Eine der traurigsten Tropen im Diskurs im und um das Web ist die des Early Adopters. Der Begriff Early Adopter bringt nichts, stört nur und verhindert die Entwicklung von Positionen.

Die Beschreibung von Personen als Early Adopter basiert auf der im Web sinnlosen Notion einer fortschrittlichen Zeitlichkeit. Die Entwicklungsgeschichte wird als linearer, zeitlicher, teleologischer Strahl konzipiert. Wer vor den anderen auf neue Entwicklungen aufspringt, gilt als schneller und besser. Das erworbene kulturelle Kapital ist allerdings kurzlebig, weil es keinen Stillstand geben darf. Es ist schnell wieder verspielt, wenn man nicht immer auf die nächste neue Entwicklung umsteigt.

Aber im Web gibt es keine Zeitlichkeit, weil alles für alle immer schon gleichzeitig ist. Jede neue Anwendung ist sofort für alle verfügbar, jeder neue Inhalt ist sofort für alle zugänglich. Das Web ist keine Serie von disparaten Linearitäten, sondern ein Gewebe, das alles in sich aufnimmt und synchron miteinander verbindet; eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeiten; ein Potential, dessen Möglichkeiten angezapft werden können, oder nicht. Das Web ist postkontemporär.

Ganz allgemein gesagt sind Webdienste Möglichkeitsräume. Möglichkeitsräume, die zwei Serien triggern können:

Eine Serie der individuellen Intensität, also dem Grad mit dem man den Dienst für sich selbst (aktiv oder passiv) nutzt und sein Leben dadurch besser, interessanter, spannender macht. (Auch wenn man etwas nicht benutzt, ist es gewissermassen doch als Umwelt da. Allerdings ist die persönliche Intenitätsstufe dann halt null.)

Und eine Serie der kollektiven Resonanz, also dem Grad mit dem der Dienst zum Schwingen gerät, Koppelungen und Rückkoppelungen mit anderen Diensten, Systemen, Feldern eingeht und dabei das Leben für die Freunde und die Welt besser, interessanter, spannender macht.

Für jeden Einzelnen geht es also, um zum Early Adopter zurückzukommen, weniger darum, ob man früher oder später damit beginnt, einen Dienst zu nutzen, sondern um die Intensität, mit der man ihn zu einem je gegebenem Zeitpunkt nutzt, und um die Resonanzkörper, die dadurch um ihn herum entstehen. Wenn man etwas nicht verwendet, weil man keinen persönlichen Anknüpfungspunkt darin sieht, dann ist man nicht hinten, sondern handelt rational. Wenn man auf jeden Zug aufspringt, der gerade losdüst, ohne sein Leben dadurch besser zu machen, ist man zwar Early Adopter, aber auch ein Dummkopf.

Das bedeutet jetzt nicht, dass es nicht sinnvoll ist, zu versuchen am Laufenden zu bleiben. Wer kein Sensorium für die ja stetig wachsenden Möglichkeiten entwickelt und kultiviert, wer nicht weiss, was es alles gibt, der hat natürlich die Opportunitätskosten der Nichtbenutzung.

Aber die fast schon penetrante Ungeduld der Neuheit und des jeweils Nächsten hilft dabei selten weiter. Und die Erzählfigur des Early Adopters ist besonders traurig, weil sie gleich zwei Positionen in ihrem Blickwinkel einschränkt:

Die Fremdzuschreibung spart sich durch die Diagnose ‘das ist halt was für Early Adopters’ die Auseinandersetzung mit den Phänomenen. Early Adopters wird gerne mit anderen Begriffen wie ‘selbsternannte Internetelite’ oder (nie konkret benannten) ‘Propheten’ oder ‘Vordenkern’ kombiniert, um eine künstliche Differenz zwischen ‘denen’ und dem ‘normalen wir’ zu konstruieren. Sollen die halt machen, mit ihren Zauberwörtern Blog und Wiki und Flickr und Twitter, wir sind normal und wir wissen, dass das alles ein Blödsinn ist.

Die Selbstzuschreibung ‘ich bin ein Early Adopter, weil ich tool yxr benutze’ ist allerdings fast noch blöder, weil mitunter ein Selbstbild und Gruppengefühl konstruiert wird, das auf nichts begründet ist, und weil ein Tunnelblick entwickelt wird, der blind für die Eigentlichkeiten ist. Es ist keine Leistung früher als andere einen Dienst zu verwenden. Wer ein, zwei Blogs liest und sich überall anmeldet ist der Earliest Adopter schlechthin und erzeugt dadurch alleine noch überhaupt keinen Wert, weder für sich, noch für andere. Was aber getrübt wird, ist der Blick auf das, was funktioniert und warum.

Wer sich selbst als Early Adopter konzipiert, tappt nur allzuleicht in die Falle, eine individuell wertvollere Verwendung von Webdiensten gegen eine wertlosere aber neue Verwendung einzutauschen.