kleine Nebenbemerkung: in den ganzen Debatten zum deutschen Kopierwesen bzw. Copycat-tum wird immer eines übersehen, nämlich dass sich in diesem Zuge paradoxerweise auch zunehmend die erste tatsächlich eigenständige deutsche Web-Theorie etabliert. Ich nenne sie in Anlehnung an Bourdieu einmal Entwurf einer Theorie der Kopier-Praxis.

Wann immer das Thema die Deutschen und ihre Klone von einem grösseren US-Blog aufgegriffen wird, dann poppen auch die Reaktionen auf, die sagen: stimmt ja nicht, das ist eigentlich ziemlich innovativ und gut, was wir hier machen.

Unlängst etwa Matt Marshall mit The German start-up scene: Copycats, but getting smarter (via) und als Reaktion Peter Schüpbach (übrigens ansonsten keiner der aggressiv/pragmatischen Kloner) mit Copycat – oder ‘act local’, aber es gibt eine ganze Reihe solcher Threads, deutsche startups oder gründerszene hatten einmal sogar eine ganze Serie mit Anleitungen zum richtigen Kopieren.

Das interessante an dieser sich abzeichnenden Theorie ist, dass sie mehr oder weniger vollständig ist, nur dass einige Begrifflichkeiten wie Ideen, Innovation, Kreativität, etc. aufgehoben aber dennoch in einer Art euphemistischer second order Reinterpretation wieder zurückgeschleust werden. Die eigene Idee zu einem Microblogging-Dienst, bei dem man max. 140 zeichige Nachrichten schreiben kann, kann einem durchaus während der Verwendung von Twitter kommen, mit einem Mechanical Turk Klon kann man durchaus auch staatliche Innovationspreise einheimsen, usw.

(dieser ansatz ist natürlich nur einer unter vielen. was wohl stimmt ist, dass es in deutschland tatsächlich keine grossen entwürfe zur zukunft des web gibt, nichts, was das gesamte milieu verändert, aber zu behaupten es gebe keine innovationen ist natürlich ein blödsinn. und auch bei den pragmatischen kopierkatzen gibt es viele, die ohne wahrnehmungsverschiebung auskommen und einfach die deutschen tugenden betonen bzw. den wert auf die ausführung und in der folge das community-building usw. legen. aber systemtheoretisch ist die copycat-theorie interessanter, weil sie die systemische komplexität reduzieren, indem sie ihre umweltsensoren minimieren, etc.)