was ich derzeit am komplex location am interessantesten finde ist, dass sich an der entwicklung die logik von social media in reinkultur beobachten lässt.

location ist natürlich ein thema, das sicherlich wichtig werden wird. einfach deshalb, weil der ort in vielen situationen ein wichtiger kontext ist und man also unter berücksichtigung dieses kontexts was sehr nützliches damit anstellen könnte.

schaut man sich aber die neueren dienste rund um location – foursquare, gowalla, brightkite, facebook places, usw. – an, dann ist deren entwicklung nicht davon getrieben, dieses eventuell sehr nützliche zu entdecken, sondern ausschliesslich davon, so schnell wie möglich soviele user wie möglich heranzukarren (die chance zum fundierenden viral loop gibts nur einmal, die zweiten fressen die hunde). sie bieten keinen wieauchimmergearteten nutzen an, sondern verwenden jeden möglichen trick aus dem game mechanics handbuch, um check-ins als leere signifikanten in einem sozialen raum zirkulieren zu lassen. virale virealität sozusagen, das soziale objekt check-in wird zum bedeutungslosen sozialen macguffin, das aber das system am laufen hält.1

der einzige konkrete nutzen liegt in der vermarktbarkeit. check dich ein monat lang jeden tag bei starbucks ein und bekomme einen cookie gratis, etc. aber während nichts gegen eine selbstgewählte satie’sche regelmässigkeit der lebensgestaltung spricht, ist eine anpassung, nur um an irgendwelche freebies oder badges zu kommen, natürlich völlig schwachsinnig. (die relation der massenmedien (wir produzieren zeug und verkaufen die aufmerksamkeit/eyeballs an die werbetreibenden) wird zur relation der sozialen medien (user machen was auf unserer plattform und wir verkaufen die möglichkeit zur aufgedrängten ‘konversation’ mit ihnen an die werbetreibenden)).

auch die berichterstattung über die services beschränkt sich im grunde darauf, das wachstum zu beobachten/zu feiern. die leere stört nicht weiter, die bewertung der dienste erfolgt auf basis der geschwindigkeit, mit der sich neue user anmelden, oder auf basis der anzahl an check-ins. die frage nach der nützlichkeit eines dienstes stellt sich nicht, die frage ist, welcher dienst wohl der gewinner wird und alle anderen killed. interessanterweise wird die abstrakte logik von social media durchaus gerne mitgedacht, entweder als begründung für den erfolg des gerade führenden dienstes oder als gute tipps für schwächelnde dienste, bevor man sie dann endlich abschreiben kann.

(das paradoxe am bejubeln des wachstums ist ja, dass je mehr es wächst, desto grösser die frustration zu werden scheint, dass es nicht noch viel schneller wächst. omg, twitter schickt nur 1/4 der referrals von facebook zu den gawker properties; hier ist der plan, den sie befolgen müssen, damit sie endlich auch den mainstream erreichen, etc. und dass es zu einer art verachtung von allem anderen kommt, idealerweise begleitet von einem grabgesang (etwa vom bloggen, man denke nur an vox, man braucht sich ja nur die stats anschauen, alles ausser tumblr ist im freien fall, bloggen ist überhaupt eigentlich nicht besonders sozial , etc.))

((firmen sehen diese entwicklung sicher nicht ungern. hatte man davor mit einer amorphen masse zu tun, gibts jetzt einige stellen, auf die man sich konzentrieren kann. ein bisschen sentiment analysis auf facebook und twitter und man bekommt hinreichend differenzierte kennzahlen und kann seine interventionen planen; aber das ist natürlich auch ein pyrrhussieg, weil man sich einerseits die möglichkeiten aller alternativen verbaut, und weil man andererseits keinen wettbewerbsvorteil hat, weil alle anderen ja das gleiche tun können, bis es zu einer übersättigung kommt und dann gar nichts mehr funktioniert))

das wäre natürlich alles völlig wurscht, wenn es parallel dazu eine ‘gesunde’ ausdifferenzierung in diesem bereich (also den social media kernfeldern; in anderen bereichen funktioniert die ausdiffernzierung zumindest hinreichend gut genug) gäbe. aber die gibt es nicht, bzw. immer seltener. die gründer selbst haben die funktionslogik verinnerlicht, spätestens nach der ersten finanzierungsrunde wird der letzte funke ‘idee’ ausgetrieben und die ‘dummen’ kriterien in das eigene angebot injiziert und der eigene dienst in bezug auf den möglichen marktanteil hin restrukturiert. man denke etwa an die autodekonstruktion von digg, auch bei twitter werden erste symptome ersichtlich.

(mir fällt kein anderer bereich ein, der sich selbst so stark subordiniert. pop von der stange hin oder her, kein musikjournalist würde auch nur auf die idee kommen, innerhalb eines genres den weniger erfolgreichen acts nahezulegen, wie die erfolgreicheren zu klingen; und kein fan hat ein problem mit seinem eigenen geschmack, der ist per definitionem eigenrichtig, die distinktionsgewinne entstehen ja gerade durch die abweichung vom mainstream und dann innerhalb des eigenen clusters; der vergleich hinkt natürlich, aber man kann sich leicht als gedankenspiel durchdenken, was der social media diskurs zu spielen, sport, essen, etctrara sagen würde, bzw. welche effekte das hätte, wenn sich diese bereiche dann daran hielten.)

aber ich schweife ab. die sozial mediale autopoiesis von location ist jedenfalls faszinierend.

1 natürlich ist der datentyp check-in offen, hackbar und also nicht völlig sinnlos, es spricht ja nichts dagegen, es etwa als dokumentation des eigenen situationistischen streunens zu verwenden, etc. nur wird das halt nicht von den tools nahegelegt oder gefördert.