you don't have to be drunk to see double

Buzz ist weder ein Facebook- noch ein Twitter-Killer. Wenn überhaupt von irgendwas ein Killer, dann von Yammer und Konsorten, wenn sie ihre Enterprise Version gestartet haben. Aber der ganze Vergleich hinkt. Leider kann man nicht in Google reinschauen, was sie sich bzgl. ihrer social strategy davon versprechen, aber ich vermute fast, dass ihre primäre Idee eher so in Richtung die Menschen lieben es ganz offensichtlich, im Web Zeug zu sharen, warum sollten sie das nicht bei uns tun? geht, und das dann auf ihre Art weiterdenken (siehe unten).

Was Google aber wie so oft nicht versteht, bzw. versteht, aber nicht besonders gut umsetzt, ist, dass das Sharen von Stuff kein abstraktes Bedürfnis ist, sondern in Dialektik mit der Dynamik eines Dienstes entsteht.

Bei Facebook und Twitter und allen anderen erfolgreichen Diensten ist diese Dynamik klar geregelt. Facebook ist Kommunikation unter Freunden, Twitter ist öffentliche Kommunikation unter Interessierten. Der eigene social graph auf Facebook hat sich, zumindest im Kern, in einer Vorzeit entwickelt (aka Freunde). Der eigene social graph auf Twitter entwickelt sich organisch und adjustiert sich permanent. Buzz macht aus den Versatzstücken social graph und sharing einen Eintopf und rührt ohne Fokus kräftig darin rum. Email-Kontakte z.b. sind weder (notwendigerweise) Freunde, noch Leute, die sich (notwendigerweise) für die eigenen Ergüsse interessieren, noch sind deren shared items (notwendigerweise) für einen interessant. Angezeigt wird, anderes Beispiel, nur, was Google nach Filterung durch eine black box als relevant erachtet. Vertraut uns, das können wir, wir haben das erfunden.

buzz tabs
(wobei die versteckenden tabs recht schick sind)

Und es gibt natürlich noch eine Reihe von ans frühe FriendFeed erinnernde rookie mistakes, bei denen man aber davon ausgehen kann, dass sie in kommenden Iterationen ausgemerzt werden, das betonen sie auch selbst.

Und es gibt eine weitere Reihe von falschen (oder besser: kontingenten, aber in ihren konsequenzen nicht bedachten) konzeptionellen Grundannahmen der Google-Hirne, wie man sie bei so ziemlich jedem Google-Dings, das irgendwas mit social zu tun hat, kennt.

Davon abgesehen hat Buzz aber mehr Potential, als alles andere, was bisher von Google im Bereich social gekommen ist. Wenn man von Buzz, dem Produkt in der derzeitigen Form, abstrahiert, schlummert darunter Buzz, die Plattform, die doch eine Art universelle Pumpe für all things social werden könnte, weil Google damit zum ersten Mal zwei Dinge zusammenführt:

  • ein Superset von offenen Standards, mit denen sich so ziemlich alles abbilden lässt, was an sozialen Inhalten produziert wird, inklusive Reaktionen und Beziehungen (Atom/RSS, MediaRSS, Activity Streams, Social Graph API, webfinger).
  • und die Technologie, das alles und kostenlos an jeden interessierten Endpunkt in Echtzeit zu pumpen (PubSubHubbub, OAuth, AtomPub, Salmon).

Wenn man so will, ist Buzz, das Produkt, eine suboptimale Demoversion für Buzz, die Plattform, und anders als etwa bei Google Wave kann man davon ausgehen, dass es auf Basis der Plattform relativ zeitnah diverseste Services und Integrationen geben wird.

Das heisst nicht, dass damit alle Silos aufgebrochen werden, was wohl auch nicht wünschenswert wäre, Silos haben auch ihren Sinn. Aber auf Basis von Buzz könnte sich ein webweites soziales Nervensystem entwickeln, das dann angezapft und auf tatsächlich neuartige Weise reinterpretiert werden kann.

miniproductivity tipp am rande: wenn man zur alten version von gmail wechselt, dann gibts den ganzen buzz nicht. man muss also buzz nicht gleich ganz deaktivieren, wenn einem das phasenweise nicht in die inbox passt.