kleine anmerkung zu peter kruses vortrag bei der re:publica … so erfreulich seine person in dem ganzen deutschen herumlaberdiskurs auch ist, mit seiner hauptthese, das problem sei ein problem der werte und ist deshalb durch diskurse auf sachlicher ebene nicht ausdiskutierbar, sitzt er glaub ich auf dem falschen dampfer. genauer gesagt hat er mit dem es ist nicht ausdiskutierbar recht, aber aus den falschen gründen und deshalb mit den falschen schlussfolgerungen.

basis seiner thesen sind zwei achsen:

einerseits die beobachtung der beschreibungen des internets, die er in die gruppen ‘das internet macht uns alle dumm und nurgottweisswassonstnochalles kritiker’ und die ‘distanzlosen euphoriker’ teilt.

andererseits eine studie, bei der die wertemuster von ‘heavy usern’ gemessen und gruppiert wurden, und wo sich in der folge zwei paradigmatische typen herauskristallisierten, digital visitors und digital residents, wobei beide gruppen die sachlage richtig beurteilen, aber wegen der jeweils verschiedenen wertelandschaften völlig unterschiedlich interpretieren. ein rationaler disput sei deshalb nicht möglich, solange nicht diese wertedifferenzen von allen beteiligten ausreichend mitreflektiert werden.

ohne jetzt die grundsätzliche bedeutung von werten auf unsere ganz allgemeine operationsweise (wahrnehmungsapparat, etc.) herunterspielen zu wollen, die von ihm extrahierten wertebündel deuten eher auf den grad des verständnisses und auf die jeweils konsumierten quellen und nicht auf eine unveränderliche disposition und ‘echte’ werte hin.

heavy user zu sein heisst zunächst einmal überhaupt nix. (ich kann mein leben lang fernsehen und hab trotzdem null verständnis für medientheorie, creative sitcom writing, fernsehtechnik, etc.)

wenn ich mir den katalog an (die implizit dann die werte beschreibenden) begriffen anschaue, mit denen er die leute vermisst, dann sind die allermeisten grundsätzlich orthogonal zum web. sie haben mit dem web nix zu tun. er konstruiert gegensatzpaare, die aber eigentlich UND-verknüpfungen sind. er konstruiert zuordnungen, die aber eigentlich verkrustete und wiedergekaute diskursfragmente sind.

(es ist dabei nicht hilfreich, dass der diskurs der massenmedien grundsätzlich hysterisch ist, also immer nur nach oben oder unten masslos übertreibt. der organische diskurs krächzt mitunter deshalb so vor sich hin, weil er sich in diesem wirrwarr an genauso blöden und leider oft genauso hysterischen gegenreaktionen verfängt, die ganzen begrifflichkeiten sind oft schon falsch, bevor sie überhaupt erst gefasst werden können)

((das andere, was nicht hilfreich ist, ist, dass die beschreibungen immer mit zu ‘grossen’ begriffen belegt werden, als hätte das web das notwendig, aber das ist eine andere geschichte))

RT @marshallmcluhan Stop asking “Is this a good or bad thing?” and start asking “What’s going on?”

aber um auf meine kritik an kruses diagnose zurückzukommen: ich glaube also nicht, dass unser problem ein problem inkompatibler (und deshalb kaum zu überwindender) wertvorstellungen ist. ich glaube eher, dass die jeweiligen wertebündel nur das symptom des grades und der qualität unserer jeweils spezifischen interpenetration mit dem system web sind. und diese interpenetration ist kein linearer evolutionsprozess (sprich: es ist nicht so, dass die einen weiter sind als die anderen, dass eine stärkere selbstkoppelung an das web fortgeschrittener als eine schwächere ist, etc.), aber es ist doch so, dass es grade an verständnis (oder besser verständnissen) gibt, die die eine oder andere wahrnehmung verunmöglichen oder als scheinwiderspruch erkennen lassen.

(verstehen ist natürlich ein blödes wort, wir können das alles alle zusammen nicht richtig verstehen, verstehen also eher im sinne von verstehen, dass man zwar nix verstehen kann, dass man aber versuchen kann, die möglichkeitsräume von den dingen zu erahnen und für sich und die eigene lebenspraxis abzuchecken, dass man versuchen kann zu beobachten, was andere machen und welche dynamiken dadurch entstehen, dass man für sich herausfinden kann, was für einen selbst funktioniert und was nicht, etc.)