hmm, diese Radiergummidiskussion ist an mir irgendwie vorbeigerauscht, ich bin immer noch am Postprozessieren von 2 Wochen offline, was dann selbst zwei Wochen dauert also eigentlich ein wash ist, aber zum Glück bin ich doch noch drüber gestolpert, zum Glück deshalb, weil die Sache so seltsam/schräg ist, dass der Versuch der Emphase, wie man grundsätzlich jemals überhaupt auf so etwas (zaubertinte, die nach zwei jahren unsichtbar wird, das wird der exportschlager, ich schwöre) kommen kann, doch spannend ist.

Auf sachlicher Ebene gibt’s natürlich keine Nachvollziehbarkeit; wer weiss, wie man einen Screenshot macht oder wie man Textstellen kopiert, oder wer auch nur weiss, dass es grundsätzlich jedem möglich ist, Screenshots zu machen oder Textstellen zu kopieren, und das weiss wohl wirklich jeder, der weiss gleichzeitig, dass der Radiergummi eine reine Augenauswischerei ist und kein ernstgemeinter Vorschlag sein kann.

Aber wenn man sich anschaut, welche strukturfunktionalen Aufgaben Verbraucherschutz und Datenschutz – die zwei primären Protagonisten in den ganzen Diskussionen – haben, dann wird der Radiergummi plötzlich plausibel, und mit dem Radiergummi auch die ganzen anderen Debatten wie Street View, Stopschilder, Jugendmedienschutz, sehe-ich-mich-gezwungen, etc.

VS/DS sind politische Entitäten, die nach politischen Regeln spielen. Es ist nicht ihre Aufgabe Probleme pragmatisch zu lösen, sondern (im vorgeschobenen Auftrag der ‘Verbraucher’ oder ‘Benutzer’) Forderungen zu stellen, die in anschliessenden Verhandlungen mit den Forderungen anderer Parteien (üblicherweise diverser wirtschaftlicher Interessensgruppen) so lange aufgeweicht werden, bis man bei einem Kompromiss und/oder einer Regelung landet.

Man muss jetzt nicht besonders zynisch sein, um zu diagnostizieren, dass VS/DS kleine Würstchen sind, sobald ihre Anliegen mit konkreten wirtschaftlichen oder politischen Interessen kollidieren. Beispiel Verbraucherschutz: Die Machenschaften der Lebensmittelkonzerne werden (wenn es nicht gerade einen Giftskandal gibt) weitestgehend toleriert, bei allem, was man machen könnte, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, beschränken sich die Forderungen auf die Font-Grösse, mit der der Grundpreis von Lebensmitteln pro 100g ausgezeichnet werden muss und ähnlichem. Beispiele Datenschutz: Der ist natürlich sakrosankt, ausser Verlage wollen mit Adressen handeln, dann bekommen sie ein Listenprivileg; ausser es geht um die Terrorbekämpfung, da braucht die US-Regierung natürlich Zugriff auf die Bankdaten; etc.

Die (vor allem: Selbst-) Bewertung der Protagonisten (Aigner beim Verbraucherschutz, Schaar beim Datenschutz) kann deshalb nicht durch Bewertung ihrer Aktionen in Relation zum tatsächlichen Erreichen gesellschaftlich wünschenswerter Ergebnisse erfolgen, sondern kann nur am Anteil / dem Batting Average der Durchsetzung der gestellten Forderungen (egal wie sinnvoll oder sinnlos sie sind) gemessen werden. Es ist also durchaus rational, möglichst viele möglichst sinnlose Forderungen zu stellen, besonders in Bereichen, in denen kaum organisierter Widerstand zu erwarten ist (gut für den Durchschnitt), oder wenn es sich um einen bekannten Gegner wie Google handelt (gut für den Ruhm).

Wir dürfen also mit mehr und mehr solcher Ideen rechnen, was die zweite gesellschaftliche Funktion von VS/DS erklärt: Die Forderungen entsprechen den automagisch getriggerten Zwangshandlungen von Neurotikern, mit denen sich die Gesellschaft quasi selbst versichern will, dass alles so bleibt, wie es nicht mehr ist.

Auf der anderen Seite sind so ziemlich alle (webbezogenen) Forderungen von VS/DS auch völlig egal; bzgl. der Selbstverantwortung kann (und sollte) man auf sich selbst viel besser schauen (und das meine ich nicht als ‘jeder soll selbst schauen wo er bleibt’); andererseits sind auch die tatsächlichen Auswirkungen von grösseren Dingen wie Street View ein Monat später abgehakt und unspürbar, die verpixelten Bilder selbst haben gerade mal noch eine anthropologische/touristische Qualität; und auch an die immer wieder vorgetragene Erzählung ‘das alles macht deutsche / europäische Startups wettbewerbsunfähig’ glaub ich nicht, deutsche Startups verhalten sich zu US-Startups wie Welke mit der heute-show zu Stewart mit der Daily Show, wie DSDS zu American Idol, etc; es kann durchaus die eine oder andere Leuchte geben, aber das Grundniveau ist um einige Klassen niedriger und es entstehen also ganz grundsätzlich nicht die Szenen und Wettbewerbsbedingungen, die systematisch Weltniveau erzeugen. Die Gefahr von VS/DS besteht also nicht so sehr in besonders schlimmen persönlichen Nachteilen, die Gefahr besteht eher in der schleichenden digitalen Emigration der einen – die es sich leisten können, denen das Internet wichtig ist – und der Provinzialisierung des Rests.