Beim Lesen des Feuilletons und beim Betrachten der Diskussionen mit Feuilletonisten im Fernsehen stellt sich (wenn es um das Thema Web geht) unweigerlich die Frage: Warum tun sich Intellektuelle mit dem Web so schwer?

Man möchte glauben, dass zumindest grosse Teile ob des offensichtlichen Potentials frohlocken (die Möglichkeiten! für einen selbst!! für die Zusammenarbeit!!! für die Gesellschaft!!!!), aber nein, ohne Übertreibung sind fast alle Ergüsse pseudokritischer gequirrlter Bockmist oder Themenverfehlungen, diplomatischer formuliert. Aber warum nur?

These: Intellektuelle tun sich mit dem Web deshalb so schwer, weil sie intuitiv spüren, dass sie dem Web egal sind.

Exkurs: Was tun Intellektuelle?

Hobby-soziologisch betrachtet produzieren und engagieren sie sich in Diskursen, mit denen sie auf dem Sprachmarkt Distinktionsgewinne erzielen, die sie in der Folge an verschiedenen institutionellen oder wirtschaftlichen Positionen einlösen können (siehe dazu das Gesamtwerk von Pierre Bourdieu).

Damit das funktioniert, müssen sie natürlich einen gewissen Systemnutzen (oder zumindest eine vom System angenommene Systemnutzensimulation) stiften, z.b. in Form von Irritation oder Vermittlung (Professoren, Journalisten, Kritiker, ..). Ihre Aktivitäten müssen also einerseits differenzierter (zumindest komplizierter) als der durchschnittliche Hausverstand sein (sonst wären sie überflüssig), gleichzeitig müssen sie aber anschlusskommunikabel sein (sonst würden sie nicht angenommen).

Vor und in das Web gestellt befinden sich Intellektuelle nun vor einem Dilemma: Es ist so gut wie unmöglich, (von außen) Aussagen über das Web zu formulieren, die (innen) beide Kriterien erfüllen (weltweit gibt es vl. eine Handvoll Leuten, denen das gelingt; die Wahrscheinlichkeit, dass der Hausundhofintellektuelle der lokalen Tageszeitung da dabei ist, geht gegen null).

Ein Grund dafür ist, dass das Web eher – ja was eigentlich? – ist. Die Analogie stimmt zwar nicht ganz, aber auf gewisse Weise entspricht das Web der Funktionslogik der Sprache. Um (mit anderen) sprechen zu können, muss man sich der symbolischen Ordnung der Sprache ‘unterwerfen’. Die Sprache definiert in der Folge den grundsätzlichen Möglichkeitsraum des Sagbaren, aber nicht, was gesagt wird. Und auch das Web spannt einen neuen Möglichkeitsraum auf, definiert aber auch wiederum nicht, was daraus gemacht wird. (systemtheoretisch ist das web kein system, sondern eine art umwelt-öl, das es anderen systemen ermöglicht, sich als umwelten wahrzunehmen und sich also auf neue art zu interpenetrieren; unterm strich: alles interpenetriert alles). Das Web ist zwar an sich trivial, aber das durch Praxis realisierbare Potential ist natürlich gewaltig.

Ich glaube zwar nicht, dass es grundsätzlich unmöglich ist, einen adäquaten Diskurs über das Web zu führen ohne daran teilzunehmen, aber ein halbwegs entwickeltes Gespür kann man wohl nur durch Partizipation bekommen. (adäquat bedeutet natürlich nicht, möglichst viele positive aussagen zu sammeln, die sind fast immer noch blöder als die negativen; adäquat bedeutet auch nicht ‘richtig’). Aber teilnehmende Beobachtung meiden – zumindest die deutschen Intellektuellen – aus irgendeinem Grund wie den Beelzebub.

Wenn die meisten Intellektuellen vom Web blabbern, führen sie also keinen Diskurs über das Web, sondern einen Diskurs über ihre eigenen Aussagen (und gelegentlich über genauso irrelevante zitate von ‘protagonisten’) über das Web. Keiner versucht zu verstehen ‘what’s going on?’ und schon gar keiner versucht seinen Denkraum durch Teilnahme zu erweitern, stattdessen werden einige etablierte Erzählungen in einer Auslaufrille wiederholt und notdürftig auf das eigene Thema gemappt.

Das ist zwar ein durchaus rationales Verhalten, siehe oben, Distinktionsgewinne sind damit aber nur ausserhalb des Webs möglich (einfach deshalb, weil der großteil ihrer aussagen von jedem im web als ganz offensichtlicher blödsinn wahrgenommen werden). Was bleibt ist also die Rolle des konfirmativen Beschützers von Feldern, die im Web (oft nicht zu unrecht) eine Verunsicherung/Erschütterung vermuten. Damit erweisen sie ihrer Klientel zwar einen Bärendienst, reproduzieren aber natürlich ihre Existenzgrundlage.

Wie vglw. einfach es wäre, ihre Distinktionsgewinne auch in das Web zu übertragen, zeigt uns der Fall Peter Kruse. Auch Kruse ist eher ein Zaungast im Web, aber er erfüllt die zwei oben erwähnten Kriterien (background hirnforschung als vertrauensbildende einleitung, ein bisschen jargon aus der netzwerktheorie (grundrauschen, kopplungsdichte, kreisende erregungen, …) also differenzierter als der hausverstand; anschlusskommunikabel, weil er das web positiv besetzt (angriff auf die etablierten machtstrukturen, das ist / ihre alle seid realität und das wird nur noch mehr, …)).