das Richtige tun können. Die von ihnen gefundene Lizenz zum Gelddrucken verdeckt in der Tat eher ihre Unfähigkeiten zu späteren Zeitpunkten. Ihr Problem: Ihr gesamtes auf ‘Genialität’ und C-Code debuggende PhDs ausgerichtetes Mitarbeitergebilde und ihre ausschliesslich auf Messbarkeit basierten Entscheidungsprozesse lassen für sie keine andere Denkbarkeit zu.

Mit der Selbstüberschätzung verbunden ist eine partielle Realitätsverleugnung, die es ihnen verunmöglicht, einige Dinge realistisch zu sehen oder zu beurteilen. Die Tatsache, dass es ein soziales Web gibt und dass dieses soziale Web einen anderen König gewählt hat, haben sie jahrelang tatsächlich ausgeblendet, ähnlich wie Steve Ballmer jahrelang Apple ausgeblendet hat.

Aber auch die Möglichkeit, dass sie sich mit einer Einschätzung mal völlig irren können, kommt ihnen nicht so wirklich in den Sinn. Wenn sie aus der langen Geschichte ihrer Flops eines gelernt haben sollten, dann das. Aber nein, klappt was nicht, wird aktuell einfach die Zeitachse verschoben, die neue Trope (bei den Chrome Books, bei Google TV, bei Google+, etc.) lautet: wartet nur 6 Monate, dann seht ihr, wohin wir wollen. Ihr wisst nicht alles, was wir wissen. Wir haben einen Plan.

Die Selbstüberschätzung führt in letzter Zeit auch immer öfter zu einer Geste des our way or the highway – eine Krankheit, die sie u.a. mit Apple teilen. Aber während Apple dann häufig eine wirklich magische Erfahrung abliefert, wartet Google dann meistens mit Prototypen im Stile von Homer Simpson auf.

Lack of Leadership

It’s about caring enough to make an effort. If we define good enough sufficiently low, we’ll probably meet our standards. Caring involves raising that bar to the point where the team has to stretch.

who cares

Der Mangel an Führung äussert sich bei Google zumindest auf zwei Ebenen:

die erste ist projektbezogen. Es scheint viele Projekte zu geben, die einfach niemanden haben, der die Rolle des Gründers ausfüllt und das Projekt gegen widrige Umstände verteidigt. Zumindest nach der ersten Staffelübergabe fehlen alle Prozesse oder Mechanismen, um Projekte in der gebotenen Intensität weiterzuführen.

Und Google hat wohl auch ein Problem an der Spitze. Das ist zwar sehr spekulativ und basiert auf den Videos einiger Auftritte oder Gesprächsrunden mit Larry Page, aber mich dünkt, die Kommunikation geht eher in Richtung eines Titoismus, bei dem nach oben immer nur die gefälschten Erfolgszahlen durchgereicht werden. Man denke an die hochgepimpten Zahlen für Google+, die eher an die Erfüllung eines Fünfjahresplans erinnern.

(ich weiss nicht, ob larry page oder eric schmidt wissen, wie dünn und konzeptionell daneben G+ im vergleich zu facebook wirklich ist, beide haben wohl keinen der dienste wirklich benutzt; vielleicht wissen sie es ja auch und demonstrieren zweckoptimismus. aber so gute schauspieler sind sie glaub ich nicht.)

Mangel an Geschmack

Wenn Google was noch weniger kann als sozial, dann ist es Design. Es ist ihr Glück, dass der auf Speed fokussierte Minimalismus ihnen entgegen gekommen ist, weil man da einfach weniger falsch machen kann, aber das Design ist üblicherweise auf allen Ebenen (vom Layout bis zum sozialen Design) eine Katastrophe. Und schlimmer: es ist ihnen nicht bewusst, dass es eine Katastrophe ist. Bzw. noch schlimmer, die Katastrophe ist rekursiv: es ist ihnen ja bewusst, siehe das aktuelle globale Redesign, nur bleibt es ja auch unter der Bedingung der Katastrophenbewußtheit eine Katastrophe, und diese second order Katastrophe wird als solche wieder nicht erkannt. Geschmack kommt in ihrem Referenzsystem halt einfach nicht vor. Aber Geschmack wird immer wichtiger, weil Apple die Latte höher und höher hängt und das iPad und die iPad-Apps den Rest erledigen.

Trägheit

Wie langsam und träge der ganze Apparat Google mittlerweile geworden ist, sieht man etwa an der Pseudonymdebatte. Sie haben nicht weniger als 7 Monate gebraucht, um Pseudonyme – also doch ein Kampfthema – auf Google+ – also doch ihr aktuelles Kernprodukt – so irgendwie und immer noch unausgegoren zu unterstützen.

(immerhin verstehe ich jetzt die Motivation für ihr Pseudonymitätsverbot; ihr search plus your world SPYW Dings braucht soziale Richtigkeit, sonst funktioniert es nicht, weil man sonst eben diese aleatorischen Ergebnisse bekommt. Nur wirft das natürlich wieder die fundamentalere Frage nach ihrer Urteilskraft auf, weil sie wissen müssten, dass das Web so nicht funktioniert.)

Neid und Gier

Google ist überall dort gut, wo sie ihre ursprüngliche Mission verfolgen – das Wissen aufzubereiten und universell zugänglich zu machen. Die ersten Jahre haben sie sich auch darauf beschränkt.

Irgendwann haben sie aber damit begonnen, sich an anderen Firmen zu orientieren, die andere Wege gefunden haben, im Web Geld zu machen. Und auch wenn das dann mit ihrer Mission nichts zu tun hatte, wollten sie das dann auch haben. Was folgte ist eine lange Liste an Me-Too-Produkten, Flops und Facepalms (Twitter – Jaiku, Wikipedia – Knol, Yahoo Answers – Google Answers, iTunes – Google Music, Amazon – Google Books, Groupon – DailyDeal, Facebook – Google+, etc.).

Ein paar versuchte Klone, Schwamm drüber. Was aber bedenklich ist, ist die offensichtliche prozessuale Lernunfähigkeit von Google. Als hätten sie eine Zwangsstörung machen sie den gleichen Fehler immer wieder.

Damit komplementär verbunden ist auch eine fast schon skurrile Blindheit für das, was die oft offensichtlichen und für sie viel sinnvolleren Optionen oder Möglichkeiten betrifft. Nur ein Beispiel: Google Mini-Me

(übrigens nix gegen ihre diversifikation, aber sie sollte schlauer und weniger fatalistisch betrieben werden, sie sind ja oft bereit ein paar milliarden zu versenken, ab einem grenzwert ist es dann ja auch schon wieder egal usw.)

Infantilität

Gelegentlich blitzt auf, wie infantil Google im Kern eigentlich ist. Man hat das lange nicht gesehen, weil sie davor mit grundsätzlicheren Problemen beschäftigt waren.

Auch hier beginnt es mit der Verwässerung ihrer Mission, aus ‘die Informationen der Welt zugänglich und nützlich zu machen’ wird immer öfter der feuchte Traum eines Nerds: Der Computer soll mir das Denken abnehmen und das Leben vorhersagen. Was in den 60er Jahren die automatisierten Haushaltsroboter waren, ist seit 2010 die infantile KI von Google.

(Was mich hier stört ist nicht die KI / das ML, das ist superinteressant und birgt enormes Potential – vor allem für Google, die könnten ja aus dem vollen schöpfen -, sondern die von Google anvisierten Use Cases.)

Ein anderes Beispiel für die Infantilität sind die Gimmicks, die sich immer wieder einschleichen, etwa der Effekt beim Löschen eines Circles. Bei der Demo ist es cute und beim ersten Mal ist es lustig, dann wünscht man sich aber, dass sie doch mehr Energie ins allgemeine Handling der Circles gelegt hätten (das defacto unbrauchbar ist, was natürlich isoliert betrachtet Wurst, aber wegen der Bedeutung von Google+ für Google ein Irrsinn ist).

Ein weiteres Beispiel ist ihr ‘das kann ich auch’ Reflex; Google, ich glaub dir, dass du wie Bing das Hintergrundbild ändern kannst. Du musst das nicht am nächsten Tag in einer Hauruckaktion beweisen.

Oder auch die Catfights mit Facebook, siehe etwa reciprocity oder city of glass

Degeekification

Für mich persönlich eine der grössten Enttäuschungen ist, dass Google immer mehr auf die Geeks scheißt und Features nach rein buchhalterischen Kriterien bewertet.

Beispiel Offenheit: ja, da sind wir die allergrössten Fans von. Aber selbst sind wir nur dort offen, wo es uns passt. Ich mokiere hier gar nicht, dass sie die Kernalgorithmen nicht offenlegen oder einige Datenbanken nicht zum vollständigen Absaugen öffnen. Aber sie sind bei einer ganzen Reihe von Dingen nicht offen, bei denen sie es ohne Probleme für sich und mit Nutzen für andere sein könnten; sie offerieren fast nirgends RSS Feeds. Sie haben teilweise groteske Limits bei kleineren APIs. usw.

Beispiel Geekheit: mit dem internen und externen Geek Appeal schmücken sie sich ja gerne. Aber dann entfernen sie aus ihren Produkten genau die Features, die für Geeks interessant wären. Das ist doch traurig, weil man gerade von Google wie bei den Labs-Experimenten erhoffen könnte, dass sie sich auch Dinge, die halt nicht jeder verwendet, die aber die Spezialisten sehr schätzen, wertschätzen und kultivieren.

Nur am Rande gesagt: das Kultivieren von Features, die Geeks mögen, macht auch – gerade für Google – geschäftlichen Sinn, weil die dortigen Aktivitäten oft erst durchsickern, nachdem sie eine Zeit lang gegärt haben, die später aber das Salz in der Suppe werden, die Gesamtqualität erhöhen, die ein Indikator für Trends sind, der dann ein paar Jahre später der Mainstream wird, etc., aber das wäre Thema für einen eigenen Rant.