Gleich nochmal Seth Godin (einer meiner Lieblingsblogger) zum longest tail – und haha, der Eintrag ist gleich auf mehreren Ebenen völlig daneben.

Er stöbert also in einer Ramschkiste von CDs, kennt nix und denkt sich:

It’s almost impossible to buy music with no frame of reference. There were no hits, no recommendations, no “if you like x, you’ll like y”. I realized that the time it would take to decide if I liked an album was probably worth more than the $3 it would cost to buy one – in other words, not even worth it for ‘free.’

erste falsche Annahme: als hätte man jemals keinen Referenzrahmen. Den hat man immer, der ist das, was man in seinem bisherigen Leben aufgesogen und für sich als Geschmack kultiviert hat, das persönliche Wissen um Bands, Musiker, Labels, Stile, … das man sich (üblicherweise höchst ausdifferenziert) angeeignet hat. Und wer Platten sammelt weiss, mit welchem Affentempo man Ramschkisten scannen kann und welche tief sitzenden Assoziationshöfe dabei getriggert werden. Dabei kann es natürlich vorkommen, dass man gar nichts kennt, was uns zur

zweiten falschen Annahme bringt: als wäre die leere Schnittmenge zwischen dem Angebot und dem eigenen Wissen keine Information. Aber eine leere Schnittmenge bedeutet, dass es sich um etwas handelt, mit dem das eigene Referenzsystem bis dato nichts zu tun gehabt hat, auf das man im übrigen auch nicht über etwaige webbasierte Empfehlungsmechanismen gestolpert wäre (sonst würde man zumindest den einen oder anderen Künstler kennen). Und das kann zwei Dinge bedeuten: es handelt sich um Produkte aus einem völlig inkompatiblen Geschmacksset, oder es handelt sich um ein Genre das man nicht kennt, das einem aber gefallen könnte. Was uns zur

dritten falschen Annahme bringt: er konzipiert verbilligte Musik als Totalschaden – wenn die Informationsbeschaffungskosten (der individuelle Zeitwert, den man für’s Herausfinden ob’s einem gefällt oder nicht aufwenden muss) höher sind als der Kaufpreis soll man sie nach Seth vermeiden und also auch vom Kauf absehen. Aber, wenn man so will:

Musik ist – weil sie so billig ist, also zwischen 0 und 15 Euro pro Album – immer schon ein Totalschaden. Die Informationsbeschaffungskosten für Tracks die einem wirklich gefallen sind immer viel höher als der Kaufpreis. Aber der persönliche Nutzen nimmt mit dem Grad des Gefallens, des Identifikationspotentials, der geschmacklichen Unwahrscheinlichkeit, … exponentiell zu – und Lieblingstracks sind sowieso unbezahlbar. Nur wird man natürlich bei der Suche nicht irgendwo beginnen und den long tail von hinten aufrollen, sondern dort, wo es wahrscheinlicher ist, dass man über was Spannendes stolpert.

Und dann macht er einen Sprung (wobei mir auch nicht so ganz klar ist, wie er das aus dem vorangegangenen ableitet):

Musicians, bloggers, writers – if you’re toiling in the long tail, getting stuck at zero is now a real possibility. Being just like the other guys but trying harder is less of an effective strategy than ever before.

vierte falsche Annahme: als wäre die Möglichkeit, unbekannt im long tail zu stecken, was neues (nur gibt es jetzt eben viel bessere Möglichkeiten in Subszenen, Microcommunities, in Japan … erfolgreich zu sein und eben nicht mehr völlig vor sich hin zu stecken)

fünfte falsche Annahme: als wäre das gleiche gleicher zu machen jemals (ausser für reflexive Strategien der Scheingleichheit usw.) eine effektive Strategie für irgendeinen (long tailischen) Künstler gewesen, da heisst es immer anders, schneller, weiter, weiter. Das einzige Feld, das nach dem Motto just like the other guys but trying harder operiert, ist das der Fliessbandproduktion für diverse Charts (für die stimmt, was er sagt, aber die hat er nicht gemeint.)

(abt. die welt wie sie ist)